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Gelassen in der glühenden Sonne

Weil Thibaut Pinot stark an seinen Schwächen gearbeitet hat, fliegen ihm die Herzen der Franzosen zu

  • Von Tom Mustroph, Gap
  • Lesedauer: 4 Min.

Zum »Four de France« - dem Ofen von Frankreich - benannte die Sportzeitung »L’Equipe« die Tour in den letzten beiden Tagen um. Auf bis zu 40 Grad Celsius kletterte das Thermometer. Die Rennfahrer fuhren in Kühlwesten - abgesteppte Kleidungsstücke, in denen Eiswürfel stecken - zum Einschreiben. In den Teamfahrzeugen liefen die Kühlaggregate auf Hochtouren. »Wir geben Eisgürtel für den Nacken während des Rennens heraus. Die Rennfahrer übergießen den Kopf und die Handgelenke auch immer wieder mit Wasser. Das schafft etwas Linderung und bringt auch die Körpertemperatur etwas herunter«, meinte Paolo Slongo, Sportwissenschaftler und Trainer beim Rennstall Bahrain Merida, gegenüber »nd«.

Große Auswirkungen auf den Wettkampf selbst erwartete Slongo nicht. »Es gibt zwar Rennfahrer, die die Hitze besser vertragen als andere, aber entscheidend bleibt immer die Form. Wer besser in Form ist, bei dem senkt sich auch in der Hitze die Leistungskurve weniger stark«, sagte der Italiener. Die Bedingungen für ein Hitzefrei bei dieser Tour sah er aber nicht gegeben.

Roger Kluge vom Team Lotto Soudal nahm es ebenfalls eher gelassen. »Man trinkt mehr, man hat die Eisgürtel beim Start und holt sich noch mal welche bei der Verpflegung. Wenn man schnell fährt, hat man auch mehr kühlenden Gegenwind«, sagte der Berliner zu »nd«. Problematischer empfindet er die Hitze in den Anstiegen. »Dort steht die Luft, der Gegenwind kühlt nicht mehr, Schatten gibt es auch keinen. Da können die 40 Grad schnell zu 45 Grad werden«, meinte er. Und das wären dann schon Bedingungen für ein Hitzefrei. Allerdings schränkte Kluge ein: »Wie will man bei so einer Etappe, wo es immer nur geradeaus geht, verkürzen? Du kannst ja nicht einfach das Ziel verlagern.«

Gelasseneren Blickes als in den vergangenen Jahren schaute auch Thibaut Pinot zur glühenden Sonne. Der Mann aus den Vogesen hatte oft Probleme mit der Hitze. Deshalb wurde auch der Giro d’Italia im vergleichsweise kühlen Monat Mai zu seinem Lieblingsrennen. Aber: Als Franzose bei der eigenen Landesrundfahrt schlecht zu sein, wurmte ihn. Also wurde er erfinderisch: Er stellte seinen Hometrainer in die Sauna und gewöhnte sich so an die Hitze.

Das ist nur eines der vielen kleinen Details, die den Kapitän von Groupama FDJ in den vergangenen Jahren besser gemacht haben. Ein weiteres ist, dass er seine Angst in der Abfahrt wenn nicht überwunden, so doch zumindest gezähmt hat. Bei der Tour 2013, seiner zweiten Frankreichrundfahrt, stieg er entnervt in den Pyrenäen aus. Er hatte auf der Abfahrt vom Col de Pailheres den Kontakt zu Froome & Co. verloren und holte sich einen Rückstand von sechs Minuten. Tags darauf landete der begnadete Kletterer sogar im Gruppetto der langsamsten Fahrer. Die Rede von seinem »Dämon« war geboren. Mit Psychologen bekam er ihn in den Griff.

Ein weiterer Nachteil des Tour-Dritten von 2014 war, dass er am letzten Berg meist isoliert war. Team Sky hatte oft drei Fahrer vor dem jeweiligen Kapitän, auch Movistar war mit mehreren Männern vertreten, gelegentlich auch Astana oder zuletzt Jumbo Visma - Pinot aber war Solist im blauen Trikot seines Rennstalls. »Im Unterschied zu den anderen Rundfahrten haben wir in diesem Jahr David Gaudu dabei, ein exzellenter Kletterer. Wir sind jetzt drei gute Bergfahrer, die Thibaut unterstützen können. Das ist unsere Stärke. Und auch im Flachen und im Zeitfahren haben wir zugelegt. Ich denke, wir haben die beste Mannschaft der letzten Jahre«, sagte der Schweizer Sebastien Reichenbach, langjähriger Berghelfer von Pinot, gegenüber »nd«.

David Gaudu, den Reichenbach so lobte, hat sich in den Pyrenäen sogar als allerbester Berghelfer im Peloton herauskristallisiert. Tritt er an, jagen Angstschauer über den Rücken von Titelverteidiger Geraint Thomas. Bei der Hitze im »Ofen von Frankreich« mag solches Schreckfrösteln sogar von Vorteil sein. Pinot nutzt die Tempoverschärfungen seines Leutnants aber regelmäßig für eigene Attacken. Zweimal schnellte er so in den Pyrenäen aus dem Feld hervor. Am Tourmalet wurde er Etappensieger, in Foix Zweiter. Eine Minute und 25 Sekunden holte er insgesamt auf den beiden Pyrenäenetappen auf Geraint Thomas heraus. Damit hat er seinen Rückstand von der Windkantenetappe fast egalisiert. Auf dem zehnten Teilstück hatte er bei Seitenwind durch eine Unaufmerksamkeit den Anschluss ans Feld verloren und sich eine Minute und 40 Sekunden Rückstand eingehandelt.

Es war bislang der einzige Fehler Pinots. Und weil er in den Bergen bislang der Stärkste war und auch über ein gutes Team verfügt, ist ihm am ehesten zuzutrauen, seinen Landsmann Julian Alaphilippe aus dem Gelben Trikot zu fahren - sowie das Ineos-Duo Thomas und Egan Bernal auf Distanz zu halten. Auch die deutsche Hoffnung Emanuel Buchmann hatte bei dieser Tour bisher keine Chance gegen Pinot. Ganz Frankreich hofft nun, dass die Durststrecke seit 1985 überwunden ist. In jenem Jahr holte mit Bernard Hinault der letzte Franzose einen Toursieg.

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