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Das war knapp

Nach Eurofighter-Absturz: Wrackteil wird neben Kindergarten gefunden / Forderung nach Ende von Tiefflügen

  • Von Markus Drescher
  • Lesedauer: 4 Min.

Am Himmel über der Unglücksstelle ist es ruhig, am Boden hingegen werden lautstark Forderungen erhoben: Diese Woche bleiben die Flugzeuge des Luftwaffengeschwaders 73 »Steinhoff«, das in Laage bei Rostock stationiert ist, voraussichtlich am Boden, so der Presseoffizier des Geschwaders. Bis zur Klärung der Ursache für den Absturz zweier Maschinen am Montag über Mecklenburg-Vorpommern sei der Flugbetrieb ausgesetzt. Etwa 20 Mal pro Tag stiegen die Eurofighter üblicherweise auf. Das Gebiet, in dem sie fliegen, weise die Deutsche Flugsicherung zu - manchmal wie am Montag über der Seenplatte, manchmal auch über Niedersachsen, Schleswig-Holstein oder Brandenburg, so der Sprecher. Bei dem Unglück kam ein Pilot ums Leben, der andere wurde verletzt geborgen.

Wenn es nach dem Bürgermeister von Waren an der Müritz, Norbert Möller (SPD), ginge, dürften Urlaubsregionen wie die Mecklenburgische Seenplatte nicht mehr für militärische Übungstiefflüge genutzt werden. »Viele Touristen haben kein Verständnis dafür, dass ausgerechnet rings um die Müritz solche Tiefflüge geübt werden«, sagte Möller gegenüber dpa. Auch die Bürgermeisterin von Silz und Nossentin, Almuth Köhler (CDU), wo eines der Flugzeuge abstürzte, forderte eine Prüfung. »Unser Campingplatz und eine Ferienhaussiedlung am Fleesensee sind gerade voll besetzt«, mahnte sie.

Die Müritz-Region, über der die beiden Eurofighter am Montag zusammengestoßen und abgestürzt waren, ist eine für Mecklenburg-Vorpommern wichtige touristische Gegend. Sein Mitgefühl gelte den Familien der betroffenen Piloten, betonte Warens Bürgermeister. Man solle aber prüfen, ob Tiefflüge ausgerechnet über dem größten deutschen Binnensee und den umliegenden Gewässern stattfinden müssten.

Für Peter Ritter, Parlamentarischer Geschäftsführer der Linksfraktion im Schweriner Landtag, lautet die Antwort nein. Generell fordert er ein Ende der militärischen Übungsflüge in Mecklenburg-Vorpommern. Diese seien »nicht nötig und stellen eine Gefahr für Menschen sowie eine Belastung für die Umwelt dar«, sagte Ritter am Dienstag in Schwerin. Tobias Pflüger, verteidigungspolitischer Sprecher im LINKE-Bundesvorstand, fasst den Rahmen noch weiter: »Wir fordern jetzt sofort die Einstellung von allen Tiefstflügen von Bundeswehr-Kampffliegern.« Die Übungen gefährdeten das Leben von Piloten und der Bevölkerung vor Ort.

Tatsächlich entging die Gegend offenbar nur knapp einer Katastrophe: Am Dienstagmorgen wurde in unmittelbarer Nähe des Kindergartens in Nossentiner Hütte ein Wrackteil gefunden. Ein Gemeindearbeiter entdeckte das etwa einen halben Meter lange Bauteil beim Rasenmähen auf einem Sportplatz, der direkt an das umzäunte Kitagelände grenzt - nur etwa 40 Meter entfernt von den Spielgeräten der Kinder. »Wir können von Glück reden, dass wir so davon gekommen sind«, erklärte die Leiterin des Kindergartens am Dienstag. Viele Eltern hätten ihren Nachwuchs wegen der Ereignisse am Vortag abgemeldet, einige der Kinder den Absturz eines der beiden Kampfjets vom Fenster aus beobachtet.

»Was wurde geübt und warum wurde es geübt? Warum werden Tiefstflüge über Touristenregionen, wie beispielsweise der Müritz, die gerade jetzt ziemlich bevölkert sind, durchgeführt?«, fordert Pflüger Aufklärung von der Bundesregierung. Der Einschlag des Wrackteils nur wenige Meter von einer Kindertagesstätte entfernt zeige, »wie leichtsinnig die Bundeswehrführung mit unser aller Leben umgeht«, so Pflüger.

Auch die Grünen in Mecklenburg-Vorpommern fordern eine genaue Aufklärung. Generell müssten solche Manöver kritisch hinterfragt werden - nicht nur bei erhöhter Waldbrandgefahr, sondern auch, da Emissionen, Lärm und die Gefahren für die Bevölkerung nicht unerheblich sind. Generell lehnen die Grünen die Flüge aber nicht ab: »Es muss geprüft werden, in welchen Regionen und in welchem Ausmaß Eurofighter fliegen dürfen, und inwiefern man die Flüge über Urlaubregionen einschränken kann«, forderte Landesvorsitzende Claudia Schulz.

Die Luftwaffe will an Übungen über besiedelten Landgebieten jedoch festhalten. Dies sei für die Einsatzbereitschaft der Besatzungen nötig, erklärte der Inspekteur der Luftwaffe, Ingo Gerhartz, am Dienstag. »Wir fliegen viele unserer Flüge über See, aber wir müssen auch einen gewissen Anteil über Land fliegen. Das sind wir alleine schon unserem Auftrag der Landesverteidigung schuldig.« Mit Agenturen

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