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Eine Party mit Verrosteten

Als Teil der Berlin-Ausstellung zog die Tür des Techno-Clubs »Tresor« in das Humboldt-Forum ein. Soll man das feiern?

  • Von Tom Mustroph
  • Lesedauer: 4 Min.

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Der Bau des Humboldt-Forums ist in Verzug geraten. Mit der metallenen Tür des einstigen Techno-Clubs »Tresor« ist aber schon das erste Objekt der neuen Berlin-Ausstellung des Stadtmuseums in die Baustelle eingezogen. Soll man das feiern, soll man darüber klagen oder es als erneuten Beleg dafür nehmen, dass Berlin einfach die Meisterin des Unfertigen, die Königin der Widersprüche ist?

Zumindest die Verantwortlichen waren ein wenig in Feierlaune. Paul Spies, Direktor des Stadtmuseums und Chefkurator der Ausstellung, sprach anlässlich der Präsentation der Tür am Dienstag von einem »kleinen Richtfest«. Der Transport des etwa 3,5 Tonnen schweren, mit Unterbau auf etwa fünf Tonnen Gewicht kommenden stählernen Ungetüms war geglückt. Das Gewicht war so gut abgeleitet, dass auch Bauherr Hans-Dieter Hegner zufrieden war. Hegner, Bauvorstand der Stiftung-Humboldt-Forum, betonte gegenüber »nd«, dass man deshalb nicht die Tragkraft der Decke erhöhen musste, die Installation aber dennoch sicher sei. Man hofft es; man hofft auch, dass sich nicht in Zukunft herausstellt, dass man vergessen hatte, die statische Berechnung des Gewichts von Publikum und Aufsichtspersonal einzubeziehen.

Da steht sie jetzt, die Tür, schön rostig, mit dem Rudimentär-Graffito der untergehenden Sonne auf dem verwitterten Metall, inmitten der hohen, weißen, unbefleckten Räume der Schloss-Simulation. Räudiges Objekt einer Subkultur im Refugium hochoffizieller Repräsentationskultur. Die Tür eines Clubs, der nicht mehr ist, in einem Schloss, das einmal war, das nun als sein eigener Klon wiedergeboren wird und sich anschickt, in seinem geleckten Inneren die rauen Aufbrüche zu feiern, die Berlin einst groß machten, die inzwischen aber undenkbar sind - angesichts der fast schon unmäßigen Ruhebedürfnisse neureicher Wohneigentümer und verbitterter Altmieter. Selten manifestieren sich die Widersprüche dieser Stadt so deutlich wie bei dieser Gelegenheit.

Dimitri Hegemann, einst Gründer des Clubs und Leihgeber der Tür, freute sich denn auch einerseits, dass seine »Nofretete«, sein Lieblingsobjekt, nun wieder der Öffentlichkeit zugänglich sei. Sogar durchschreiten wird man sie dürfen, versprach Kurator Spies, und kein grimmig blickender Doorman wird das verwehren können. Andererseits wies Hegemann auch traurig auf das Berliner Clubsterben hin, darauf, wie schwierig es heutzutage sei, noch einen Club aufzumachen, gar zu halten. »Die jungen Bands brauchen Räume auch in der Innenstadt, damit eine Stadt lebendig bleibt«, mahnte er gegenüber »nd«.

Eine Note melancholischer wurde die Präsentation der Tür noch durch die in der Vorwoche bekannt gewordene Verzögerung der Eröffnung des Humboldt-Forums. Beim Bau der Klimaanlage hat es eine Panne gegeben. »Eine Rohrleitung wurde falsch verlegt. Das war noch nicht einmal das Problem. Aber die Rohrleitung ist Bestandteil des Kühlsystems und wurde mit 10 000 Liter Kühlflüssigkeit gefüllt. Die muss erst abgeleitet und dann müssen die Rohre neu verlegt werden«, sagte Hegner am Rande der Veranstaltung dem »nd«.

Die dadurch verursachte Verzögerung schätzt er auf zwei Monate. »Hinzu kommt aber, dass die Kühlanlage auch die Serverräume für die IT-Infrastruktur kühlen sollte. All diese Arbeiten müssen nun auch verschoben werden«, sagte er. Einen neuen Eröffnungstermin wollte er nicht nennen. »In der kommenden Woche setzen wir uns zusammen, und dann wird dieser Termin bekannt gegeben«, meinte Hegner. Höhere Kosten für das Land entstünden wegen der Reparaturen nicht, versicherte er: »Die Firmen werden das kostenneutral für uns in Ordnung bringen.« Schuld an der Panne sei zum einen die Firma, die die Leitung falsch verlegt hat - »eine renommierte deutsche Firma«, wie Hegner sagte -, und zum anderen die Objektplaner, denen der falsche Einbau nicht rechtzeitig aufgefallen sei. Die Namen der beiden Firmen wollte Hegner nicht nennen.

Die Tür stört das alles nicht. Stoisch steht sie in der Mitte des Raumes. Und kommt ihrer Aufgabe nach, eine Repräsentantin für gleich zwei vergangene Epochen zu sein: die Clubkultur in der Nachwendezeit und die Zeit des wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Aufstiegs der jüdischen Berliner und Berlinerinnen im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert. Denn einst verschloss die Tür die Stahlkammer des jüdischen Kaufhauses Wertheim. Dieses wurde dann von den Nationalsozialisten ihren Eigentümern weggenommen.

Der Krieg, den sie angefangen haben, kehrte schließlich zurück und zerstörte die Stadt, die Häuser und tötete auch viele ihrer verblendeten Bewohner und Bewohnerinnen - das Gros der nicht so Verblendeten war ohnehin längst tot oder vertrieben oder im letzten Moment geflüchtet. Auch davon wird diese Tür erzählen können, erst dann, wenn der Eröffnungstermin endlich feststeht. Mal sehen, was es dann alles schon nicht mehr gibt und was selbst aus dem Alltag verschwunden und deshalb museumsfähig ist - in dieser Stadt des Unfertigen und des Wandels.

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