Werbung

Die Grünen schnuppern Landluft

Spitzenkandidatin Ursula Nonnemacher absolviert ein Heimspiel bei einem Biobauern, sonst hat es ihre Partei abseits von Berlin noch schwer

  • Von Andreas Fritsche
  • Lesedauer: 5 Min.

Echt jetzt? Ihr wollt Geld von mir?

Ja, herrgottnochmal, es kostet!

Auch, wenn's nervt – wir müssen die laufenden Kosten für Recherche und Produktion decken.

Also, mach mit! Mit einem freiwilligen regelmäßigen Beitrag:

Was soll das sein

Wir setzen ab sofort noch stärker auf die Einsicht der Leser*innen, dass linker Journalismus auch im Internet nicht gratis zu haben ist – mit unserer »sanften« nd-Zahlschranke.

Wir blenden einen Banner über jedem Artikel ein, verbunden mit der Aufforderung sich doch an der Finanzierung und Sicherstellung von unabhängigem linkem Journalismus zu beteiligen. Ein geeigneter Weg besonders für nd-Online-User, die kein Abo abschließen möchten, die Existenz des »nd« aber unterstützen wollen.

Sie können den zu zahlenden Betrag und die Laufzeit frei wählen - damit sichern Sie auch weiterhin linken Journalismus.

Aber: Für die Nutzung von ndPlus und E-Paper benötigen Sie ein reguläres Digitalabo.

Die Rinderhaltung – Biobauer Kai Dech nennt sie angesichts niedriger Milchpreise sein »teures Hobby«.
Die Rinderhaltung – Biobauer Kai Dech nennt sie angesichts niedriger Milchpreise sein »teures Hobby«.

Auf dem Heimweg nach Rathenow stoppt ein Mann in Seeblick am Kuhstall von Biobauer Kai Dech. Frische Milch will er. »Besser bekommt man sie nirgendwo«, schwärmt der Kunde. Kai Dech zapft ihm den gewünschten Liter in eine Glasflasche.

Einen Hofladen betreiben Kai Dech und seine Frau nicht. Sie machen keine Werbung für ihren Direktvertrieb. 95 Prozent ihrer Erzeugnisse liefern sie an den Naturkostgroßhandel, darunter diverse Sorten Kohl, auf die sie sich spezialisiert haben. Absatzprobleme haben sie keine, trotzdem viele Sorgen. Den Klimawandel hat Kai Dech zwar vorhergesehen. Seine Intensität und Schnelligkeit haben ihn gleichwohl überrascht. Die Trockenheit macht den Pflanzen zu schaffen. Der Brokkoli wolle nun schon im Juni nur noch blühen, klagt Dech. So lässt sich das Gemüse nicht mehr verkaufen. Außerdem herrscht Mangel an Arbeitskräften. Von den drei Polen, die zu Saisonbeginn angefangen haben, sind zwei schon wieder weg, weil sie bei einem Paketdienst besser bezahlt werden. Schüler träumen nicht davon, in der Gluthitze auf dem Feld die Hacke zu schwingen. »Die Jugend will eine App erfinden und schnell reich werden«, stellt Kai Dech resigniert fest. Der 54-Jährige versteht das. Er hat selbst vier Kinder. Keins möchte auf dem Hof weitermachen. Kai Dech fehlt eigentlich die Zeit, Besuchern den Stall und die 150 Hektar Acker und Weide zu zeigen, die er bewirtschaftet. Doch für Berlins Justizsenator Dirk Behrendt und die brandenburgische Landtagsabgeordnete Ursula Nonnemacher (beide Grüne) nimmt er sich die Zeit. Denn das gibt ihm Gelegenheit, den Politikern zu sagen, weswegen ihm »der Hut hochgeht«. Als er anhebt, startet ein Kollege einen Traktor. Bei dem Motorenlärm ist Dech kaum zu verstehen. »Das ist ein Bauernhof. Das gehört dazu«, schmunzelt er. In der Klimafolgenforschung sei Deutschland groß, findet Kai Dech. Doch mit der Anpassung der Landwirtschaft an den Klimawandel müsse jeder Bauer selbst klarkommen, bedauert er.

In die Landwirtschaft ist Kai Dech vor 30 Jahren hineingestolpert. »Wir hatten keine Flächen, wir hatten kein Geld und wir hatten keine Ahnung.« Die Kühe haben sie anfangs mit der Hand gemolken, weil sie noch keine Melkmaschine hatten. Im Dorf galten sie deswegen als Spinner, die nicht lange durchhalten werden.

Die 1986 verstorbenen Großeltern hatten ihren Hof an einen Cousin von Kai Dech vererbt und der wollte 1989 verkaufen. Kai, der damals in Ostberlin Ökonomie studierte, zog Ende 1989 ein. Es war die Zeit der politischen Wende. Es entstand eine Art Kommune mit acht Mitstreitern. Die jungen Menschen erlebten eine zuvor ungeahnte Freiheit und waren begeistert. Im Rückblick erinnert sich Kai Dech aber auch an ältere Leute, die schlimme Erfahrungen mit der Treuhandanstalt sammeln mussten. Das wirke bis heute nach und sei mit verantwortlich für die Wahlerfolge der AfD in Ostdeutschland, denkt Kai Dech. Seine Frau hatte schon länger eine Ader für den Umweltschutz. Er selbst ist darauf gekommen, nachdem er ein Buch des sowjetischen Staats- und Parteichefs Michail Gorbatschow gelesen hatte. So wurde aus dem Bauernhof ein Ökohof. Aber an die strengen Regeln des Demeter-Biolandbaus wagte sich Kai Dech nicht sofort heran. Von der materialistischen Weltanschauung sofort zur biologisch-dynamischen Betrachtungsweise wäre es ein zu großer Schritt gewesen, sagt er. Inzwischen jedoch prangt das Demeter-Siegel auf den Sauerkrautpackungen.

»Wie könnt ihr noch mehr Biogemüse liefern?« Das will Senator Behrendt wissen. Ihn treibt das um. Er sagt: »Der größte Biomarkt Europas liegt mit Berlin vor der Tür und die Brandenburger Bauern können den Bedarf nicht decken.« Der Justizsenator ist auch für die paar Bauern in den Berliner Außenbezirken zuständig und gefällt sich durchaus in seiner Nebenrolle als Agrarminister. Für den abendlichen Besuch eines Tanztheaters hat er sich fein gemacht, beschließt aber ungeachtet von Anzug und Lackschuhen: »Wenn ich schon mal auf einem Bauernhof bin, muss ich auch eine Kuh anfassen.« Schnurstracks läuft er in den Stall. Doch die Rinder, die er streicheln möchte, schrecken vor seiner Hand zurück. Behrendt nimmt es mit Humor. Er krallt sich aus einer Kiste einen Blumenkohl und bemerkt belustigt, das Gemüse könne nicht vor ihm fliehen.

Derweil erläutert Biobauer Dech, dass die Ressourcenverschwendung auf der Erde radikal eingeschränkt werden müsste. Das werde sehr weh tun und viel Geld kosten. Doch die Politik bringe leider nicht den Mut auf, dies der Bevölkerung in aller Deutlichkeit zu sagen. »Wir sind ehrlich gewesen«, reklamiert die Abgeordnete Nonnemacher für die Grünen. »Es den Wählern in dieser brutalen Klarheit zu sagen, ist allerdings schwierig«, gibt sie zu.

In Brandenburg wird am 1. September der Landtag gewählt und Nonnemacher ist die Spitzenkandidatin ihrer Partei. Sie ist mit der Bahn rausgekommen aufs Land, wo die Grünen lange keinen Stich machen konnten. Sie galten hier als Wessis, als wesensfremd, erzählt Nonnemacher, die aus dem hessischen Wiesbaden stammt und 1996 ins havelländische Falkensee zog. Solche wie sie ließen sich im Berliner Umland nieder. Das verschaffte den Grünen dort wenigstens einige Wähler. Aber weit draußen auf dem Lande blieben sie schwach, so schwach, dass sie bis jetzt mit der Fünf-Prozent-Hürde kämpfen mussten. An dieser Hürde sind sie oft gescheitert und haben sie 2009 und 2014 gerade so übersprungen.

Doch nun werden der Ökopartei für die Landtagswahl im September 15 bis 17 Prozent vorhergesagt. Damit bewegt sie sich auf Augenhöhe mit SPD, CDU, AfD und LINKE. In Potsdam könnten die Grünen einen Wahlkreis gewinnen, vielleicht auch noch ein oder zwei weitere Wahlkreise im Berliner Speckgürtel. Weit weg von dort, im Westhavelland, hat Grünen-Direktkandidat Stefan Behrens, der Nonnemacher vom Biohof in Seeblick zum Bahnhof Rathenow chauffiert, allerdings keine Chance. Hier sind die Grünen noch zu schwach, schätzt er realistisch ein. Als Favorit gilt Finanzminister Christian Görke (LINKE), der den Wahlkreis schon drei Mal in Folge gewann.

ndPlus

Ein kleiner aber feiner Teil unseres Angebots steht nur Abonnenten in voller Länge zur Verfügung. Mit Ihrem Abo haben Sie Vollzugriff auf sämtliche Artikel seit 1990 und helfen mit, das Online-Angebot des nd mit so vielen frei verfügbaren Artikeln wie möglich finanziell zu sichern.

Testzugang sichern!