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Das ist doch utopisch!

In der 26. Ausgabe des Popkulturmagazins »testcard« geht es um alles

  • Von Axel Klingenberg
  • Lesedauer: 5 Min.

Manchmal scheint es, als habe die Welt ihre Zukunft schon hinter sich gelassen. Auf der einen Seite wurde schon das Ende der Geschichte verkündet (was ja ewigen Stillstand bedeuten würde), auf der anderen wird der baldige Weltuntergang vorhergesagt (die derzeit populärste Variante: durch den Klimakollaps). Utopien - also positive Vorstellungen von der Zukunft - scheinen zurzeit keine große Konjunktur zu haben. Das Scheitern der sozialistischen Gesellschaftsmodelle - die einst Schwungbrett für den großen Sprung in ein goldenes Zeitalter sein wollten - hat wohl ein Übriges zu dieser Katerstimmung beigetragen.

Aber so ganz möchte man das ja nicht glauben, schon gar nicht als Linker: »Die Welt (...) verfügt in all ihrem dystopischen Fatalismus nämlich noch (oder: schon) über das Potenzial«, schreibt »testcard«-Mitherausgeber Frank Apunkt Schneider im Auftaktessay zur neuen Ausgabe des Magazins, »irgendwann einmal eine bessere andere zu werden.«

Die »testcard« ist so etwas wie das Zentralorgan der sogenannten Poplinken, die 2018 mit der »Spex« ihr wichtigstes Organ verloren hat. Die »testcard« verwendet viel Zeit und Energie darauf, Popkultur auf ihren emanzipatorischen beziehungsweise gegenaufklärerischen Gehalt zu untersuchen. »Nicht von ungefähr entstand Popkultur in ihrer bis heute gültigen Form in den USA, wo unterschiedliche Gruppen von (nicht immer freiwilligen Einwander*innen) aufeinandertrafen«, behauptet Schneider. »Die ›authentischen Kulturen‹, die sie von zu Hause mitgebracht hatten, vermischten sich dabei ebenso wie die Identitäten, zu denen sie gehörten, bis irgendwann gar nicht mehr klar war, was eigentlich ursprünglich einmal wohin gehört hatte.« Mit anderen Worten: Popkultur ist kosmopolitisch und bietet damit die Vorschau auf eine vereinigte Menschheit. »Hier müsste die Poplinke ansetzen«, schreibt Schneider weiter. »Sie muss erklären können, warum Pop davon handeln kann, dass viel mehr möglich ist als das, was de facto möglich ist.«

Sind damit Popkultur und Poplinke Ideenlieferanten für eine bessere Welt? Die »testcard« geht akribisch dieser Fragestellung nach und beschäftigt sich zum Beispiel anhand von 14 Songs von James Lasts und Gheorghe Zamfirs »Der einsame Hirte« über Björks »The Gate« bis zu Schließmuskels »Idylle« mit »Arkadien und Utopien in der Popkultur« sowie mit den »gesellschaftspolitischen Implikationen transhumanistischer Utopien«, die laut Autorin Laura Schwinger letztlich nichts weiter seien als »Zukunftsentwürfe einer neoliberal und szientistisch ausgerichteten Gegenwart«. Weitere Themen sind (Pop-)Manifeste von Marx und Engels über Filippo Tommaso Marinetti bis zu Valerie Solanas und Kathleen Hanna. Dazu kommen Musikvideos, Architektur, Mode, Filme der L. A.-Rebellion, feministische und Hippie-Utopien, Autotune, Retrowellen, Tropicálismo, Country Rap und Noise. Auch die Renaissance des Afrofuturismus wird beleuchtet, die ja jüngst durch den Marvel-Film »Black Panther« befeuert wurde, deren Comicvorlage zeitgleich mit der gleichnamigen politischen Organisation entstand und letztlich auch deren Ziel teilt: die Selbstermächtigung der Afroamerikaner zu befördern.

Die Texte sind oft erhellend und nur selten ermüdend, auch wenn sie sich manchmal auf dem schmalen Grat zwischen hilfreichem Kennertum und einer sympathischen Nerdhaftigkeit bewegen. Zudem kommt der eine oder andere Artikel tatsächlich auf das Wesentliche zu sprechen: »Es ist für die Menschen nicht länger wichtig, große Reichtümer zu besitzen. Wir haben den Hunger eliminiert, die Not, die Notwendigkeit, reich zu sein. Die Menschen sind erwachsen geworden«, zitiert Norma Schneider Captain Jean-Luc Picard aus der Science-Fiction-Serie »Star Trek«. Schneider kommt jedoch zu dem Schluss, dass auch diese filmische Utopie scheitert: »Auch die Struktur der Federation und der Starship-Besatzungen übernimmt unhinterfragt die hierarchische Struktur des Militärs; Rang, Disziplin, Führung, Autorität und sogar Ehre sind auf der U. S. S. Enterprise selbstverständliche Werte.«

Von hier aus kommt die Autorin auf die Frankfurter Schule zu sprechen: »Herbert Marcuse hat die schon bei Marx angelegte und in der Sowjetunion zum Ideal erhobene Vorstellung vom ›Neuen Menschen‹ aufgegriffen und erläutert, dass für den Aufbau einer utopischen Gesellschaft ein neuer ›Menschentyp‹ nötig sei, ›der sowohl eine andere Sensibilität als auch ein anderes Bewusstsein besitzt (...); Menschen, die eine Schranke gegen Grausamkeit, Brutalität und Hässlichkeit aufgerichtet haben.‹ (...) Adorno assoziierte die utopische Gesellschaft mit dem Stillstand des ›ewigen Friedens‹ und spekulierte, dass sie die Produktivität als Selbstzweck negieren könnte: ›Vielleicht wird die wahre Gesellschaft der Entfaltung überdrüssig und lässt aus Freiheit Möglichkeiten ungenutzt, anstatt unter irrem Zwang auf fremde Sterne einzustürmen.‹«

»Fortschritt bedeutet hier Bildung, Aufklärung und Persönlichkeitsentwicklung«, bemerkt Schneider ganz richtig. Gegen diesen frommen Wunsch steht jedoch der gegenwärtig vorherrschende Pessimismus. »Es ist einfacher geworden, sich das Ende der Welt vorzustellen als das Ende des Kapitalismus«, bringt es Mark Fischer auf den Punkt.

Das war natürlich nicht immer so: »Die Internationale (…), unmittelbar nach der Niederschlagung der Pariser Commune verfasst, imaginiert den utopischen Ausweg aus der kapitalistischen Vergesellschaftung, der nach der Niederlage nur dringlicher scheint«, heißt es in der »testcard«. Heutzutage sähen Utopien anders aus, zum Beispiel wie in »Hurra, die Welt geht unter«: »In enorm dichten Bildern zeichnet K. I. Z. eine Zukunft, die nur aus den Trümmern der jetzigen Welt entstehen kann, und liefert damit einen anarchistischen Entwurf, der ›wenn nicht mit Rap, dann mit der Pumpgun‹ eingeleitet wird - und damit vielleicht gar einen kleinen Aufruf beinhaltet.« Womit immerhin gezeigt wird, was Popkultur immer noch zu leisten vermag.

»testcard«, Beiträge zur Popgeschichte, Nr. 26, Ventil Verlag, 336 S., br., 16 €.

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