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Reinigung durch Brennen

Man kann, man will irgendwann nicht mehr wegsehen: »Burning«, ein Mystery-Drama und Psychothriller der besonderen Art

  • Von Felix Bartels
  • Lesedauer: 6 Min.

Wie oft lässt das deutsche Release eines erfolgreichen, nicht amerikanischen Films lange auf sich warten. Der Film »Burning« kommt erst jetzt, 13 Monate nach dem Heimstart in Korea, neun nach dem Start in Belgien und Frankreich. In Cannes hatte der Film den Rekordwert der Kritikerumfrage der Fachzeitschrift »Screen International« gebrochen und war bei der Jury dann leer ausgegangen. Dass der Rekord bis dato vom mordsmäßig miesen Machwerk »Toni Erdmann« gehalten wurde, bezeigt, wie viel so ein Wert wert ist, nämlich gar nichts. Auf die Kritiker kommen wir noch zurück.

Die Handlung von »Burning« spielt in Seoul. Während eines Botendienstes trifft Jong-su (Yoo Ah-in), ein junger Mensch mit schriftstellerischen Ambitionen, auf seine frühere Mitschülerin Hae-mi (Jeon Jong-seo), die er zunächst nicht wiedererkennt. Beiläufig fällt die Bemerkung, dass sie ein paar kosmetische Eingriffe hat vornehmen lassen. Sie fragt Jong-su beim Abendessen, ob er ihre Katze füttern könne, da sie für ein paar Wochen nach Nairobi fliegt. Am nächsten Tag haben die beiden Sex in Hae-mis Wohnung. Jong-su füttert regelmäßig die Katze, die er nie zu Gesicht bekommt. Als Hae-mi zurückkehrt, bringt sie Ben (Steven Yeun) mit. Es entsteht eine schwierige, latent sadistische, kaum je direkt verbalisierte Beziehung zwischen den drei Menschen, die gleichwohl aneinander interessiert scheinen. Ben erzählt, dass er in seiner Freizeit Gewächshäuser niederbrennt. Irgendwann verschwindet Hae-mi spurlos. Jong-su begibt sich auf die Suche nach ihr.

Es ist nicht leicht anzugeben, welchem Genre der Film angehört. Er beginnt wie ein Charakterdrama, geht bald über in eine Milieustudie, während surreale Szenen parallel eine Art Provinz-Noir konstruieren und das alles am Ende tatsächlich noch zu einer Art Thriller wird. Für Letzteres fehlt allerdings ein unverzichtbares Element, die Auflösung. Allerlei trächtige Symbole - die mysteriösen Anrufe eines Schweigenden, das Verschwinden Hae-mis, das Gerücht um einen alten Brunnen, die existente oder nicht existente Katze im engen Apartment (bei dem man gewiss an Schrödingers Blackbox denken soll), die versteckte Gleichsetzung Hae-mis sowohl mit den brennenden Gewächshäusern (die niemand vermisse, wenn sie vernichtet werden) als auch der Katze (die sich für Jong-su unzugänglich macht und Ben streunend zuläuft) - können das Problem nicht beheben, dass dieser Film auf der Handlungsebene keine sinnhafte Einheit besitzt. Er ist rätselhaft und verweigert die Erklärung; bedeutet zu vieles, also gar nichts. Augenscheinlich ist es immer bloß das einzelne Moment, das etwas aussagen soll. Eine Klammer, die das alles hält, fehlt.

Gewiss, da wäre der koreanische Hintergrund, die zwei Welten in dieser Gesellschaft: die strenge Hierarchie in den Familien, die rigiden Gesetze, die Durchmilitarisierung des Lebens auf der einen Seite, und dann, wo das Geld sitzt, in Gangnam zum Beispiel, ein Lifestyle, der westlicher ist als irgendwo sonst in Asien. »Burning« bringt diesen Widerspruch nicht zur Sprache, allenfalls das soziale Gefälle scheint in ein paar Sätzen auf. Doch man spürt das Unbehagen in dieser Kultur, spürt Desorientierung, Unfähigkeit zu tatsächlicher Kommunikation, die das Substrat der terroristischen Entladung ausmachen: der Reinigung durch Brennen.

Ein anderer Komplex ist der psychologische. Allmählich erst wandelt sich die Beziehung zwischen Jong-su und Hae-mi zur Kenntlichkeit, Ben (der reiche Gammler mit gesellschaftlichem Status, der kaum zufällig einen englischen Namen trägt) wirkt hierbei wie ein Brandbeschleuniger. Gewissermaßen geht es um die Entblätterung des Ich. Jong-su bekämpft in seinem Konkurrenten das repräsentative Ich - das, was zu sein von ihm erwartet wird, was ihn zwingt, jemand zu sein, der er nicht ist. (Folglich entledigt er sich an einer wichtigen Stelle der Handlung aller seiner Kleidung; der Symbolakt bedeutet die vollständige Rückkehr zu sich selbst, was klar als regressives Moment gestaltet ist.) Auch Hae-mi muss eine sein, die sie nicht ist; ihre körperliche Wandlung in eine schönere Version ihrer selbst vergilt sie Jong-su, von dem sie früher missachtet wurde, indem sie ihm heute einen schöneren Mann vorsetzt, eben jenen Ben. Niemand bekommt, was er will. In einem dezent verpackten Twist eröffnet sich spät in der Handlung, dass Literatur erst entsteht, wo das schreibende Subjekt in der Lage ist, sein heutiges Begehren auf ein ursprüngliches zurückzuführen.

Dieser Film lebt ganz auf der Bedeutungsebene. Er ist, mit anderen Worten, ein Werk für Kritiker. Man soll begeistert sein von der Kunstfertigkeit und noch lang hernach über die Beziehungen sinnen - und selbstredend kann als ein Banause gelten, wer da ein schlüssiges Ende fordert. Tatsächlich ist »Burning« nur ein weiteres Beispiel eines bloß von vorn nach hinten geschriebenen Werks, das die Unfähigkeit seines Autors, einen guten Einfall auch gekonnt zum Ende zu führen, durch Rätselhaftigkeit verdeckt.

Dass im Resultat ein ungleich schönerer Film hervorkam als etwa der ähnlich gelagerte »Under the Silver Lake«, hängt mit der Reife der Inszenierung zusammen. Hier ist nichts überdreht, alles fließt wie der breite, stille Lauf auf einen gewaltigen Wasserfall zu. Die personale Erzählweise, man bleibt stets bei Jong-su, und die geradlinige Chronologie des Geschehens, unterbrochen bloß von wenigen kurzen und immer aufschlussreichen Rückblenden, macht ein Gerüst, das den andernfalls verlorenen Zuschauer auffängt. Im langsamen Tempo entsteht Raum für das Spiel. Steven Yeun gibt einen leeren Charakter in Teflon, dessen joviale Freundlichkeit unerbittlich scheint und gerade kein Zeichen von Anteilnahme ist. Yoo Ah-in zeigt verklemmte Angst, die aufkommende Lust im Zaum hält; sein Charakter kann im Begehren weder nach vorn noch zurück, bleibt lieber das dritte Rad am Streitwagen als ganz zurück. Jeon Jong-seo dagegen spielt einen Menschen, der überhaupt keine Regulierung kennt, dessen Handeln stets impulsiv, kindlich und frei von Kalkül zu sein scheint.

Insbesondere visuell und auditiv jedoch gerät das behäbige Tempo zum Vorzug. Das unaufdringlich gleichmäßige Dröhnen im Hintergrund verpasst dem sehr heutigen Setting etwas Apokalyptisches. Dem wiederum entsprechen die schwach gesättigten Farben und die Kamera, die mit möglichst wenigen Schnitten arbeitet und geduldig draufhält. Es fehlt vielleicht die ganz große Bildsprache - ein aufragender Turm, während Jong-su am Fenster onaniert, wirkt hier eher peinlich und erinnert daran, dass auch Hitchcock sich Jahre später noch dafür geschämt hat, in »North by Northwest« Geschlechtsverkehr durch einen in den Tunnel fahren Zug angedeutet zu haben. Gleichwohl bleibt »Burning« vor allem als Kunstwerk interessant. Und das liegt nicht allein im Handwerk; es braucht Fingerspitzengefühl und erprobten Kunstsinn, über zweieinhalb Stunden einer Handlung hinweg das Interesse wachzuhalten. Man kann, man will irgendwann nicht mehr wegsehen. Und weiß eigentlich gar nicht, warum.

»Burning«, Südkorea 2018. Regie: Lee Chang-dong; Darsteller: Yoo Ah-in, Steven Yeun, Jeon Jong-seo. 148 Min.

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