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  • Politik
  • Widerstand im Nationalsozialismus

Franz Jacob und Genossen sind unvergessen

Ilse Jacob spricht öffentlich über eine der größten antifaschistischen Gruppen im Nazireich

  • Von Reinhard Schwarz, Hamburg
  • Lesedauer: 4 Min.

Widerstand auch unter schwierigsten Bedingungen: 1940 bildete sich in Hamburg die Gruppe um Bernhard Bästlein, Franz Jacob und Robert Abshagen. Die Organisation bestand aus Kommunisten, Sozialdemokraten und anderen Hitlergegnern. Bemerkenswert an dem Zusammenschluss ist der Zeitpunkt ihrer Entstehung um 1940, als es der Geheimen Staatspolizei (Gestapo) gelungen schien, die Reste der illegalen Opposition der 1930er Jahre zu zerschlagen. Das Hitler-Regime befand sich nach den militärischen Siegen über Polen und Frankreich auf dem Höhepunkt seiner Macht. In der Phase wurden zahlreiche Kommunisten, Sozialdemokraten und andere Oppositionelle aus der Haft entlassen.

»Die Inhaftierten wurden 1939/ 1940 entlassen, vermutlich weil sich das Hitler-Regime sicher fühlte«, lautet die Einschätzung von Ilse Jacob (76), Tochter von KPD-Mitglied Franz Jacob (1906-1944). Sie ist ihrem Vater 1944 als Anderthalbjährige begegnet, doch kann sie sich daran nicht erinnern. Aber sie kennt ihn aus Erzählungen ihrer Mutter und ihrer älteren Halbschwester Ursel Hochmuth (1931-2014), die zahlreiche Bücher über den antifaschistischen Widerstand verfasste.

Seit Jahren spricht Ilse Jacob öffentlich über den Widerstand im faschistischen Deutschland. Kürzlich hielt sie auf Einladung der Galerie Morgenland, einer Geschichtswerkstatt in Hamburg-Eimsbüttel, einen Vortrag zum Thema »Arbeiterwiderstand in Hamburg 1940 bis 1945«. Auch in Schulen berichtet die pensionierte Lehrerin, Mitglied der DKP und der Vereinigung der Verfolgten des Nazi-Regimes - Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten (VVN-BdA), über die Widerstandsorganisation, der mehr als 300 Frauen und Männer angehörten.

Nach der Entlassung aus dem KZ Sachsenhausen arbeitete Franz Jacob als Schlosser in einer Wäscherei. Die KZ-Haft hatte ihn nicht gebrochen. »Vom Herbst 1940 an nahmen die aus Sachsenhausen entlassenen Männer Verbindungen zu vielen Hamburger Kommunisten und anderen ihnen bekannten Antifaschisten auf, um sie für eine systematische und organisierte Widerstandstätigkeit gegen Hitler und Krieg zu gewinnen«, schreibt Ursel Hochmuth in dem 1969 erschienenen Buch »Streiflichter aus dem Hamburger Widerstand 1933- 1945«. Die KPD-Mitglieder konnten dabei an bereits an existierende illegale Gruppen anknüpfen, die einen eher losen Kontakt untereinander hatten. Die Gruppe hatte zahlreiche Verbindungen in mehr als 30 Hamburger Betrieben, unter anderem auch in der Rüstungsschmiede Blohm & Voss.

1942 konnte die Gestapo viele Mitglieder der Organisation verhaften. Die komplette Zerschlagung der Gruppe, die eher ein nach außen abgeschottetes Netzwerk war, gelang der Gestapo bis Kriegsende nicht. Franz Jacob schaffte es, nach Berlin zu entkommen und sich der Gruppe um Anton Saefkow (1903-1944) anzuschließen. Wie reiste man 1942 als »Illegaler« durch Deutschland? »Man konnte sich damals nicht einfach in den Zug von Hamburg nach Berlin setzen«, schildert Ilse Jacob die Flucht ihres Vaters. Stattdessen fuhr Jacob, der bis 1933 Bürgerschaftsabgeordneter war, mit der Hamburger S-Bahn bis an den Stadtrand, weiter ging es mit Bussen über Land Richtung Berlin. »Möglichst immer morgens und abends mit den Arbeiterströmen, bis zum Berliner S-Bahnnetz«, berichtet Ilse Jacob.

In der Berliner S-Bahn kam es 1944 zu einer überraschenden Begegnung, erzählt die Tochter: »Während einer S-Bahnfahrt, bei einem Wechsel von einem geheimen Quartier zum anderen, sah er Bernhard Bästlein neben einem ihm unbekannten Mann.« Der mit einer Pistole bewaffnete Jacob überlegte, ob er Bästlein befreien sollte, da er annahm, dass es sich bei dem Fremden um einen Gestapo-Mann handelte. Er konnte nicht wissen, dass Bästlein am 29. Januar 1944 nach einem Bombenangriff die Flucht aus der Haftanstalt Plötzensee gelungen und der unbekannte Begleiter kein Gestapo-Agent, sondern ein Genosse war. In einem illegal verbreiteten Flugblatt forderte Bästlein daraufhin den Freund auf, Kontakt aufzunehmen.

Franz Jacob, Anton Saefkow und der Sozialdemokrat Adolf Reichwein wurden am 4. Juli in Berlin von der Gestapo verhaftet. Bästlein war bereits Ende Mai 1944 festgenommen worden. Insgesamt wurden in einer Verhaftungswelle mehrere Hundert Männer und Frauen festgesetzt und teilweise zum Tode oder zu langjährigen Haftstrafen verurteilt.

In der DDR wurden viele Straßen und Schulen nach den ermordeten Antifaschisten benannt. In Hamburg wurden die Urnen von Franz Jacob, Bernhard Bästlein und 24 weiteren Opfern der NS-Justiz 1946 im Rathaus aufgebahrt und am 8. September in einem Ehrenhain neben den Revolutionsgefallenen von 1918/19 auf dem Friedhof Ohlsdorf beerdigt.

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