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Der Markt entledigt sich der Braunkohle

Bundeswirtschaftsminister Altmaier strebt einvernehmliche Ausstiegslösung mit Kraftwerksbetreibern an

  • Von Jörg Staude
  • Lesedauer: 3 Min.

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Seit Mitte Mai dieses Jahres stellt der mitteldeutsche Braunkohleförderer Mibrag in seiner Fabrik in Deuben keine Briketts mehr her. Nach einer Verpuffung im Juli 2018 mit Verletzten und erheblichen Sachschäden wäre ein Wiederaufbau, so begründete die Mibrag das Aus, langwieriger und kostenintensiver als ursprünglich geplant und mache »derzeit wirtschaftlich keinen Sinn«.

Aber auch später wird das Pressen von Braunkohlebriketts, ausgenommen für Museen und Nostalgiker, wirtschaftlich kaum sinnvoll sein. Nach 1990 wurden in Deuben selbst in den besten Zeiten gerade noch 1800 Tonnen Briketts am Tag gepresst. Der Wegfall der Produktion tut dem Unternehmen nicht weh, zumindest nicht bei der Förderung in den beiden großen Mibrag-Tagebauen Profen und Schleenhain.

Da schlägt die kürzliche Entscheidung der baden-württembergischen EnBW, einen der beiden 920-Megawatt-Blöcke im Kraftwerk Lippendorf bei Leipzig vom Netz zu nehmen, viel stärker ins Kontor. Genaue Angaben, wie viel Kohle die Mibrag dadurch nicht mehr an die EnBW liefern muss, geben die Unternehmen nicht heraus. Bekannt ist nur, dass Lippendorf täglich mehr als 30 000 Tonnen Rohkohle über die Feuerungsroste schicken kann - vorausgesetzt, die zwei 920-Megawatt-Blöcke laufen mit voller Kraft. Das »mit der vollen Kraft« passiert in Deutschland offenbar immer seltener. Bereits im ersten Quartal dieses Jahres gingen die Braunkohlelieferungen an Kraftwerke nach Angaben des Branchenverbandes DEBRIV im Vergleich zum Vorjahr um knapp 18 Prozent zurück. Der Kohleverband erklärt das damit, dass einige Blöcke - zuletzt einer in Jänschwalde - in die sogenannte Sicherheitsbereitschaft gingen, weitere Ursachen sind laut DEBRIV eine »erheblich höhere Windenergieeinspeisung im Februar und insbesondere März 2019« sowie die »Auswirkungen der Förderreduzierungen als Folge des Rodungsstopps im Hambacher Forst«.

Aufs Halbjahr gerechnet soll die deutsche Braunkohleverstromung sogar um 21 Prozent im Vergleich zum Vorjahr gesunken sein - mit dem vorläufigen Tiefpunkt im Juni: In der Monatsbilanz übertraf laut den Angaben des Freiburger Fraunhofer-Instituts ISE der Solarstom mit rund 7,2 Terawattstunden erstmals in der Geschichte die Braunkohle mit 7,0 Terawattstunden. Auf Platz drei folgt schon der Windstrom mit 6,7 Terawattstunden.

Der Markt scheint sich langsam der Kohle zu entledigen. Denn für die Abschaltung des Lippendorfer Blocks führt die EnBW wirtschaftliche Gründe wie Strompreise und Stromnachfrage an. Dabei hatten die Braunkohlebetreiber in den letzten Jahren einiges getan, damit die großen Ungetüme besser mithalten. So sind in Lippendorf die Anfahrzeiten, die zum Hochfahren der Blöcke benötigt werden, verkürzt worden. Heutzutage könne der Standort »auf etwa 25 Prozent seiner installierten Leistung heruntergefahren werden«, lobt der Braunkohleverstromer Leag, der einen Block in Lippendorf auf eigene Regie und den zweiten im Auftrag von EnBW betreibt.

Mit der rasanten Marktentwicklung droht der gesetzliche Kohleausstieg ins Hintertreffen zu geraten. Für diesen skizzierte Wirtschaftsminister Altmaier am Donnerstag den offiziellen Fahrplan. Die Ende Mai beschlossenen »Eckpunkte« des sogenannten Strukturstärkungsgesetzes fließen dem Minister zufolge derzeit in einen Referentenentwurf ein, der nach der Sommerpause ins Bundeskabinett gehen soll.

Parallel laufen, wie das Ministerium weiter mitteilte, Gespräche mit den Betreibern für den geordneten Kohleausstieg - mit dem Ziel einer »einvernehmlichen Lösung«. Wie von der Kohlekommission vorgeschlagen, sollen dabei die ersten Stilllegungen »bei den älteren Kraftwerken im Westen Deutschlands erfolgen«. Die Gespräche mit dem Kohlekonzern RWE verliefen dabei »konstruktiv«, ließ sich Altmaier nicht weiter in die Karten schauen.

Bei der Steinkohle folgt Altmaier ebenfalls der Kohlekommission. Dort sollen die Stilllegungen über Ausschreibungen erfolgen - dabei können Betreiber von Steinkohlekraftwerken einen Preis für die Stilllegung bieten. »Wer zu den geringsten Kosten pro CO2-Emission anbietet, erhält den Zuschlag.« Voraussichtlich Ende des Jahres sollen dann die Regelungen in einem Kohleausstiegsgesetz zusammengefasst und auch parlamentarisch beschlossen sein.

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