Hate Speech im Netz

»Nur Trolle«

Menschen legen sich extra Profile an, um ihrem Hass in sozialen Medien anonym freien Lauf lassen zu können. Doch die Gefahr, die von ihnen ausgeht, ist real.

Von Paula Irmschler

Wer als Frau im Internet unterwegs ist, sich da auch öfter mal äußert, und das auch noch feministisch, wird sie kennen: die unzähligen Angriffe von Männern. Ob Belästigung, Drohung, Häme - nichts wird ausgelassen. Wenn sich Frauen dann darüber beschweren, kommt nicht selten der Hinweis darauf, dass man das nicht so ernst nehmen solle, das seien ja nur Trolle. Der Troll ist das Onlineäquivalent zum Karnevalbelästiger im lustigen Kostüm: Nicht so gemeint, nur Spaß, nur Provokation, nicht echt. Das Problem: Hinter der Maske oder dem anonymen Profil verbergen sich sehr wohl - Überraschung - richtige, echte Menschen. Und diese richtigen, echten Menschen suchen sich rein zufällig nur zu ihrem Amüsement, und dem ihrer Umgebung, immer Frauen zum Behelligen aus. Der Witz ihrer Wahl zielt auch ganz zufällig immer auf das Frausein dieser Frauen ab und ist durch und durch misogyn.

Ähnlich verhält es sich bei den Themen Migration, Ökologie und generell linker Politik. Die Kommentarspalten dazu sind voll von menschenverachtenden Aussagen. Dass sich Menschen für diese Aktionen extra Profile anlegen, um diese Kommentare zu artikulieren, sollte beunruhigen, denn es zeigt: Diesen Leuten ist es die Sache wert. Einen solchen Aufwand zu betreiben, sich zu organisieren und hartnäckig dranzubleiben, selbst wenn sie gelöscht werden. Sie meinen es ernst. Und nur sie ziehen die Grenze, wie weit sie dabei gehen. »Nur Troll« ist also demnach wirklich kein beruhigender Hinweis. Eine Morddrohung ist nicht weniger angsteinflößend, wenn der Heini dahinter »Miki82737290« heißt und nicht Christian Müller. Im Gegenteil, hinter Miki kann sich jeder verbergen, ein Kollektiv oder vielleicht sogar jemand, den man kennt. Man weiß es halt nicht. Aber die Gefahr ist real.

Man muss anfangen, diese Typen wahrzunehmen als das, was sie sind: echt und gefährlich. Ich kenne mehrere Frauen, denen die Drohungen bis ins reale Leben gefolgt sind. Die Veranstaltungen geheim halten oder absagen mussten, weil es eben nicht nur »Spaß« war - und was für ein Spaß überhaupt misogyne Hetze sein soll, muss mir auch erst mal jemand verständlich machen. So zu tun, als könnte man die Internetnutzung von den echten Menschen dahinter trennen, bringt uns da nicht weiter. Wenn Miki Frauen hasst, wird Christian ganz sicher auch kein Feminist sein. Wenn er Frauen im Internet verfolgt und sie einschüchtert, dann ist er zu bekämpfen, egal unter welchem Namen er auftritt. Es ist ein Fehler, Leute im Internet zu entmenschlichen, denn so macht Miki es nämlich auch. Und Christian sollte dafür die Konsequenzen tragen. Wenn man ihn denn überhaupt zu fassen bekommt. Bis dahin muss man die Angst von Frauen ernst nehmen. Sie ist nämlich sehr real - egal, wie real der Troll daherkommt.