Angst vor dem Mann im Mond?
Hassliebe

Seltsamkeiten im Weltall

Ulrike Wagener sucht das Holz auf dem Mond

Von Ulrike Wagener

Der Mann im Mond war einmal eine Warnung. Im Märchen von Ludwig Bechstein wurde ein Holzhauer von Gott höchstpersönlich dorthin verbannt, weil er es wagte, sonntags zu arbeiten - und weil er Gott eine freche Antwort gab. In Gerdt von Bassewitz’ Geschichte von »Peterchens Mondfahrt« landete dort dann auch das Beinchen des Herrn Summsemann. Diese Strafe sollte eigentlich einem Holzdieb gelten, dessen Beute mitsamt dem abgehackten Beinchen des berühmten Maikäfers von einer Fee auf den Erdsatelliten gezaubert wurde. Erst die Mondfahrt der beiden tierliebenden und unschuldigen Menschen Peter und Anneliese sollte die Ordnung des Planeten wieder herstellen und Generationen von Maikäfern ihr sechstes Bein zurückgeben.

Seine Kinder auf den Mond schicken will nun auch der reichste Mann der Welt, Jeff Bezos. Aber nicht wegen einer hölzernen Untat oder um fehlende Körperteile wiederzuerlangen. Er will nichts weniger als »den besten Planeten, den wir haben« retten. Für ihn ist der Mann im Mond nicht Warnung, sondern Verheißung: Er soll uns vor dem Stillstand bewahren. Wie Peter und Anneliese können wir dann mit wiederverwendbaren Raumfahrzeugen die Erde verlassen und hinausziehen in den Weltraum.

Und zwar im wahrsten Sinne des Wortes, denn seine Vision ist es, freischwebende Kolonien im All nach dem Vorbild des Physikers Gerard K. O’Neill zu gründen. Dort will er nicht nur das gute Leben endlich wieder stattfinden lassen, sondern in erster Linie die schmutzige Schwerindustrie der Erde hinverbannen. Ob Bezos in dieser Geschichte der erboste Gott ist oder die strafende Fee, ist noch unklar. Doch statt eines einzelnen Frevlers will er gleich alles Schlechte der Welt auf den Mond schießen. Und das selbstverständlich für einen guten Zweck - der blaue Planet soll zum Erholungsort werden, für ihn selbst und ihre Bewohner.

Wer sich bereits ein Grundstück auf dem Mond gesichert hat - zu haben ab 29,95 € - sollte aufpassen, denn Bezos folgt auch auf dem Erdsatelliten einem alten menschlichen Impuls: Rohstoffe gehören abgebaut. Statt Holz auf den Mond zu bringen, will er das Eis aus den Mondkratern nutzen, um damit in Zukunft seine Mondraketen anzutreiben.

Kommen wir aber zurück zu den eigentlichen Weltraumkuriositäten: Man muss nicht das All kolonisieren, um von den Wirkungsweisen des Mondes zu profitieren. Mondscheinkäse etwa soll gegen Schlaflosigkeit helfen, Vollmondwasser gegen Migräne und Mondholz soll besonders robust sein und außergewöhnlich gut klingen.

Die Seltsamkeit des Weltraums, die David Bowie beinahe pünktlich zur Mondlandung vor 50 Jahren besang, fängt - so viel ist sicher - schon auf der Erde an.