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Mit Décolleté-Fotos gegen Belästigung - und den Islam?

Aus Protest gegen sexuelle Belästigung posten Französ*innen Auschnitt-Bilder auf Twitter/ Der Trend wurde von einer Islam-Feindin initiiert

  • Von Lou Zucker
  • Lesedauer: 4 Min.

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Eine Nutzerin schreibt auf Twitter: Ein Foto für dich. Ein Foto für die Hater.
Eine Nutzerin schreibt auf Twitter: Ein Foto für dich. Ein Foto für die Hater.

»Ich liebe mein Dekolleté«: Das schreiben gerade viele Französ*innen auf Twitter und posten dazu Bilder von ihrem Ausschnitt aus Protest gegen sexuelle Belästigung. Solche Aktionen sind für viele Frauen wichtig und ermutigend – und schließen zugleich viele andere aus. Der Twitter-Trend zeigt nicht nur viele schöne Dekolleté, sondern auch, wie der weibliche Körper immer wieder für antimuslimischen Rassismus instrumentalisiert wird.

Den Anfang hatte eine Frau gemacht, die offenbar auf der Straße als »dreckige Schlampe« beschimpft worden war. Die Nutzerin »célineb« teilte ein Selfie von ihrem Ausschnitt und schrieb: »Alter, meine Brüste und ich scheißen ganz schön auf dich«. Seit dem Wochenende sind Tausende ihrem Beispiel gefolgt und posten unter dem Hashtag #JeKiffeMonDecollete Ausschnittbilder. Dazu bestärken sie sich gegenseitig, genau das anzuziehen, worauf sie Lust haben und sich nicht von Sexisten davon abhalten zu lassen.

Aktionen wie diese sind wichtig. Die ständige, sehr reale Möglichkeit, sexuell belästigt oder als Schlampe verurteilt zu werden, hat sich tief in unsere täglichen Gedanken und Handlungen eingeschrieben. So tief, dass wir sie fast schon als selbstverständlich erachten. Was ziehe ich an einem heißen Tag zur Arbeit an? Werde ich angestarrt, wenn ich keinen BH trage? Ist der Rock zu kurz zum Fahrradfahren? Kann ich mit den Absätzen schnell genug rennen, wenn es drauf ankommt?

Egal, ob wir täglich sexuelle Belästigung erfahren, ob es alle paar Monate vorkommt, oder ob wir sie hauptsächlich aus den Berichten von Anderen kennen – wer als Frau wahrgenommen wird, weiß, dass es jede von uns immer treffen kann. Dazu kommt das Schlampen-Stigma. Vor drei Generationen kamen Frauen hierzulande ins Konzentrationslager, wenn sie wechselnde Sexualpartner hatten. »Sexuell verwahrlost« nannte man das. Wie wenig von diesem Teil unserer Geschichte in der öffentlichen Erinnerungskultur vorkommt, ist nur ein Indiz, wie mächtig das Stigma heute noch ist.

Diese latenten Bedrohungen permanent mitdenken zu müssen, raubt viel Energie und macht uns unfrei. Dabei geht es um mehr als um die Freiheit, dieses oder jenes Outfit wählen zu können. Es geht um die Freiheit, unsere eigenen Körper in all ihrer Schönheit und Verschiedenheit zu feiern und zu genießen. Dazu gehört auch, unsere Weiblichkeit zelebrieren zu können, wenn wir das möchten – unabhängig von unserer Geschlechtsidentität. Wir brauchen einen Feminismus, der uns genau dazu ermächtigt.

Oft ist das nicht der Fall, vor allem in Deutschland. Man muss sich eher Gedanken machen, ob man eine schlechte Feministin ist, wenn man sich die Beine rasiert oder sich schminkt. Lange hieß Feminismus: Haare abschneiden, BHs verbrennen und bloß nicht sexy sein. Dabei macht es so viel Spaß, sich sexy zu fühlen! Wir sollten als Feministinnen viel öfter mal von unserer Judith-Butler-Lektüre aufsehen, ein heißes Outfit raussuchen, unseren Körper voller Stolz durch die Straßen tragen und auf der Tanzfläche genüsslich die Hüften schwingen: All das ist ein wahnsinnig mächtiges Gefühl.

Der Hashtag #JeKiffeMonDecollete zelebriert genau dieses Gefühl und verteidigt es vor den vielen sexistischen Angriffen, die Frauen von dieser Form der Selbstermächtigung abhalten wollen. Es ist schön, zu sehen, dass Frauen unterschiedlichster Altersstufen und Oberweiten dabei sind und dass auch Brüste gewürdigt werden, die gerade eine Krebserkrankung überstanden haben. Der Hashtag ist allerdings auffällig weiß. Trans*frauen kommen kaum in den Kommentaren vor. Erfunden und groß gemacht hat ihn nicht »célineb«, die das erste Foto postete, sondern Zohra Bitan. Die französische Sozialistin macht Stimmung gegen Burkinis, »islamische Gesetze« und erklärt öffentlich, alle, die nicht mit ihr übereinstimmten, könnten ja das Land verlassen.

Ja, Feminismus muss dafür kämpfen, dass wir unsere Weiblichkeit öffentlich feiern können. Aber nur, wenn damit alle Formen von Weiblichkeit gemeint sind: Auch die einer Trans*frau, einer nicht-binären Person, einer Muslima, mit oder ohne Dekolleté. Wir müssen nicht nur unsere Freiheit verteidigen, unsere Körper in all ihrer Schönheit zu genießen. Wie müssen auch dafür sorgen, dass dieser Kampf nicht von Leuten wie Zohra Bitan instrumentalisiert wird, um rassistische Islam-Klischees zu befeuern. Sonst ist es kein Feminismus.

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