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Der Täter prahlte in der Dorfkneipe

Der 26-jährige Eritreer war offenbar ein Zufallsopfer / Mahnwache in Wächtersbach

  • Von Peter Nowak
  • Lesedauer: 3 Min.

Es war eine in Deutschland bislang einzigartige Tat: Ein Mann fährt mit dem Auto durch die Gegend, um gezielt auf einen Geflüchteten zu schießen. Nur durch Glück überlebte ein 26-jähriger Familienvater aus Eritrea die Tat. Dreimal schoss der 55-jährige Roland K. auf sein Opfer in der Industriestraße im hessischen Wächtersbach (Main-Kinzig-Kreis), traf jedoch nur einmal. Mit einem Bauschschuss wurde der Eritreer notoperiert; er befindet sich außer Lebensgefahr.

Mittlerweile spricht auch die Bundesregierung von einer rassistischen Tat und folgt in ihrer Einschätzung den Ermittlungsbehörden, die bereits am Dienstag die Tat als rassistischen Mordversuch einstuften. Hinweise für eine rechte Gesinnung des Täters will sie aber bislang nicht haben. Der zuständige Oberstaatsanwalt in Frankfurt am Main sagte, dass es bislang keine belastbaren Erkenntnisse darüber gebe, »dass Kontakte in die rechtsnationale oder rechtsextreme Szene bestanden«.

Der Verdacht aber besteht weiterhin. Es gibt nämlich durchaus Hinweise darauf, dass K. aus seiner rechten Gesinnung kein Geheimnis machte und damit in seinem persönlichen Umfeld auf Akzeptanz stieß.

Mehrere Medien berichteten, dass Roland K. in seiner Nachbarschaft wegen seiner rechten, fremdenfeindlichen Äußerungen seit Jahren bekannt war. Der Radiosender Hitradio FFH zitierte einen Nachbarn mit den Worten, dass der 55-Jährige bei manchen Sprüchen »schon sehr, sehr rechtslastig« gewesen sei. »Er war da auf einer sehr stark deutschnationalen Richtung, das ist fremdenfeindlich gewesen.« Ein anderer Anwohner erzählte dem Hessischen Rundfunk: »Der Roland ist schon immer so ein Durchgeknallter gewesen.« Auch in seiner Stammkneipe, dem »Martinseck« in der Wächtersbacher Nachbargemeinde Biebergemünd-Kassel, galt K. als »Asylantenhasser«, wie ein Stammgast der »Frankfurter Allgemeinen Zeitung« erklärte.

Roland K. hatte auch am Montagvormittag das »Martinseck« besucht, bevor er sich ins Auto setzte und auf den Eritreer schoss. Alles deutet darauf hin, dass der 26-Jährige ein Zufallsopfer war - aufgrund seiner Hautfarbe. Die Tat soll Roland K. in der Kneipe sogar mit den Worten angekündigt haben, dass er jetzt einen »Halbschwarzen« abknallen werde, berichtet der »Stern«. Nach der Tat sei er noch mal ins »Martinseck« zurückgekehrt und habe bei zwei Bier mit den Schüssen geprahlt.

Offenbar nahm niemand Anstoß daran. Niemand rief die Polizei. Verwunderlich ist das nicht. Äußerungen des Wirts Dirk R. in den sozialen Medien lassen auch bei diesem eine rechte Gesinnung vermuten. Auf Facebook hat er sich etwa positiv zu Reichsbürgern und der NPD geäußert. So teilte er einen Text mit der Überschrift »Es gibt nur ein Deutschland und da ist für BRD kein Platz mehr«.

Am Nachmittag verließ Roland K. die Kneipe ein zweites Mal und erschoss sich kurz darauf in unmittelbarer Nähe in seinem silbernen Toyota.

Roland K. wird in den Äußerungen seines Umfeldes als Außenseiter beschrieben. Ob er mit der rechten Szene vernetzt ist, ist bislang unklar. Nach Angaben der Hessenschau soll aber sein Bruder fest in rechtsextreme Kreisen eingebunden sein. Nachbarn sagen, Roland K. sei niemand, der mit Hakenkreuzen und Springerstiefeln rumgelaufen sei. Das klingt wie eine Verteidigung und lässt auf Gleichgültigkeit schließen.

Aber es gibt auch das andere Wächtersbach, das die Tat verurteilt. Rund 400 Menschen versammelten sich am Dienstagabend an dem Ort, an dem Roland K. auf den Eritreer geschossen hatte, um »geschlossen gegen Rassismus« zusammenzustehen. Landrat Thorsten Stolz (SPD) bezeichnete die Mahnwache als »ein starkes Zeichen für Frieden, Freiheit, Demokratie und auch für Rechtsstaatlichkeit«. Er appellierte an die Verantwortung jedes Einzelnen, gegen Gleichgültigkeit einzutreten.

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