Reine Kiefernbestände, für Brandenburg typisch, hat der Mensch angelegt. Tim Ness (r.) steuert in der Oberförsterei Hammer südlich Berlins den schrittweisen Waldumbau.
Klimawandel

Die Kiefer braucht Gesellschaft

Mit langfristigem Waldumbau begegnen Brandenburgs Forsten dem Klimawandel.

Von Tomas Morgenstern

Wald zählt zu Brandenburgs größten Reichtümern. Er bedeckt reichlich ein Drittel der Landesfläche, ist Lebens- und Rückzugsraum für Mensch und Tier, sorgt für saubere Luft, reguliert Feuchtigkeit, dämpft Wind- und Wetterschwankungen. Und als riesiger natürlicher CO2-Speicher hilft der märkische Wald, das Klima stabil zu halten. Mit großem Aufwand will ihn das Land für den Klimawandel fit machen.

Dass die Wälder zwischen Märkisch-Buchholz, Prieros und Groß Köris südlich von Berlin in dieser Saison bisher nicht gebrannt haben, mag mit Glück und Zufall zu tun haben. Auch hier dominieren dichte Kiefernbestände, gibt es viele Munitionsverdachtsflächen. Ganz bestimmt aber haben Präventionsmaßnahmen eine Aktie daran, dass Großbrände wie jüngst in der Lieberoser Heide selten sind.

»Auch wir haben hier jedes Jahr einige kleine Waldbrände«, sagt Tim Ness, Leiter der Landeswaldoberförsterei Hammer mit Sitz an der Bundesstraße B179, eine von 14 in Brandenburg. Beim letzten größeren Brand im Jahr 2000 hatten auf rund 30 Hektar Kiefern in Flammen gestanden. »Im Prinzip müssen wir ein Hohelied auf die Waldbrandfrüherkennung mit Kameratechnik singen, die funktioniert wirklich super«, sagt er.

Das vom Landesbetriebs Forst vor Jahren aufgebaute System »Fire Watch« basiert auf 109 Kameras, die in ganz Brandenburg jede aufsteigende Rauchsäule registrieren. Sechs Waldbrandzentralen werten die Aufzeichnungen laufend aus. Die für 400 000 Hektar in den Landkreisen Märkisch-Oderland, Oder-Spree, Dahme-Spreewald und Teltow-Fläming zuständige Zentrale sitzt in Wünsdorf. Schlägt sie Alarm, kommt es darauf an, dass die Feuerwehr schnellstmöglich am Brandherd ist. Die Wege müssen gut befahrbar, Munitionsverdachtsflächen bekannt sein.

»Früh erkennen, schnell da sein, genügend Wasser dabeihaben, lautet die Devise. Das funktioniert bei uns dank der Freiwilligen Feuerwehr sehr gut«, sagt Tim Ness. Die Oberförsterei Hammer mit ihren derzeit 43 Mitarbeitern trägt dabei die Verantwortung für ein riesiges Waldgebiet - insgesamt 20 000 Hektar, wenn man Wiesen und Gewässer einbezieht. Ihre elf Reviere bewirtschaften Landeswald, der vom Flughafenumfeld in Schönefeld über den früheren sowjetischen Militärflugplatz Sperenberg und die Freizeitoase »Tropical Islands« bis in die Ferienregion am Schwielochsee reicht.

Verbreitetste Baumart in dieser Region ist die Kiefer, deren Kronen im »Oberstand« 89 Prozent der Waldflächen beherrschen, die Eiche vier Prozent und die Buche ganze zwei Prozent. Normalwald benötige 120 Jahre bis zur Ernte, erläutert der leitende Oberförster. »Die Wälder hier sind im Schnitt 70 Jahre alt.« Das sei eine Folge von Krieg, massivem Holzeinschlag nach 1945 für Brenn- und Bauholz sowie für Reparationsleistungen an die UdSSR, Bränden und auch Schädlingsbefall. So fressen Raupen der Nonne, einer Schmetterlingsart, ganze Nadelwälder kahl. Um die Bestände insgesamt zu stabilisieren, habe man vor Jahren begonnen, Flächen mit anderen, vor allem Laufbaumarten zu durchmischen. Auf Brandflächen stehen heute Eichen und Birken, auf feuchten Böden Erlen.

Die DDR-Forstwirtschaft habe den Schwerpunkt auf Kiefernplantagen und Holzproduktion legen müssen. »Erst vor rund 20 Jahren haben wir mit der Kahlschlagpolitik aufgehört«, so der 57-Jährige. Statt ganze Flächen zu roden, gehe es nun um Erhalt der produktiven Wälder und ihren Umbau. Der jährliche Holzzuwachs in den Wäldern der Landeswaldoberförsterei liegt bei 120 000 Festmetern. Der Einschlag erreiche dagegen nur 60 000 bis 80 000 Festmeter, so der Leiter. Selbst Verluste durch Brand- und Sturmschäden oder Schädlinge eingerechnet, bedeute das: »Wir speichern zusätzlich CO2.«

Die Wälder entlang der B179 verändern allmählich ihr Gesicht. Nach dem Holzeinschlag werde heute längst zwischen den verbliebenen Bäumen, im sogenannten Unterstand, nachgepflanzt, so Ness. Auf diesen Flächen, derzeit 3166 Hektar, komme die Kiefer nun auf 30 Prozent, die Eiche auf 28 Prozent; Birke, Erle und Aspe erreichten zusammen vielleicht 29 Prozent. Im Schnitt werden pro Hektar 5000 Bäume nachgepflanzt, 35 Hektar im Jahr. Große Hoffnungen setzt er auf Naturverjüngung der Bestände, also auf das massenhafte Nachwachsen aus den Samen der Bäume vor Ort, wobei sich die widerstandsfähigsten durchsetzen. »Sicher wird sich die Kiefer am Ende wohl besser behaupten und einen größeren Anteil haben.«

Wie groß die Risiken der noch immer bestehenden Dominanz der Kiefer sind, verdeutlicht seit einiger Zeit das Auftreten der sogenannten Kiefernholznematode, eines aus Nordamerika eingeschleppten Schädlings, in einigen EU-Staaten. In Portugal habe man den Fadenwurm trotz Fällung von fünf Millionen Bäumen noch nicht ausrotten können.

Bereits im Mai hatte Brandenburgs Forstminister Jörg Vogelsänger (SPD) gewarnt: »Wir müssen damit rechnen, dass Klimawandel und Witterungsextreme die Situation weiter verschärfen. Massenvermehrungen von wärmeliebenden Schadinsekten und Waldbrand setzen dem Wald besonders zu.« Er kündigte neue Stellen bei der Forstverwaltung an und rief Waldbesitzer zur Beteiligung am Waldumbau auf. »Bereits zehn Prozent Mischbaumarten in einem Kiefernwald minimieren das Risiko für eine Massenvermehrung von Schadinsekten erheblich«, so der Minister. Ein Schlüssel für den Waldumbau sei die Jagd - Wild schädige Setzlinge und junge Bäume durch Verbiss. Der Wildbestand habe sich seit 1967 verzehnfacht.

Die Kiefernwirtschaft zur Holzgewinnung begann vor rund 200 Jahren, doch noch immer stehen in Brandenburg auf rund 500 000 Hektar reine Kiefernbestände. Dennoch bricht Jens Uwe Schade, Sprecher des Forstministeriums in Potsdam, eine Lanze für diese Baumart. »Die heimische Kiefer hat sich an die eher armen Sandböden angepasst. Als Baumart ist sie solide-robust«, sagte er dem »nd«. Zudem sei Kiefernholz neuerdings für die Industrie wieder interessant geworden. Ihre Reinbestände allerdings seien künstlich geschaffen, ein Umbau unumgänglich. Angesicht einer Waldfläche in Brandenburg von 1,1 Millionen Hektar sei das eine Generationenaufgabe. Zudem sei der Wald eine riesige CO2-Senke, so dass sich ein Kahlschlag von selbst verbiete. Man müsse vor allem auf die »Gratis-Kräfte der Natur«, die Naturverjüngung, setzen. Aber von 1990 bis 2014 seien auch 75 000 Hektar Kiefernwälder mit Laubbäumen durchmischt worden. Und pro Jahr würden weitere 1500 Hektar umgebaut. »Der Wald der Zukunft soll wieder urwüchsiger, artenreicher und vor allem gesünder sein.«