"See you yesterday"

Antirassistische Zeitreisen

Über die Konstante der Diskriminierung und mörderischer Polizeigewalt.

Von Florian Schmid

Bereits 481 Menschen sind in diesem Jahr laut »Washington Post« in den USA von der Polizei erschossen worden. Schwarze Jugendliche werden besonders häufig Opfer dieser mörderischen Polizeigewalt. Das US-amerikanische schwarze Kino hat sich in den vergangenen Jahren schon mehrfach dieses Themas angenommen, unter anderem in dem Film »Fruitvale Station« über den Tod von Oscar Grant, der von der Oaklander Polizei am Neujahrstag 2009 erschossen wurde. Mit dem von der hiesigen Kritik bisher völlig ignorierten und dabei großartigen Film »See you yesterday«, produziert von Spike Lee, hat Netflix das Thema nun kämpferisch in Form eines Science-Fiction-Films in seinem Streamingprogramm. Dort hat Rassismuskritik gerade Konjunktur, wie auch die beklemmende Miniserie »When they see us« zeigt, die auf den wahren Erlebnissen einer Gruppe schwarzer Jugendlicher (die »Central Park Five«) beruht, die 1989 zu Unrecht wegen Überfall und Vergewaltigung zu jahrelangen Haftstrafen verurteilt wurden. Der Film »See you yesterday« kommt trotz seiner mitunter schwierigen Thematik stellenweise auch sehr ironisch daher. Erzählt wird die Geschichte der zwei schwarzen New Yorker High-School-Kids Claudette, genannt CJ, und Sebastian. Die beiden Jugendlichen bauen als Projekt für ihren Physikunterricht in einer Garage eine Zeitmaschine zusammen und hoffen auf ein Stipendium der Elite-Uni MIT. Bis plötzlich CJs Bruder von der Polizei bei einer Kontrolle erschossen wird. Die beiden versuchen, durch Reisen in die Vergangenheit das schreckliche Ereignis ungeschehen zu machen.

Der Vergangenheit ausgeliefert

Einen motivischen roten Faden für den gerade einmal 85 Minuten langen, temporeichen Film voller Querverweise und popkultureller Anspielungen gibt Octavia Butlers Roman »Kindred« vor, den in der Eingangsszene Michael J. Fox, der jugendliche Held aus »Zurück in die Zukunft« als alternder Physikprofessor und einziger Weißer vor einer Klasse schwarzer Jugendlicher sitzend liest. Der Roman »Kindred«, in der deutschen Übersetzung etwas unglücklich mit »Vom gleichen Blut« betitelt, ist in den USA ein sogenannter long-time-seller und gehört mittlerweile ebenso zur Schul- wie zur Universitätslektüre. In dem antirassistischen Roman von 1979 wird die Geschichte einer Afroamerikanerin aus Los Angeles erzählt, die quasi durch die Zeit fällt und sich Anfang des 19. Jahrhunderts auf einer Plantage in Maryland wiederfindet, wo sie auf ihre in Sklaverei lebende Vorfahrin trifft. Im Lauf der Zeit reist sie, ohne es kontrollieren zu können, immer wieder zwischen dem 19. und dem 20. Jahrhundert hin und her und bleibt auch längere Zeit in der Vergangenheit gefangen. Der Roman bietet zum einen den Blick auf die Sklaverei aus Sicht der aufgeklärten, selbstbewussten schwarzen Frau vor dem Hintergrund der Kämpfe der 1970er Jahre. Zum anderen erzählt er die mörderische Geschichte des Rassismus, der auch eine zeitreisende Person aus der Zukunft ausgeliefert ist und die nicht verändert werden kann.

Gleichbleibende Gegenwart

Genau diese Erfahrung machen auch CJ und Sebastian bei ihren Versuchen, die tödlichen Schüsse auf CJs Bruder ungeschehen zu machen. Er wird von einem Polizeibeamten getötet, als er sein Handy aus der Hosentasche zieht. So oft die beiden auch mit ihren umgeschnallten futuristisch anmutenden Rucksäcken von einer Brooklyner Sackgasse aus mehrere Tage zurückreisen und etwas am bereits Geschehenen verändern, kommt es in den unterschiedlichen Konstellationen immer wieder zu einem rassistischen Mord durch den Polizisten. Ihre Intervention findet stets im Rahmen einer rassistisch geprägten und sozial segregierten Welt statt. Ihre Zeitreisen führen zu ganz verschiedenen Ergebnissen: Einmal gibt es tagelange Riots von Jugendlichen im ganzen Bezirk, mal steht die stille Trauer im Familien- und Freundeskreis wegen des traumatischen Verlustes eines geliebten Menschen im Vordergrund. Nicht immer muss derselbe schwarze Jugendliche bei der Polizeikontrolle sterben. Bei den turbulenten Ereignissen streiten sich die Freunde und versöhnen sich wieder. In ihre zu zweit begonnene Rettungsaktion werden schließlich immer mehr Menschen involviert. Die antirassistischen Zeitsprünge werden zu einem kollektiven Unterfangen, zu dem immer mehr Menschen aus der Nachbarschaft beitragen.

Aber bei allen Unterschieden, bleibt eines immer gleich: Die tödlichen Schüsse des weißen Polizisten auf einen schwarzen Jugendlichen sind eine nicht veränderbare Konstante. Die mörderische Geschichte des Rassismus kann weder in Octavia Butlers Roman noch in »See you yesterday« überwunden werden. Trotz allen Wissens, trotz aller Aufklärung und trotz eines kämpferischen Selbstverständnisses, wie es vor allem die beiden widerständigen Jugendlichen in »See you yesterday« immer stärker entwickeln, können sie die rassistische Konstante der Geschichte nicht ungeschehen machen. Sie bleibt für das Hier und Jetzt ein bestimmender Faktor, der zwar wie von CJ und Sebastian in andere Form gebracht werden kann, diese Konstante überwinden können die beiden aber nicht.

Es ist einfach nicht möglich, der Geschichte des Rassismus zu entkommen. Und diese Geschichte entwickelt ihre Wirkung auf die Gegenwart. Ins Zentrum dieses Films - ebenso wie in Butlers Roman und auch in den anderen Narrativen über Zeitreisen, die sich gerade größter Beliebtheit erfreuen, wie in den Streamingserien »Dark« oder »Futureman« - geht es immer wieder um die Frage: Wie viel Handlungsmacht haben die Protagonisten?

Die Reise durch die Geschichte wird zur Allegorie über die Veränderbarkeit gesellschaftlicher Verhältnisse. Nachdem Francis Fukuymas neoliberales Sektkorkengeknalle vom »Ende der Geschichte« vor knapp 30 Jahren zum ideologischen Stehsatz wurde und spätestens mit der Krise 2007 und den Protestbewegungen 2011 ad acta gelegt wurde, geht auch in der Popkulturindustrie mittels Zeitreisen derzeit die Geschichte wieder munter weiter und ist dabei heftig umkämpft. Im Fall von CJ und Sebastian, die zu Beginn des Films an ihrer Erfindung als Teil einer banalen Karriereplanung ganz im Sinn einer neoliberalen Selbstverwirklichungsstrategie arbeiten, wird der technologische Entwicklungssprung stattdessen für den Kampf um eine bessere Welt und eine Veränderung des mörderischen gesellschaftlichen Status quo eingesetzt. Dass die beiden wie einige Jahrzehnte zuvor Bill Gates und Konsorten die Welt verändern, nachdem sie in einer Garage vor sich hin gebastelt haben, sollte als ironische Volte gegen die weißen kalifornischen Elite-Kids verstanden werden. Wobei CJ und Sebastian in ihrer Brooklyner Garage nicht den Kapitalismus auf seine nächste technologische Entwicklungsstufe heben, sondern den Kampf gegen den Rassismus um eine technologische Dimension bereichern, in der jede Menge utopisches Potenzial stecken kann. Denn aufgeben wollen die beiden trotz aller Rückschläge nicht. Vor allem CJ wird zur ikonografischen Figur einer utopisch-widerständigen Praxis, die gegen den rassistischen Normalvollzug und seine mörderische Gewalt ankämpft.