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10.000 Antifaschisten gegen 100 Nazis

Antifaschisten stellen sich Aufmarsch von Rechtsextremisten der Partei »Die Rechte« in Kassel entgegen

  • Von Reimar Paul
  • Lesedauer: 4 Min.

Nichts fährt mehr in Kassel. Busse und Straßenbahnen haben an diesem Samstag schon ganz früh morgens den Betrieb eingestellt. Denn in der nordhessischen Stadt sind Demonstrationen angekündigt. Zum einen will die Neonazi-Partei »Die Rechte« um den Rechtsextremisten Christian Worch aufmarschieren. Ausgerechnet am 20. Juli, dem Jahrestag des Attentats auf Hitler. Und ausgerechnet in Kassel, wo der Nationalsozialistische Untergrund (NSU) 2006 den Internetcafé-Betreiber Halit Yozgat erschoss und wo der am 2. Juni mutmaßlich von einem Rechtsextremisten Walter Lübcke als Regieurngspräsident wirkte. »Die Rechte« hat eine Demonstration unter dem Motto »Gegen Pressehetze, Verleumdung und Maulkorbfantasien« angekündigt. Die Stadt Kassel hatte den Aufmarsch untersagt, das Verbot wurde aber von den Gerichten kassiert.

Gegen den Aufzug hat das Kasseler Bündnis gegen Rechts mobil gemacht, mehr als 120 Organisationen und Initiativen haben den Aufruf zum Protest unterschrieben. Weitere Parteien und Vereine haben sich ebenfalls gegen die Nazis positioniert – selbst die Kasseler CDU zeigt an diesem Tag Flagge und Fähnchen. Weit mehr als 10.000 Menschen werden an diesem Tag in der Stadt unterwegs sein, um gegen Rechtsextremismus zu demonstrieren.

Vor dem Kasseler Hauptbahnhof herrscht am Vormittag Volksfeststimmung. Auf der Bühne stimmt eine Band ihre Instrumente, weiter hinten musiziert ein Blasorchester. Die »Omas gegen Rechts« recken ihre Pappschilder in die Höhe. Die »Partei« fordert: »Obergrenze für Fürchtlinge«. Fahnen von Gewerkschaften, Jusos und LINKEN flattern im Wind. Auch die Evangelische Kirche von Kurhessen-Waldeck ist mit einem Transparent vertreten. Ein Mann verlangt auf einem Plakat: »Free Julian Assange«.

Die »Brauereimanufaktur Steckenpferd« schenkt Pils und Limonade aus – aber »kein Bier für Nazis«, wie ein Aufkleber verspricht. An einem Stand werden vegane Falaffel- und Hummus-Taschen verkauft. Nebenan schnippeln junge Leute noch das Gemüse für einen Eintopf.

Die Begrüßung der inzwischen wohl rund 3.000 Anwesenden übernimmt, etwas befremdlich, ein Polizist. »Wir werden euren Aufzug begleiten und schützen«, sagt er. »Wir wünschen allen Teilnehmern einen friedlichen und gelungenen Aufzug.« Zeitgleich stoppen Kollegen von ihm im Bahnhof ziemlich ruppig rund 150 Demonstrierende, die mit einem Regionalzug aus Göttingen gekommen sind. Personenkontrollen, Taschenkontrollen, eine Frau muss ihr Halstuch abgeben.

Ursprünglich hatte »Die Rechte« den Platz vor dem Bahnhof als Versammlungsort beantragt, ihr wurde dann aber eine Route in der Unterneustadt am rechten Fuldaufer zugewiesen. Vom Bahnhof ist bereits um kurz nach zehn ein Demozug mit rund 2.000 Teilnehmern gestartet, um halb zwölf ziehen nach einer Kundgebung dann noch einmal etwa 6.000 Menschen los Richtung Nazi-Versammlung. Doch die Polizei hat alle Fuldabrücken gesperrt, nur über Umwege und zunächst nur vereinzelt gelingt Nazigegnern ein Durchkommen.

Die Rechtsextremisten sind mit Bussen angereist, Polizeifahrzeuge leiten sie auf den Untereeustädter Kirchplatz. Während die Obernazis Worch und Dieter Riefling Journalisten Interviews geben, rempeln ihre Gefolgsleute Pressevertreter rüde an. Der rechte Umzug mit etwa 100 Teilnehmern startet mit einiger Verspätung, die Nazis müssen durch menschenleere Stadtviertel, an einem Autohaus vorbei und über eine Bundesstraße laufen. Vielen Gegendemonstranten gelingt es im Laufe des Nachmittags, an die Marschstrecke der Rechten zu gelangen. Ihre Pfeifkonzerte, Sprechchöre und Buh-Rufe übertönen die Propaganda der Nazis.

Ein paar Mal kommt es zu Rangeleien zwischen Polizisten und Gegendemonstranten. Im Bereich der Hafentstraße soll es Flaschenwürfe auf Beamte gegeben haben. Die Beamten sprechen am Abend von 30 Ingewahrsamnahmen. Mehrere Ermittlungsverfahren seien eingeleitet worden.

Das Bündnis gegen Rechts zeigt sich mit dem Verlauf der Proteste zufrieden. »In den letzten Tag haben wir riesigen Druck und eine starke Gegenwehr aufgebaut«, heißt es in einer Erklärung: »Die Menschen in Kassel waren wütend, dass Neonazi-Freunde von Stephan Ernst ihn und seine Helfer für den Mord an Walter Lübcke ehren wollten. Deswegen haben so viele unterschiedliche Organisationen und Initiativen in Kassel zusammengearbeitet wie noch nie.«

Gegen 17 Uhr bauen die Polizeibeamten erste Straßensperren wieder ab. Die Nazis sind nach Hause gefahren. Vor dem Hauptbahnhof läuft noch das Fest der Nazigegner. Bis die Busse und Bahnen wieder fahren, kann es allerdings noch dauern.

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