DDR

Eigensinn statt Aufbegehren

Eine Dokumentation lässt Menschen zu Wort kommen, die in die DDR immigriert sind.

Von Nelli Tügel

Ein Apfel. Ein belegtes Brötchen. Eine Hühnerkeule. Dies befand sich, so erzählt es Nguyen Do Thinh, in einem Beutel, der dem damals 20-Jährigen bei seiner Ankunft am Flughafen Schönefeld in die Hand gedrückt wurde. Das war 1982. Nguyen kam aus Süd-Vietnam als sogenannter Vertragsarbeiter in die DDR, mit der Hoffnung auf eine gute Ausbildung. In Rostock lernte er vormittags Deutsch und schleppte anschließend acht bis zehn Stunden lang im Hafen Waren: Säcke mit Zement oder Kaffee, Schweinehälften. Später machte er eine Lehre als Betriebsschlosser und besuchte die Meisterschule - nach einer Unterschriftensammlung der Kollegen in seinem Betrieb, die dieses Anliegen gegenüber der vietnamesischen Botschaft unterstützten. 1992 überlebte Nguyen das Pogrom von Rostock-Lichtenhagen. Er blieb in der Stadt, gründete den Verein »Dien Hong« und eröffnete ein Restaurant.

Nguyen ist einer von neun Protagonisten der mehrteiligen Dokumentation »Eigensinn im Bruderland«, die ausschließlich im Internet angeschaut und gelesen werden kann. Fünf von ihnen, darunter Nguyen, gehörten zu den zehntausenden Vertragsarbeitern, die im Rahmen bilateraler Verträge in DDR-Betrieben eingesetzt wurden. Zwei kamen zum Studieren in die DDR. Zwei weitere hatten als politische Emigranten Asyl erhalten - einer war Pinochet-Flüchtling, die andere türkische Kommunistin.

Das Gemeinschaftsprojekt der Filmemacherin Julia Oelkers und der Historikerin Isabel Enzenbach setzt radikal auf die Sicht dieser neun Menschen. Ihre Erinnerungen und ihr Selbstverständnis stehen im Mittelpunkt der Dokumentation. Das spiegelt sich schon im Titel wider. Der lautete zunächst »Aufbegehren im Bruderland«, wie die Filmemacherin gegenüber dem »nd« erklärt. Doch darin hätten sich die Protagonisten »nicht wiedergefunden«, sagt Oelkers. »Sie haben gesagt, das passt nicht zu uns, wir haben nicht aufbegehrt.«

Und so kam es zum »Eigensinn«. Das ist ein Konzept der Geschichtsschreibung, das auf Oskar Negt und Alexander Kluge sowie den erst kürzlich verstorbenen Alf Lüdtke zurückgeht, der in den 1980er Jahren vorschlug, Alltagsgeschichtliches unter dem Aspekt »Eigensinn« zu untersuchen. Lüdtke wandte dies auf Fabrikarbeiter von der Kaiserzeit bis zum Faschismus an und erforschte so Verhaltensweisen in durchherrschtem Terrain. Seither ist der Begriff Teil der akademischen Sprache und hat sich vor allem unter einigen der Geschichtswissenschaftler erhalten, die sich nach 1990 daran machten, die DDR zu historisieren. Einer von ihnen, Thomas Lindenberger, schreibt, wo immer es »um individuelle Verhaltensweisen und Handlungen in ihrer Bedeutung für Macht und Herrschaft, für Unterwerfung und Aufbegehren, für Mitmachen, Widerstehen oder Aussteigen gehen soll, bietet sich heute ›Eigen-Sinn‹ als historiographisches Konzept an.« Auf Migration in die DDR angewandt bedeutet dies, nicht nur »die ganzen Regeln und Rassismus« zu thematisieren, wie Oelkers es formuliert, sondern zu »zeigen, welche Wege die Menschen für sich gegangen sind, welche Wege sie gefunden haben, um ihre Interessen durchzusetzen und ihr Leben zu organisieren«.

Dafür eignet sich das Format der Webdokumentation besonders. Zum einen wegen der Kombination von Videos, kurzen Texten, Audioschnipseln, Originalfotos und Quellen. Zum anderem, da die Protagonisten nicht linear und in einem Guss ihre Geschichten erzählen müssen und es auch keine übergeordnete Handlung gibt, wie etwa bei einem Dokumentarfilm. Vielmehr ist die Seite eine Sammlung von schlaglichtartigen kurzen Episoden, die Videosequenzen sind streng nach den Regeln der sogenannten Oral History gestaltet: offensiv subjektiv, unkommentiert. So entsteht ein vielstimmiges, durchaus widersprüchliches Bild von Ankunft und Alltag in der DDR. Es gelingt, sie weder als Gastgeberland zu romantisieren, noch die Eingewanderten zu heimlichen Oppositionellen umzudeuten, sie aber auch nicht als »Honeckers Gastarbeiter« namen- oder als Opfer gesichtslos zu machen, wie es die Berichterstatter während der rassistischen Pogrome zu Beginn der 1990er Jahre oft taten. Vielmehr treten die Gezeigten als das auf, was sie eben sind: Akteure; Menschen mit einem ganz selbstbestimmten Blick auf die DDR und die eigene Biografie.

Zugleich irritiert der Aufbau der Webseite aber auch - und zwar an den richtigen Stellen. Etwa so: Ibraimo Alberto, der 1981 aus Moçambique als Vertragsarbeiter kam, erzählt, noch nachträglich sichtlich amüsiert, von Discobesuchen am Wochenende. Da sei mitunter Musik gelaufen, die »nur so zum Humpeln« war, sagt er. Scrollt man ein wenig weiter hinunter, gibt es Originalfotos von Wochenendausflügen und Fußballturnieren zu sehen. Und dann geht es plötzlich um ein »besonderes Vorkommnis« aus dem Jahr 1982, rekonstruiert anhand von Quellen aus dem Bundesarchiv: Im thüringischen Orlamünde wollen zehn moçambiquanische Werktätige eine Gaststätte besuchen - sie werden gejagt, am Ende landet einer von ihnen schwer verletzt im Krankenhaus. Freizeitgestaltung und rassistischer Übergriff liegen nah beieinander bei »Eigensinn im Bruderland«.

Zwei weitere Episoden der Dokumentation werden erst in den kommenden Wochen veröffentlicht. Jene, die Liebesbeziehungen und Schwangerschaften thematisiert. (Gewollt war beides nicht, umgangen wurden die Regeln - Stichwort Eigensinn! - dennoch immer wieder. Die Autorin dieser Zeilen wäre andernfalls nicht auf der Welt.) Und die letzte Folge, die sich dem Ende des Aufenthalts widmet, das für etliche Menschen kein freiwilliges war: Von den 21 000 moçambiquanischen Arbeitern beispielsweise blieben weniger als zehn Prozent dauerhaft.

Von den Protagonisten der Webdokumentation lebt indes nur einer heute nicht mehr in Deutschland: David Macou, ebenfalls Überlebender des Nachwendepogroms in Hoyerswerda. Im November 1991 wurde er »zurückgeführt« nach Moçambique.

Dort übrigens ist die Vergangenheit noch sehr präsent: Woche für Woche protestieren frühere Vertragsarbeiter in Maputo für die volle Auszahlung ihres Lohns, von dem Teile einbehalten worden waren, weil die Arbeiter für die Schulden Moçambiques von der DDR-Regierung in Haftung genommen wurden - mit dem Versprechen allerdings, die so »transferierten« Löhne würden später ausbezahlt. Eingelöst wurde dieses Versprechen nie.

Die Regierung Moçambiques zahlte nicht. Die Bundesrepublik fühlt sich nicht verantwortlich. Und das Bruderland gibt’s nicht mehr.

Webdokumentation »Eigensinn im Bruderland« unter https://bruderland.de/