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Verdrängt die Karte unser Bargeld?

Zahlungsmittel

  • Von Hermannus Pfeiffer
  • Lesedauer: 4 Min.

Bargeld ist in Deutschland bekanntlich besonders beliebt. Doch die Vormachtstellung des Bargeldes scheint allmählich ins Wanken zu geraten. Laut einer Studie des Handelsforschungsinstituts EHI in Köln kamen 2018 im stationären Einzelhandel die Giro- und Kreditkarte erstmals häufiger als Zahlungsmethode zum Einsatz als das Bargeld.

Nach den Ergebnissen der Studie stieg der Anteil der Kartenzahlungen am Gesamtumsatz des Einzelhandels auf rund 48,6 Prozent. So wurden rund 209 Milliarden Euro mit Giro- und Kreditkarte ausgegeben. Damit wurden erstmals, wenn auch knapp, die Barumsätze getoppt, die noch auf einen Anteil von 48,3 Prozent kommen. 208 Milliarden Euro wurde an den Ladenkassen in bar bezahlt.

Scheine und Münzen bleiben

Ganz so unpopulär ist das Bargeld allerdings nicht, wie es diese Zahlen nahelegen. Schaut man auf die Menge der Transaktionen, ergibt sich ein eher klassisches Bild: Den Großteil der 20 Milliarden Transaktionen im vergangenen Jahr, nämlich mehr als 15 Milliarden, wurden in bar getätigt.

Bargeld bestimmt das Klein-klein im Alltag, vom Zeitungskauf bis zur Currywurst oder der Kinokarte. Per Karte werden vor allem größere Beträge bezahlt. Haupttreiber des Trends zu mehr Kartenzahlungen ist vor allem das Girocard-System der deutschen Banken und Sparkassen.

Dabei ziehen Kreditwirtschaft und Handel nicht immer am selben Strang. Es war ursprünglich der westdeutsche Handel, der das elektronische Lastschriftverfahren (ELV) entwickelte, um die Vorherrschaft der Banken zu brechen. Der Kunde beglaubigt dabei den Zahlvorgang mit seiner Karte und einer Unterschrift. Beim ELV fallen daher für Händler und Kunde keine Bankgebühren an. Allerdings trägt der Händler das Risiko eines Zahlungsausfalls, wenn das Konto des Kunden leer ist.

Anders beim Verfahren mit einer persönlichen Identifikationsnummer, der PIN. Zahlt ein Kunde mit Karte und PIN wird im Regelfall der Betrag sofort vom Konto abgebucht. Das sichere Verfahren mit PIN-Eingabe ließen sich die Banken lange Zeit gut bezahlen. Für jede Zahlung wurden 0,3 Prozent vom Umsatz fällig, mindestens 8 Cent. In der Summe ergab das Jahr für Jahr einen mittleren dreistelligen Millionenbetrag.

Das änderte sich erst, als die Europäische Kommission in Brüssel einschritt. Es wurde eine neue Obergrenze für Kartentransaktionen von 0,2 Prozent erlassen. Nach Angaben des Handelsforschungsinstituts EHI liegt der Preis in der Praxis noch darunter. Durch die Gebührendeckelung sei es zu »einer Konditionenangleichung« beider Systeme gekommen. Unterm Strich wurde das an sich kundenfreundlichere Lastschriftverfahren für den Handel weniger attraktiv.

Einige Discounter wie Aldi und Lidl sowie Supermarktketten wie Edeka, Kaufland und Rewe haben sich schon vom ELV verabschiedet. Seit die Gebühren für die PIN-Zahlung 2017 gedeckelt wurden, befindet sich das ELV auf dem Rückzug. Immerhin werden noch 10 Prozent des Einzelhandelsumsatzes so bezahlt.

Handy statt Geldbörse

Die Dauer eines Zahlungsvorganges an der Kasse stellt aus Händlersicht einen Kostenfaktor dar. Der durchschnittlichen Dauer einer Barzahlung von 22 Sekunden stehen laut EHI die einer Zahlung per Karte und PIN von rund 29 Sekunden, Zahlung per Karte und Unterschrift von circa 39 Sekunden gegenüber.

Selbst das Barzahlen geht den Händlern jedoch zu langsam. Seit einem Jahr beobachten die Experten allerdings eine Zunahme an kontaktlosem Bezahlen mit Karte - eine Vorstufe des mobilen Bezahlens. Jede zehnte Transaktion wird quasi im Vorbeigehen erledigt.

Eine weitere Vereinfachung an der Kasse ist das »echte« mobile Bezahlen, per Handy. Die Zahlungsdetails sind dabei im Smartphone hinterlegt und Kunden brauchen weder Geldbörse noch Karte zum Einkaufen. »Aber es besteht großer Informationsbedarf - sowohl bei Händlern wie auch bei Verbrauchern, die vermutlich aufgrund der vielen unterschiedlichen Mobile-Payment-Lösungen in Deutschland verunsichert sind«, erklärt dazu Horst Rüter, Zahlungsexperte im EHI.

Ohnehin findet nur eine Minderheit der Verbraucher das Zahlen im Vorübergehen attraktiv. Lediglich 36 Prozent der Befragten zeigten sich in einer Umfrage aufgeschlossen für das mobile Bezahlen, was hochgerechnet bundesweit immerhin rund 20 Millionen Verbrauchern entspricht.

Unsicherheiten bestehen

Auch Händler sind verunsichert. Der Markt ist zur Zeit recht unübersichtlich, die Vorteile sind nicht ausreichend bekannt und die neuen Kassensysteme sind teuer. Ohnehin ist unklar, welche Variante des mobilen Bezahlens sich durchsetzen wird. Um über die unterschiedlichen Möglichkeiten zu informieren und Standards zu setzen, hat das EHI eine große Koalition gebildet. Mit dabei sind unter anderem Girocard, Google, Mastercard und Payback.

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