Ob die Menschen, die hinter Kommentaren auf sozialen Medien stecken, vielleicht so aussehen?
Internet

Social-Media-Trolle

Leo Fischer über Leute, die unter Onlinetexte speien, als wäre das ein Beitrag zur Debatte

Von Leo Fischer

Es wird für spätere Generationen ein interessantes und lehrreiches Forschungsprojekt herauszufinden, zu welchem Zeitpunkt genau die politische Debatte in Deutschland tatsächlich ins rein Fiktive gekippt ist. Wo wirklich vom Argument rein gar nichts mehr übrig war und nur mehr gefühlte Wahrheiten, geglaubtes Unrecht und unartikulierbare Forderungen zur allgemein akzeptierten Währung wurden.

Vielleicht wird man die zurückliegende Woche dafür heranziehen können: Weil ein psychisch kranker Mann ein schreckliches Verbrechen begeht, unterbricht der Innenminister seinen Urlaub, kündigt Grenzkontrollen zur Schweiz (!) an und demnächst wahrscheinlich einen Militäreinsatz gegen die Deutsche Bahn. Man denkt über Grenzzäune an Bahnhöfen und Bahnsteigen nach - Maßnahmen, von denen die Verantwortlichen wissen, dass sie weder realisierbar noch in der Lage wären, eine solche Tat auszuschließen.

Begleitet wird das von einem ebenso aufgeblähten wie teilautomatisierten Chor von Social-Media-Kommentatoren, die unter jeden Beitrag zum Thema »2015 und Flüchtlinge« speien, als wäre dies schon ein Beitrag zur Debatte. Für die Website diekolumnisten.de hat Henning Hirsch die Ermittlungsergebnisse zusammengefasst: »Bei dem 40-Jährigen handelt es sich um einen Eritreer, christlich-orthodox, der seit 2006 in der Schweiz lebt, dort über einen sogenannten Sicheren Aufenthaltsstatus verfügt, kurz vor der Einbürgerung steht, verheiratet ist, drei Kinder hat, einer geregelten Arbeit nachgeht und als hervorragend integriert gilt. Er befand sich seit einiger Zeit in psychologischer Behandlung, war im vergangenen Jahr sowie letzte Woche in seinem Heimatort ausgeflippt, hatte eine Nachbarin bedroht, war geflohen und abgetaucht. In Deutschland hielt er sich erst seit drei, vier Tagen auf.« Der Mann sei also »weder ein aggressiver Bootsflüchtling« gewesen, wie sie die angeblich zu laxe Merkel-Politik angeblich ständig ungefiltert in unser Land hineinspülen lasse, »noch gehörte er dem Islam an, noch saugte er den Sozialstaat aus, noch war er ein blitzradikalisierter, frustrierter Einzelgänger oder gar ein Schläfer einer Terrorzelle«.

Leo Fischer war Chef des Nachrichtenmagazins »Titanic«. In dieser Rubrik entsorgt er den liegen gelassenen Politikmüll.
Leo Fischer war Chef des Nachrichtenmagazins »Titanic«. In dieser Rubrik entsorgt er den liegen gelassenen Politikmüll.

Doch schon bei dieser Zusammenfassung finden sich Beiträge wie dieser: »… so schnell können Sie gar nicht schreiben wie das Schlachten auf Deutschlands Straßen mittlerweile abläuft, Hr. Hirsch.« In ähnlichen Kommentaren unter Beiträgen der »Frankfurter Rundschau« auf Facebook fantasieren die Immergleichen von »täglichen Morden an Deutschen«, die in keiner Statistik erscheinen, die sich aber als gefühlte Wahrheit fest eingebrannt haben. Auf ausgedachten Fakten und gewissenlos aufgebauschten Boulevardgeschichten weiden sie eine Reihe sich stetig radikalisierender Hassgefühle gegen eine Politik, die »nichts tue«. Wobei sie gar nicht in der Lage sind zu sagen, wogegen sie nichts tue, ja was sie überhaupt nur tun könne, was mit den Prinzipien des liberalen Rechtsstaats vereinbar wäre.

Deswegen ist Horst Seehofers Politik gar nicht so irrational, wie sie zunächst scheinen will, jedenfalls in Sachen Stimmenfang: Er tut nämlich was, genauer gesagt »irgendwas«. Nichts Gescheites freilich, aber zumindest antwortet er fantasievoll auf Zusammenfantasiertes. Er unterstützt den Wahn, der eigentlich nur als Wahn anerkannt werden will. Auf Erfundenes wird mit Beliebigem geantwortet, und Politiker sammeln die Stimmen von Tierbild-Accounts ein, die unter die Fotos von Ertrunkenen »gut so« schreiben. Zu solchen Leuten sollte man in der realen Welt schnellstmöglich Abstand gewinnen - andere überlegen, mit ihnen zu koalieren.