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Linienbus 110

Weil ein Albaner einen Schokoriegel aß, steuerte der Busfahrer die nächste Polizeiwache an

  • Von Andreas Fritsche
  • Lesedauer: 5 Min.

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Bei den Details des Vorfalls gehen die Schilderungen weit auseinander. Doch über den Grundkonflikt besteht Übereinstimmung. In einem Linienbus von Wandlitz nach Bernau hat ein Fahrgast, der nur gebrochen Deutsch sprach, etwas gegessen. Einen Schokoriegel. Außerdem kaute eine Frau, die offensichtlich ebenfalls nicht aus Deutschland stammt, Sonnenblumenkerne. Der Busfahrer hat angehalten und sie darauf hingewiesen, dass sie dies nicht dürfen. Die Frau akzeptierte dies. Der Mann stellte Fragen: Wo denn stehe, dass Essen im Bus verboten sei? Was das solle? Der Streit spitzte sich zu. Schließlich wich der Busfahrer von der Linienführung ab und hielt vor der Polizeiwache in Bernau. Dort hupte und gestikulierte er, bis sechs Beamte herbeieilten und den mutmaßlichen Übeltäter aus dem Fahrzeug holten.

Eine 18-jährige Schülerin, die in dem Bus saß und Zeugin wurde, kann es noch immer nicht fassen. Sie und ihre Schulkameradinnen haben schon oft im Bus etwas gegessen. Bei ihnen sei dies nie ein Problem gewesen, erinnert sie sich. Es stehe auch kein Verbotsschild in den Bussen. Darauf habe sie nach dem Vorfall, der sich bereits am 25. April zutrug, extra noch einmal geachtet.

Die 18-Jährige erzählte ihrem Vater von ihrem Erlebnis und der wandte sich damit an die LINKE und an das Netzwerk für Weltoffenheit in Bernau. In der Partei und im Netzwerk engagiert sich Isabelle Czok-Alm, außerdem in der Sammlungsbewegung »Aufstehen«. Sie kandidiert bei der Landtagswahl am 1. September. Czok-Alm nahm sich der Sache an und schaltete die Antidiskriminierungsberatung des Vereins Opferperspektive ein. Ihr Problem dabei: Das Opfer selbst konnte sie bislang nicht ausfindig machen. Sie suchte in Asylbewerberheimen der Umgebung und hängte Zettel an den Bushaltestellen aus. Es meldete sich allerdings niemand, und bei der Polizei erteilte man ihr keine Auskünfte.

Die 18-jährige Zeugin betont, der Fahrgast sei nach ihrem Empfinden nicht aggressiv gewesen. Der Busfahrer auch nicht. Allerdings sei der Ton des Busfahrers nach ihrem Empfinden ziemlich »harsch« gewesen. »Laut und deutlich«, allerdings auch vergeblich, habe er den Fahrgast aufgefordert, den Bus an der nächsten Haltestelle zu verlassen.

Der Zeugin und auch Isabelle Czok-Alm drängt sich der Verdacht auf, dass der Busfahrer rassistische Ressentiments hegt und deshalb für so eine Lappalie die Polizeidienststelle ansteuerte. Dort angekommen soll er auch kurz von außen die Bustüren geschlossen haben, wodurch sich die Zeugin mit eingesperrt fühlte.

Frank Wruck, Geschäftsführer der Barnimer Busgesellschaft mbH (BBG), liegen andere Informationen vor. Demnach hat der Busfahrer zuerst nicht auf offener Strecke angehalten und die beiden Fahrgäste belehrt, sondern ist an einer Haltestelle zu ihnen gegangen. Im Bus etwas zu verzehren, widerspreche tatsächlich den allgemeinen Beförderungsbedingungen, bestätigt Wruck. Es sei nur so, dass viele Kollegen diese Regel nicht durchsetzen, weil sie deswegen keinen Ärger haben möchten. Im vorliegenden Fall habe sich der Busfahrer entschieden, 100 Meter vom Linienverlauf abzuweichen und zur Polizei zu fahren, weil der zurechtgewiesene Fahrgast zwar sein Essen weggepackt, aber keine Ruhe gegeben habe. Dabei soll er enttäuscht geäußert haben: »Alles Nazis hier.« Und er soll dem Busfahrer gedroht haben: »Wir sehen uns wieder.«

Die 18-jährige Zeugin - sie möchte anonym bleiben - hat selbst nichts dergleichen gehört. Eine Freundin habe allerdings die Worte »Alles Nazis hier« durchaus vernommen - jedoch nicht als beleidigende Feststellung formuliert, sondern als Frage.

BBG-Chef Wruck stellt sich vor den Fahrer. Dieser sei »eher ruhig und korrekt« und halte sich sonst aus allen Sachen raus. »Ausländerfeindliche Einstellungen sind hier nicht bekannt«, versichert Wruck. Es gebe grundsätzlich immer mal wieder Auseinandersetzungen mit Fahrgästen, meist handele es sich um Wortgefechte. Dabei drehe es sich um Verspätungen, um das Benehmen im Bus oder darum, ob vorgezeigte Tickets gültig sind. »Diese Auseinandersetzungen betreffen alle Fahrgäste und beschränken sich nicht auf Fahrgäste mit Migrationshintergrund«, erläutert Wruck. Die Busfahrer werden ihm zufolge jährlich geschult, wie sie sich verhalten sollen. Bei Meldungen über diskriminierendes Verhalten werde dem schnell nachgegangen und die Sache mit dem Fahrer ausgewertet. Ein Busfahrer müsse sich aber nicht beleidigen lassen. Es sei übrigens technisch gar nicht möglich, Fahrgäste im Bus einzuschließen. Über die Notöffner ließen sich die Türen immer von innen öffnen. Sicher hätte der Busfahrer besser Polizeiunterstützung über die Leitstelle angefordert, als selbst zur Wache zu fahren. Nach Kenntnis der Geschäftsführung der Barnimer Busgesellschaft habe er aber korrekt gehandelt, als er eine schnelle und pragmatische Lösung wählte.

Die Kreisverwaltung Barnim teilt die Einschätzung der BBG. Pressesprecher Oliver Köhler fügt aber noch prinzipiell hinzu, dass sich der Landkreis »sehr deutlich gegen Rassismus im Alltag« ausspreche und dass Landrat Daniel Kurth (SPD) sich auch persönlich gegen Rassismus einsetze.

Derweil konnte »nd« bei der Polizeidirektion Ost in Erfahrung bringen, dass es sich bei dem Fahrgast um einen 31-jährigen Asylbewerber aus Albanien handelte. Diesem drohen keine wie auch immer gearteten Konsequenzen, dem Busfahrer auch nicht. Da beide keine Anzeige erstatteten, sei die Angelegenheit erledigt, teilt die Polizei mit. Der Albaner wurde gar nicht erst mit auf die Wache genommen. Die Beamten konnten ihn auf dem Gehweg beruhigen und ließen ihn gehen, schon kurz nachdem der Bus weitergefahren war. »Der Busfahrer war offenkundig bestrebt, die Beförderungsbestimmungen durchsetzen, die für alle Fahrgäste gleichermaßen gelten«, urteilt die Polizeidirektion. »Beim betroffenen Fahrgast erwuchs das Gefühl, dass er aufgrund seiner Herkunft reglementiert werden sollte«, heißt es. Durch Sprachbarrieren drohte sich der Konflikt weiter zuzuspitzen. Die Polizei habe die Lage entspannt.

Isabelle Czok-Alm vom Netzwerk für Weltoffenheit meint: »All die Erklärungen rechtfertigen für uns nicht das aus unserer Sicht überzogene Verhalten des Busfahrers.«

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