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Schnitzelrausch im Sommerloch

Wie »Bild« eine gefährliche und unnötige Debatte über zwei Leipziger Kitas lostrat

  • Von Robert D. Meyer
  • Lesedauer: 2 Min.

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Früher war das Sommerloch jene Zeit, in der es völlig in Ordnung war, Journalisten für ein paar Wochen nicht so ernst zu nehmen, solange sich die Schlagzeilen um die »Bestie im Baggersee« (ein Kaiman) oder das »Ungeheuer von Loch Dornach« (eine Schildkröte) drehten.

Das Sommerlochgeschöpf 2019 ist kein entflohener Exot, der sich in Tümpeln versteckt. Es liegt millionenfach auf des Deutschen Teller - gebraten und oft in Panade gewälzt. Beim Schnitzel, da versteht der Deutsche keinen Spaß. »Fleisch ist für die Deutschen, was für die US-Amerikaner Waffen sind«, witzelt Helena Werhahn auf taz.de über eine Debatte, die leider nicht den Titel einer Sommerlochposse verdient, weil jene, die das Thema lostraten, es bitterernst meinen. Am Dienstag machte »Bild« mit der Geschichte über zwei Kitas in Leipzig auf, die Schweinefleisch von ihrer Speisekarte gestrichen haben.

Der Boulevard empört sich: »Weil unter den 300 Kindern auch zwei muslimische Mädchen sind, gelten ab sofort andere Regeln - auch Gummibärchen sind jetzt tabu.« An anderer Stelle wird von einem Verbot geschrieben. Dass jene, die Schweinefleisch zum schützenswerten Kulturgut verklären, als Folge der Berichterstattung freidrehen, hätte man ahnen können.

Nachdem alle denkbaren Scharfmacher von rechts ihre Empörung äußerten und es Drohungen gegen die zwei Kitas gab, stehen diese unter Polizeischutz. Was »Bild« nicht davon abhielt, die Eskalationsspirale weiterzudrehen. »Keine Gummibärchen, kein Schnitzel, kein Osterfest. Kniefall vor den Falschen!«, schrieb »Bild«-Vizechef Timo Lokoschat am Mittwoch.

Blöd nur: Bei all der Wut darüber, dass das Mittagessen in zwei Kindergärten höchsten noch Huhn, Pute, Rind oder ein halbes Dutzend anderer Fleischprodukte enthalten soll, bekommt »Bild« es nicht hin, die Geschichte richtig zu erzählen. Wichtige Punkte bleiben unerwähnt oder werden geschickt verpackt, wie Moritz Tschermak auf bildblog.de erklärt. Wichtigster Fakt: Die Kitas bieten Schweinefleisch beim Mittagessen nicht mehr an. Wenn Eltern aber darauf bestehen, dass ihr Kind die tägliche, offenbar überlebenswichtige Portion Wiener oder Schnitzel verdrückt, dann dürfen sie dem Nachwuchs Schweinefleischprodukte mitgeben, ohne dass ihnen die Inquisition droht. »Die Aufregung ist und bleibt absurd und hysterisch. Sie ist eigentlich nur mit tieferliegenden Urängsten, antimuslimischen Ressentiments und den Mechanismen der Meinungsmache im Netz zu erklären«, schreibt Anna Sauerbrey auf tagesspiegel.de.

Der Hinweis auf Ressentiments ist beachtlich, weil auch Lokoschat damit argumentiert. Wer solche Regeln wie die beiden Kitas durchboxe, »fördert Ressentiments«, behauptet der »Bild«-Vizechef. In dem Fall war es allerdings das Boulevardblatt, dass durch seine Berichterstattung die Stimmung erst zum Kochen brachte.

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