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Wohnungsfrage

Mieterkampf in Barackia

Neue Schau zur Wohnungsfrage im Berliner Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg.

Von Nicolas Šustr

Die Bewohner der Holzhütten am Kottbusser Damm nannten ihre illegale Siedlung 1872 »Freistaat Barackia«. Es handele sich »um einen Staat in freier Luft, auf freiem Felde, mit der freiesten Aussicht und den freisinnigsten Institutionen, frei von allen Chicanen der Polizei, frei von Executoren und tyrannischen Hauswirthen, ohne Miethsabgaben und Steuern«, hieß es schwärmerisch in einer Passage in einem Artikel in der Zeitschrift »Die Gartenlaube« vom selben Jahr. Der als Zwiegespräch konzipierte Text thematisiert auch die Not, die die Menschen in ihre Lage bringt. »Du redest doch nicht von jenen unglücklichen Leuten, die wegen der herrschenden Wohnungsnoth kein Unterkommen finden konnten?«, fragt das Gegenüber ungläubig.

Über hundert Jahre später, im Jahr 2012, pendelten die Diskussionen rund um die Kreuzberger Cuvrybrache zwischen ähnlichen Polen. Lebenskünstler, Illegalisierte und prekär Beschäftigte besiedelten das Gelände der Metropole zwischen Spree und Schlesischer Straße mit Zelten und Hütten. Zwei Jahre später wurde das improvisierte Dorf mitten in der Stadt von den meisten Medien nur noch als »Favela« bezeichnet. Nach einem Brand im September 2014 wurde die Fläche abgesperrt, die Bauten planiert.

1872 währte die aus Wohnungsnot und praktisch rechtloser Situation der Mieter in jener Zeit geborene nur scheinbare Idylle noch kürzer. Am 27. August des Jahres wurden die Baracken durch die Staatsmacht abgebrochen.

Einen Monat zuvor gab es schon die sogenannten Blumenstraßenkrawalle im heutigen Friedrichshain. Anlass war die »Exmittirung«, wie es damals hieß, eines Schusters mit Mietschulden. Aufgebrachte Nachbarn warfen die Fenster des Hauswirts ein, nachts versammelten sich mehrere Tausend Menschen in der Straße, die von berittener Polizei schließlich auseinandergetrieben wurden. Am nächsten Morgen begann die Polizei, eine Barackensiedlung am Frankfurter Tor zu räumen. Es folgte ein mehrtägiger Straßenkampf, der schließlich vom Militär niedergeschlagen wurde. 1863 wurden nach den Moritzplatzkrawallen 426 Personen verhaftet, über hundert Mieter vor Gericht gestellt, es gab Tote und Verletzte.

»Die Frage, wer in welcher Form hier leben darf, bewegt die Kieze schon seit über 150 Jahren«, sagt die Friedrichshain-Kreuzberger Kulturstadträtin Clara Herrmann (Grüne). »Und auch heute ist das Thema wieder brandaktuell.« Grund genug für das ihr unterstehende FHXB Friedrichshain-Kreuzberg Museum, dem Thema unter dem Titel »Dach über Kopf« ab 8. August eine Ausstellung zu widmen.

»Die ersten solidarischen Nachbarschaftsproteste am Moritzplatz und in der Blumenstraße waren noch krawallartig, die Unzufriedenheit brach sich spontan Bahn«, sagt Kuratorin Natalie Maier. »Die Proteste wurden mit den Jahrzehnten immer organisierter und erfolgreicher«, so ihre Beobachtung. Und manches Mal blickten die Demonstrierenden auf die Geschichte der Mieterproteste, wie Museumsleiterin Natalie Bayer erklärt: »Mit dem Freistaat Kreuzberg bezogen sich die Hausbesetzer der 1980er Jahre auf den Freistaat Barackia.« Bei der Besetzung des einstigen Krankenhauses Bethanien am Mariannenplatz hätten Chöre türkische Arbeiterlieder geschmettert.

Die Dauerausstellung »Geschichte wird gemacht« im FHXB widmet sich dem Protest vor allem gegen die sogenannte Kahlschlagsanierung in Kreuzberg. »Die Dauerausstellung ist aus dem Zeitkontext zu verstehen; sie entstand, als unser Museum noch als Kreuzberg Museum firmierte, daher ist Friedrichshain nicht dargestellt. Im Fokus geht es um die Zeit bis in die 1980er Jahre. Die Perspektive der Migration und des Feminismus ist bei den Darstellungen über Wohnkämpfe weniger repräsentiert«, erklärt Bayer.

Ihre Kollegin Maier sei dabei auf wirklich spannende und nicht so bekannte Geschichten gestoßen. Wie jene des Hauses Kottbusser Straße 8, das 1981 von türkischen und kurdischen alleinerziehenden Frauen besetzt wurde. Der »Spiegel« hatte in jenem Jahr darüber berichtet, auch über die rassistischen Beleidigungen, die die anwesenden Handwerker für die Besetzerinnen übrig hatten. »Gleichzeitig wollte der ›Spiegel‹-Reporter, dass die Frauen für ein Foto während der Renovierungsarbeiten Kopftücher anlegen«, berichtet Bayer. In der Folgezeit sind dann viele Männer eingezogen, ein echtes Frauenprojekt wurde es nicht. »Das alles sagt ziemlich viel über das Thema Gleichstellung und Repräsentation zu jener Zeit aus«, erklärt Bayer.

Da sind aber auch die sogenannten stillen Besetzungen im realsozialistischen Friedrichshain. Auch die DDR plante mit der Kahlschlagsanierung Abriss und Neubau der Gründerzeitviertel. »Viele Altbauten standen leer, die Leute hatten sich Zugang zu diesen verschafft, eingerichtet und selbstständig Miete an die Wohnungsverwaltung überwiesen«, berichtet Maier. »Zum Teil konnten so die Mietverhältnisse legalisiert werden, zum Teil wurden die Besetzer*innen polizeilich verfolgt.« Letzteres war bei Uwe Kulisch der Fall, einem Zeitzeugen, den die Kuratorin für die Ausstellung gewinnen konnte. Er hatte ab 1979 nicht nur mehrere Wohnungen besetzt, sondern auch neue Formen des Zusammenlebens darin etabliert. »Es gab dort offene Wohnungen, er richtete eine Druckwerkstatt und sogar ein Keramikatelier ein«, erklärt Maier. »Und das alles in der stark überwachten DDR«, sagt sie. Mehrmals habe die Polizei auf Anweisung der Staatssicherheit geräumt.

Die Ausstellung thematisiert auch das hier und heute. Ein zentrales Ausstellungsstück ist eine mobile Version der Protesthütte der Mieterinitiative »Kotti & Co«, der Anlieger des Kottbusser Tors. Auch die Initiativen Bizim Kiez und der Mieterprotest von der Karl-Marx-Allee sind vertreten. Auf der Mieterdemo im April hat Maier persönlich den Teilnehmern Transparente abgequatscht. Besonders angetan ist sie vom Slogan »Berlin auch für Omas«. Gerade ältere Menschen mit ihren häufig überschaubaren Renten sind besonders verdrängungsbedroht.

»Aus musealer Sicht ist das Wesentliche daran, dass die Menschen zusammen kämpfen können, auch wenn sie sonst vielleicht politisch spinnefeind sind«, sagt Natalie Bayer. »Der gemeinsame Kampf um soziale Themen wie Wohnen ist dann ein sozialer Kitt«, erklärt sie. »Das Verbindende und Kontinuierliche über die Jahrhunderte ist, dass gemeinsam gestreikt wird. Die Formen, historischen Kontexte und konkreten Ziele wandeln sich jedoch immer«, so Bayers Fazit nach der Arbeit an der Ausstellung.

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