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Ultras wollen nicht vergessen

Wie Fußballfans eine Aufarbeitung der NS-Geschichte ihrer Vereine fordern und fördern

  • Von Christoph Ruf, Nürnberg
  • Lesedauer: 4 Min.

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Es ist vollkommen ruhig, als die Nürnberger Fanbetreuer Andreas König und Hannes Orth das rot-weiße Gebinde mit der Aufschrift »Im stillen Gedenken« ablegen. Es soll an die Menschen erinnern, die hier, im KZ Flossenbürg, ihr Leben gelassen haben. Die Asche tausender Menschen liegt unter einer Grasfläche in der unmittelbaren Nähe des Krematoriums.

Am Sonnabend um acht Uhr morgens sind Fans des 1. FC Nürnberg Richtung Oberpfalz aufgebrochen. Einen Teil der Kosten hat der Verein übernommen, Geschäftsführer Niels Rossow kommt am Samstag ebenfalls vorbei und nimmt am ersten Rundgang teil. Bis zu vier Menschen wurden in den Baracken in ein Bett gepfercht, es gab zwei Toiletten für bis zu 1000 Häftlinge, die im nahen Steinbruch Granit abbauten. Die Nazis brauchten das Gestein für ihre Pläne, eine 70 Meter hohe Kongresshalle mit einer Außenfassade aus Granit zu bauen, die nie fertiggestellt wurde.

Mitte der Neunziger arbeitete der 1. FC Nürnberg erstmals die Dreißiger Jahre auf. »Ich habe damals alle Unterstützung gekriegt, die ich brauchte«, erinnert sich Bernd Siegler, der mehrere Bücher über die Club-Geschichte und die NS-Zeit geschrieben hat. »Die meisten Vereine haben sich erst später mit ihrer NS-Geschichte befasst.« Und bei einigen steckt die Aufarbeitung noch heute in den Kinderschuhen.

Der DFB erwähnte erstmals im Jahr 2000 überhaupt die Namen der von den Nazis verfolgten jüdischen Nationalspieler Gottfried Fuchs und Julius Hirsch, schwieg sich aber über seine eigene Rolle während der NS-Zeit aus. Erst nach öffentlicher Kritik gab man eine wissenschaftliche Arbeit in Auftrag, die auch das eigene Versagen benannte. DFB-Präsident Hermann Neuberger hatte derweil noch 1978 den Besuch des Alt-Nazis Hans-Ulrich Rudel im deutschen Teamquartier bei der WM in Argentinien befürwortet. Erst seit der Amtszeit von Theo Zwanziger (2006 - 2012) positioniert sich der DFB deutlich gegen Rassismus und Ausgrenzung.

Nicht viel besser als beim Verband lief die Aufarbeitung der eigenen Geschichte bei den Vereinen. Bis weit in die Neunziger hinein erschienen Chroniken mit einem blinden Fleck zwischen 1933 und 1945. »Oft gab es personelle Kontinuitäten«, weiß der Historiker Johannes Lauer, der am Wochenende die Fans durch die Gedenkstätte führte. »Und die Geschichtswissenschaft muss sich vorwerfen lassen, dass sie sich erst sehr spät für den Fußball interessiert hat.«

Mit der Aufarbeitung der Nazizeit ging vielerorts auch ein neues Bewusstsein für die gesellschaftliche Verantwortung der Vereine einher. Meist angestoßen von kritischen Fangruppen: Schon in den frühen Neunziger Jahren nach den Anschlägen von Mölln und Solingen waren in vielen Fanszenen Aufkleber populär, auf denen eine aus dem jeweiligen Vereinswappen herausragende Faust ein Hakenkreuz zertrümmerte. Wenn heute laut skandierte rechte Parolen oder Schmähungen gegen dunkelhäutige gegnerische Spieler in den Ligen eins bis drei nicht mehr zu hören sind, liegt das auch an der führenden Rolle der Ultragruppen, die sich - von wenigen Ausnahmen abgesehen - gegen rechts positionieren. Seit 2015 gab es Dutzende Transparente gegen AfD und rechte Hetze - und nicht eines, das die Gegenposition übernahm.

Auch die Nürnberger Fans in Flossenbürg sind besorgt über den Rechtsruck, den sie nicht nur bei Wahlen ausmachen: »Unfassbar«, findet es ein Fan, »was sich manche Leute heute wieder offen zu sagen trauen.« 2012 organisierte »Ultras Nürnberg« eine Choreographie zu Ehren von Jenö Konrad, der von 1930 bis 1932 FCN-Trainer war. Nach einem geifernden Pamphlet (»Klub! Gib Deinem Trainer eine Fahrkarte nach Jerusalem. Oder Du gehst am Juden zugrunde.«) im von NSDAP-Gauleiter Julius Streicher herausgegebenen »Stürmer« beschloss Konrad, Deutschland zu verlassen. Auch die Münchener Ultra-Gruppe »Schickeria« ist seit Jahren aktiv gegen Antisemitismus.

Fans von Borussia Dortmund haben schon mehrfach Gedenkstättenfahrten nach Auschwitz unternommen. Daniel Lörcher, der seit 2013 in verschiedenen Funktionen beim BVB arbeitete, hat die Fahrten mitkonzipiert. Bis er die Stelle beim Klub antrat, war Lörcher Vorsänger der Ultragruppe »The Unity«, die 2011 aus eigenem Antrieb Auschwitz besuchte. Fans von Fortuna Düsseldorf, 1860 München, St. Pauli, Hertha BSC, dem Karlsruher SC und anderen Vereinen haben bereits Gedenkstättenfahrten nach Auschwitz organisiert. Anknüpfungspunkte an die Vereinsgeschichte gab es überall. Immer wieder erzählen vor allem junge Fußballfans, dass sie in der Schule zwar das Dritte Reich behandelt hätten, einen direkten emotionalen Zugang zu der Thematik aber erst dann bekommen hätten, als sie in den Gedenkstätten mit den persönlichen Schicksalen von Menschen aus ihrer Stadt oder ihrem Verein konfrontiert wurden.

Wie am vergangenen Wochenende: Ein FCN-Fan entdeckte in der Flossenbürger Ausstellung einen Zeitungsartikel aus dem Jahr 1970 über einen langjährigen Lokalpolitiker aus seinem Heimatort. Dort war er angesehen. 1945 aber hatte er als Kommandant eines Außenlagers von Flossenbürg einen Todesmarsch geleitet, bei dem Hunderte Menschen starben.

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