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Auf eine zukünftig schlechte Zusammenarbeit!

Roberto J. De Lapuente über zu viel Kuschelei zwischen Politik und Medien

  • Von Roberto J. De Lapuente
  • Lesedauer: 4 Min.

Viel wurde nach dem Abgang von Andrea Nahles gesagt. Fast jede Schattierung ausgeleuchtet. Ob nun der Umstand, wie respektlos Politiker untereinander umgehen (und um wieviel respektloser Politiker mit Politikerinnen umgehen) oder das, was die ehemalige Vorsitzende echt oder bloß gefühlt verbockt hat: Alles kam zur Sprache. Oder sagen wir mal: Fast alles.

Denn ihren letzten Auftritt, diese kurze Szene, wo sie aus dem Willy-Brandt-Haus kommt, ein bisschen verkniffen und gewohnt verunsichert, sich vor Mikrofone positioniert und sich auch bei den Journalisten verabschiedete, für die gute Zusammenarbeit dankte, fungierte nur als kurze Randnotiz.

Dabei steckt in diesem letzten Statement die Crux unserer politischen Landschaft, die ganze Misere des politisch-journalistischen Komplexes – speziell in Berlin, in diesem Mikrokuschelkosmos, in dem Parteien und Medien, Medien und Parteien, nicht immer säuberlich getrennt voneinander arbeiten. Ich kann mich ja täuschen und viele junge Menschen wissen das vielleicht auch gar nicht mehr: Aber eine gute Zusammenarbeit zwischen diesen beiden Welten ist gar nicht vorgesehen. Ja, auch gar nicht nötig, um mit der Demokratie im Einklang zu sein. Ganz im Gegenteil eigentlich.

Früher sprach man in diesem Zusammenhang von einer vierten, staatspolitisch zunächst nicht vorgesehenen, aber sich bewährten Gewalt. Von der Regulative, die die klassische Gewaltenteilung durch Herstellung von Transparenz und Öffentlichkeit ausleuchtet. Diese Aufgabe erfüllte man im Regelfall nicht durch ein gutes Klima, weil das die Zusammenarbeit untergraben und korrumpieren könnte. Gewahrte Distanz galt deswegen als ein Kriterium guter journalistischer Arbeit.

Wenn sich ein Politiker für die gute Zusammenarbeit bedankt und wenn er oder sie das eventuell auch noch ernst meint, dann ist das ein Armutszeugnis für die Presse. Ja, dann hat da jemand seine Arbeit schlecht, vielleicht gar nicht gemacht. Innerhalb einer funktionsfähigen Gesellschaft würde sich keiner mit diesen konzilianten Abschiedsworten vom Acker machen können, ohne dass die gekränkte Journalistenehre aufbegehrte. Aber hat man dazu auch nur ein Wort, überhaupt auch nur ein geflüstertes Wort in aller Zurückhaltung vernommen?

Nein, meines Wissens hat das keinen tangiert. Wieso sollten unsere Qualitätsmedien und Topjournalisten darüber auch nur nachdenken? Oder es gar kritisieren? Für sie hat Nahles nur etwas zwischen den Zeilen angesprochen, was kaum jemand im politischen Berlin beanstanden kann. Klar gibt es Zusammenarbeit. Man denke nur mal an die Stichwortgeber der öffentlich-rechtlichen Medien, die es sich selbst aberzogen haben, in Plattitüden antwortenden Politikern auf den Zahn zu fühlen.

Wir haben es immer wieder mit journalistischen Kampagnen zu tun, die bestimmte politische Ziele flankieren und stützen. Die Drehtür von Medienbetrieb zu Regierungssprecher ist gut geölt und dreht sich flott. Besonders jetzt, da Parteien sich als Influencer und Mediengestalter ihrer eigenen Sache entdecken, vermengt sich journalistisches und politisches noch stärker als vorher. Die öffentlich-rechtlichen sind durch parteilichen Proporz gebunden und hegen eine staatstragende Rolle, die eine gute Zusammenarbeit nahelegen.

Speziell in Berlin hat sich da eine Zuneigung und Nähe entwickelt - bedingt auch durch die räumliche Nähe von Reichstagsgebäude und Hauptstadtdependancen der Sendeanstalten. Man verbringt Zeit miteinander, ist sich nahe – nur die Spree trennt hier und da die beiden Welten. Der Spagat zwischen Professionalismus und unprofessioneller Distanzlosigkeit ist dabei kaum zu schaffen. Die Politik vereinnahmt die Medien, gibt ihnen Vorzugsbehandlung oder straft sie ab. Und die Medienleute halten sich politische Kaliber warm und benötigen dazu eben Nähe.

Es ist an sich verräterisch, wenn eine scheidende Spitzenpolitikerin der letzten Jahre mit dem Dank guter Zusammenarbeit zwischen ihrer Person und dem Medienbetrieb abtritt. Denn da läuft etwas falsch. Und dass diesen verräterischen Ausspruch niemand kommentiert, macht die Sache umso verräterischer.

Eine funktionierende Gewaltenteilung stelle ich mir jedenfalls so vor, dass jemand aus der Politik zum Abschied die schlechte Zusammenarbeit betonen sollte. Und ich stelle mir Medien und den Nachfolger der scheidenden Person vor, wie sie die Gläser erheben und auf eine künftig schlechte Zusammenarbeit anstoßen. Nüchtern und distanziert - versteht sich.

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