Zehn Tonnen Altkleider pro Woche

Der »Textilhafen« der Berliner Stadtmission will Kleidungsspenden sinnvoll verwerten

  • Von Claudia Krieg
  • Lesedauer: 4 Min.

»Wir sortieren hier Kleidung nicht zum Spaß, sondern weil Menschen sie brauchen.« Mario Weindl, zukünftiger Mitarbeiter des »Textilhafens« in der Lagerhalle der Storkower Straße 139 spricht am Donnerstagvormittag neben deutlichen Worten auch Andacht und Segen zur Eröffnung der Einrichtung der evangelischen Berliner Stadtmission. Aber im »Textilhafen« sollen sich nicht nur Menschen ohne oder mit nur wenig Geld ausstatten können.

Statt Kreuz schwebt über den drei Meter hohen Regalen der Halle allerdings ein riesiger rosa Gummiflamingo, der zum heißen Wetter passt. Hier sollen zukünftig die Altkleiderspenden, die nicht in den von der Stadtmission betriebenen Kiezläden und Kleiderkammern ausgegeben werden oder dort übrigbleiben, sinnvoll weiterverwendet werden. Der Großteil befindet sich in gutem Zustand, oder, wie Mario Weindl vor den anlässlich der Eröffnung mit über 50 zahlreich Versammelten befindet: »Was in Berlin als kaputt in die Spende geht, ist zum Teil hochwertig.«

Auch wenn es ihm hier vor allem um tonnenweise gespendete Kleidung geht: Beim anschließenden Rundgang durch die 420 Quadratmeter große zweigeteilte Halle gibt Weindl zu bedenken, was den Tausenden obdachlosen Menschen in Berlin, die durch die Stadtmission versorgt werden, häufig fehlt und in den Alttextilien selten zu finden ist: Ruck- und Schlafsäcke, Hygieneartikel, Unterwäsche. Letztere wird aus diesem Grund im Raum, der Kreativbereich oder »Upcycling-Lab« genannt wird, aus Jerseystoff selbstgenäht. Aus alten T-Shirts, die in Streifen geschnitten werden, werden am mittendrin stehenden riesigen Webstuhl Teppiche gewebt. »Unser Herzstück«, nennt ihn Chocco Nox. Nox hat in den vergangenen sieben Wochen hauptverantwortlich die Einrichtung vom »Textilhafen« koordiniert und 50 ehrenamtliche Mitarbeiter*innen berlinweit gleich mit. Ein Kraftakt: Wer kann sich vorstellen, was es heißt, jede Woche über 10 Tonnen, das heißt 1000 Einhundert-Liter-Säcke, sinnvoll zu sortieren? Erschöpft wirkt Nox allerdings nicht: »Ich bin das Powerhaus, das das Ganze hier angetrieben hat.«

Die »Power« wird sicher auch gebraucht: Es soll zukünftig nicht nur ausgegeben, verkauft, selbst genäht und gewebt werden, sondern auch auf Bestellung nach Stoff, Farbe oder Material sortiert werden. Egal, wer etwas braucht, soll sich im »Textilhafen« entsprechend versorgen können. Nur so, sagt Nox, könne man auch verhindern, dass mit den Tonnen von Alttextilien wie üblich vorgegangen wird: Sie werden in osteuropäische oder afrikanische Länder zurück geschickt, wo sie bereits zu Billiglöhnen und schlechten Arbeitsbedingungen hergestellt wurden.

Der Absurdität des Kreislaufs, den die globalkapitalistische Billigproduktion von Kleidung nimmt, ist man sich im Team des »Textilhafens« bewusst, so wie man den Mitarbeiter*innen anmerkt, mit wie viel Engagement und Herzblut sie die Einrichtung vorangebracht haben. Viele bringen hier eigene Ideen und Netzwerkkontakte mit ein.

So haben es sich Ana Lichtwer und Martin Zwick, Geschäftsführer von Komm&Sieh auch vorgestellt. »Leute, die etwas brauchen, kommen, und Leute, die etwas abzugeben haben, kommen auch«, sagt Zwick bei seiner Rede anlässlich der Eröffnung. So wie in einem richtigen Hafen eben, meint der in Bremen Geborene und hat dabei wohl den Überseehafen der Hansestadt an der Weser im Kopf. Es gehe, so Zwick, aber auch darum, das Thema Nachhaltigkeit im Konkreten zu diskutieren, wenn Menschen billig Kleidung erwerben und sie nach wenigen Malen Tragen wieder wegwerfen. »Schöne Sachen« seien es, die das betrifft, strahlt Dominica Siwinska. Seit einem Jahr, erzählt die junge Frau, sei sie ehrenamtlich bei der Stadtmission dabei, in den letzten drei Tagen hat sie hier die Regale mit Kisten gefüllt, in denen die Textilien nach Farbe und nach Männer- und Frauenkleidung hineinsortiert wurden. »Das macht alles viel Sinn, ich wusste selbst nicht, was die Leute alles an wirklich guter Kleidung wegwerfen. Ich bin sehr zufrieden, hier gelandet zu sein«, erzählt die junge Siwinska, die selbst sehr modebewusst gekleidet ist.

Wer den »Textilhafen« sucht, findet ihn entlang der - allerdings nicht angezogenen - Schaufensterpuppen, die an der Storkower Straße aufgestellt sind. Noch sind die Öffnungszeiten etwas knapp bemessen, sie sollen aber schnellstmöglich ausgebaut werden. Zur Zeit kann man Donnerstags und Freitags von 16 bis 20 Uhr und am Samstag von 12 bis 20 Uhr kommen. Kaum sind die Eröffnungsreden verklungen und der Rundgang vorbei, stürzen sich die ersten auf die Regale und Auslagen. Das Konzept vom »Textilhafen« könnte ein sehr erfolgreiches werden.

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