Alle um einen: Viel sprechen gehört gerade auch zur Arbeit von Unions Trainer Urs Fischer.
Union Berlin

Laute Schreie in der Idylle

Oberösterreich hat viel zu bieten - und profitiert vom Fußballtourismus. Gerade ist der 1. FC Union Berlin hier im Trainingslager

Von Alexander Ludewig, Windischgarsten

Windischgarsten? »Muss man kennen!«, sagte Theresa neulich. Sie klang charmant. Es ist wohl ihr Dialekt, und in diesem Moment die Selbstironie in ihrer Stimme. Sie erzählte von ihrer oberösterreichischen Heimat, die Eltern wohnen noch dort - und das beste Wiener Schnitzel gibt es selbstverständlich bei ihrer Mutter. Theresa selbst ist über Wien irgendwann in Berlin gelandet. Was sie noch nicht weiß: Der beschauliche Luftkurort wird tatsächlich immer bekannter, durch eine ganz spezielle Form des Reisens: Fußballtourismus.

Horst Dilly begrüßt die Neuankömmlinge an diesem Montag persönlich, mit Handschlag und einem freundlichen »Servus«. Er schüttelt viele Hände. Aus dem Mannschaftsbus des 1. FC Union steigen mehr als 30 Spieler. Dazu kommen noch Trainer, Betreuer und eine Handvoll Journalisten. Dilly ist der Chef des gleichnamigen Hotels und routiniert im Umgang mit Fußballmannschaften. Vor dem Berliner Bundesligisten waren in diesem Sommer schon die U20-Nationalteams aus Österreich und der Schweiz, die Amateure von Austria Wien sowie die Profiklubs CFR Cluj, Roter Stern Belgrad und 1860 München seine Gäste. Nach den Köpenickern werden dort noch 1899 Hoffenheim und Eintracht Frankfurt ihr Sommertrainingslager abhalten. Horst Dilly freut es: »Mit dem Aufstieg von Union Berlin dürfen wir heuer erstmals drei Bundesligavereine bei uns begrüßen.«

Die Ruhe in der Marktgemeinde mit ihren 2400 Einwohnern leidet etwas unter dem sportlichen Besuch. Damit die zwei Fußballplätze hinter dem Hotel in bestem Zustand bleiben, rattert zweimal täglich ein Rasenmäher darüber. Und wenn es abends mal etwas lauter wird, dann ist Lars Schnell gefragt. »Wenn es Beschwerden über Lärm in einer Kneipe gibt, bittet die Polizei zuerst uns um Hilfe«, erzählt der Fanbeauftragte des 1. FC Union. Für solch vorbildliche Deeskalationsmaßnahmen müssen Schnell und seine Mitarbeiter viel Vorarbeit leisten: »Unsere erste Aufgabe ist es, Gespräche mit den örtlichen Behörden zu führen, um sie darauf vorzubereiten, was den Ort erwartet.«. Schnell erwartet in den insgesamt zehn Tagen des Trainingslagers bis zu 400 Fans in Windischgarsten. Den größten Ansturm wird es an diesem Wochenende geben, wenn zwei Testspiele anstehen. Ernsthafte Probleme habe es aber noch nie gegeben, versichert Schnell.

Joe und Ines sind, wie noch ein Dutzend andere, die ersten Fans im Trainingslager. Schon einen Tag vor der Mannschaft sind sie angekommen. Für die beiden ist es das erste Mal. »Wir haben extra unseren Urlaub kurzfristig umgebucht«, erzählt Joe. Und Ines ergänzt sofort: »Das muss man mal erlebt haben.« Fans sind die beiden schon länger. Joe kam vor 20 Jahren über Kollegen zum 1. FC Union, zehn Jahre später lernte er Ines kennen. »Ich war sofort infiziert«, erinnert sie sich. Beide gehören zum Fanclub Dreki Ragnarök - und sind Mehrfachsieger des jährlichen Drachenbootrennens des Vereins. Die Liebe zum Fußball habe ihre Liebe noch intensiver gemacht, meinen beide. In Windischgarsten werden sie auch nicht enttäuscht. Die Atmosphäre und diese ganz besondere Nähe faszinieren sie. »Das intensive Training, die Zurufe unter den Spielern und die lauten Kommandos der Trainer - das ist schon noch mal was anderes als im Stadion«, meint Joe. Und natürlich hätten sie schon überlegt, das im nächsten Sommer zu wiederholen. Jetzt geht es aber erst mal weiter nach Kroatien - doch noch etwas Urlaub vom Fußball.

Wenn Joe und Ines Skifahren, ist noch mehr los. »Im Wintertrainingslager ist der Andrang größer«, berichtet Lars Schnell: »Sonne im Süden tanken.« Aber auch jetzt hat die Fanbetreuung genug zu tun - als Ansprechpartner bei Fragen zu Trainingszeiten und Testspielen oder als Organisatoren von Veranstaltungen. »Wir wollen den Leuten ein schönes Erlebnis bieten«, sagt Schnell. Unnötige Arbeit kann er da eigentlich nicht gebrauchen, haben er und seine Kollegen aber bekommen - weil irgendjemand verbreitet hatte, dass Union-Ultras am Sonnabend zum Testspiel bei Blau-Weiß Linz Ausschreitungen angekündigt hätten. »Schwachsinn«, schimpft Schnell. Mittlerweile sei alles aufgeklärt worden.

Nach ein paar Tagen hat man das Gefühl, dass man in Windischgarsten alle kennt. Das anfänglich ungewohnte »Grüß Gott« wird schnell zur Normalität, weil einfach jeder jeden grüßt. Theresa hat nicht übertrieben: Die Menschen hier sind sehr nett und offen. Man kommt schnell ins Gespräch - und bleibt es auch, wenn man unterschiedlicher Meinung ist. Dietrich Mateschitz beispielsweise genießt hier höchstes Ansehen. Dass Unioner den Chef von Red Bull und sein finanzielles Fußballengagement in Leipzig nicht besonders mögen, löst bei Hannes Dilly auch nach längerer Unterhaltung nur Unverständnis aus. Dem Bruder des Hotelchefs Horst gehört die Würstl-Hüttn am Windischgarstner Stadion. Die Kampfmannschaft, wie das erste Männerteam in Österreich genannt wird, ist gerade wieder in die siebte Liga aufgestiegen. Der Name des Vereins: SV Modehaus Hofbaur Windischgarsten, der Name des Stadions: DANA Arena - Österreich pflegt eben oft eine etwas andere Fußballkultur. Egal, nach einer weiteren Zigarette und anhaltender Diskussion zählt Hannes Dilly sein Bargeld und lädt zum Schnaps im Gasthof ein.

Einen Ausflug nach Fuschl am See werden Unioner sicher nicht machen. Die Heimat von Red Bull liegt anderthalb Autostunden entfernt. Theresas Reisetipps sind eh besser. Nach Gmunden beispielsweise ist man nicht mal eine Stunde unterwegs - und sieht »traumhaft Schönes«, wie sie schwärmte. Theresa hat recht. Der 13 000-Einwohner-Ort liegt wie gemalt am Traunsee, mit 191 Metern der tiefste See Österreichs und sicher auch einer der schönsten. Umrahmt ist er von schroffen Felsen und saftig grünen Wiesen, das Wasser ist glasklar, und auf einer Insel steht ein Schloss.

Um einen Eindruck von der vielfältigen Landschaft zu bekommen, genügt auch schon eine Gondelfahrt auf die Berge um Windischgarsten. Für den einen oder anderen Spieler des 1. FC Union war das nach sichtbar kräftezehrenden Einheiten am Donnerstag, dem ersten trainingsfreien Nachmittag, sicher Abwechslung und Erholung zugleich. In der kommenden Woche ist noch eine Raftingtour geplant. Das Wichtigste zum Wohlfühlen für Fußballer, wie von Christopher Trimmel vor der Abreise beschrieben, ist aber gegeben. Platz, Essen, Bett? »Alles gut«, antwortet der Kapitän. Das wird Andreas Winkelhofer freuen. Er lobt als Tourismuschef von Oberösterreich das Bundesland von Berufs wegen. Für das Jahr 2019 rechnet er allein durch Trainingslager von Fußballteams samt Anhang mit rund 14 000 extra Übernachtungen.