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Wie Alice Schwarzer männliche Herrschaft fördert

Im »Welt«-Interview verurteilt Deutschlands Oberfeministin die jüngere Generation pauschal als machtgeil und von Männern gesteuert

  • Von Lou Zucker
  • Lesedauer: 3 Min.

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Es gibt eine Strategie des Patriarchats, der leider auch erfahrene Feministinnen immer wieder erliegen: Wir lassen uns gegeneinander ausspielen. Wir sehen andere Frauen als Konkurrentinnen und zerfleischen uns lieber gegenseitig, anstatt uns zu verbünden. So wird es noch leichter, uns zu beherrschen.

Genau dieses Muster hat Alice Schwarzer am Sonntag in einem »Welt«-Interview bedient. Natürlich hat die Herausgeberin der Zeitschrift »Emma« mit dem befremdlichen Ruf als Deutschlands Oberfeministin darin mal wieder pauschal ihren Lieblingsfeind, das islamische Kopftuch kritisiert. Diese rassistische und paternalistische Haltung, die schon benutzt wurde, um den europäischen Kolonialismus zu rechtfertigen, sind wir inzwischen schon von ihr gewöhnt - was sie nicht weniger problematisch macht. Erst vergangenen Mai war am Rande einer Frankfurter Konferenz über das islamische Kopftuch ein Video viral gegangen, in dem Schwarzer eine junge Demonstrantin mit Hijab gegen deren Willen anfasst und sich anschließend über sie lustig macht.

Im Welt-Interview teilt Schwarzer nun auch gegen die jüngere Generation Feministinnen aus, die sie regelmäßig für ihre Islamfeindlichkeit kritisieren. Sie erklärt sich die Kritik mit dem »psychologischen Muster des 'Muttermordes'«, ganz so, als würden alle Feministinnen nach ihr sie automatisch als »Mutter« anerkennen. Nur so zur Info: Es hat auch vor Schwarzer Feministinnen gegeben, auch in Deutschland, für die Feminismus sehr viel mehr bedeutete als »Frauenrechte«. Dazu zählen zum Beispiel die Kommunistin Clara Zetkin oder die Soziologin Maria Mies, von internationalen Größen wie Audre Lorde, bell hooks, Silvia Federici oder Judith Butler ganz abgesehen. Unter diesen und vielen anderen intersektional denkenden, antikapitalistischen Feministinnen kann die jüngere Generation jede Menge Vorbilder finden - ganz ohne das Bedürfnis zum »Muttermord«.

All diese »ambitiösen jungen Medienfrauen«, argumentiert Schwarzer weiter, seien einfach scharf auf Schwarzers »Spitzenposition«: »Wenn ich alte Schrapnelle endlich weg wäre, denken sie, könnten sie nachrücken«, sagt sie im Interview. Damit offenbart sie jenes toxische Konkurrenzdenken, das jede politische Bewegung schwächt. Feminismus ist ein Kampf gegen Unterdrückung, nicht um Spitzenpositionen. Sie hat recht, dass solche Machtkämpfe immer wieder auch unter Feministinnen aufflammen. Doch dieses Muster hat mehr mit Kapitalismus und Patriarchat zu tun, als mit den Individuen, die miteinander konkurrieren. Wenn Schwarzer die Individuen kritisiert und die Strukturen dahinter ausblendet, verschärft sie den Machtkampf nur - und offenbart dabei viel über ihre eigenen Konkurrenzgefühle.

Noch perfider wird es, wenn Schwarzer ihren jungen Kritikerinnen unterstellt, sie seien alle von mächtigen Männern beeinflusst. Damit spricht sie ihnen ab, eigenständig zu denken und ihrerseits harte Kämpfe gegen jene »mächtigen Männer« auszufechten.

Schließlich wird deutlich, wie sehr es bei Schwarzers giftiger Abwehrhaltung auch um Neid auf die Jugend anderer Frauen geht: »Diese Jüngeren begreifen nicht, dass es ihnen bald ganz genauso ergehen wird wie den von ihnen diffamierten Älteren. Es gibt immer noch Jüngere«. Ja, wir lernen im Kapitalismus, dass eine Frau praktisch nichts mehr wert ist, sobald sie die 40 überschritten hat. Das ist brutal für den Selbstwert von Frauen, Gift für die Solidarität und ein Geschäftsmodell für Kosmetik-, Fitness- und Ratgeberindustrie. Als Feministinnen müssen wir dieses Muster gemeinsam bekämpfen, anstatt es zu bedienen.

Unterdrückte Gruppen gegeneinander auszuspielen und sie um die Gunst der Mächtigen konkurrieren zu lassen, ist eine uralte Herrschaftsstrategie. Wenn wir uns wirklich befreien wollen, müssen wir diese Strategie erkennen und durchbrechen. Dazu brauchen wir Solidarität - allerdings nicht Menschen wie Alice Schwarzer, die sich selbst derart unsolidarisch verhalten.

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