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Waffen als Instrument der Freiheit?

Schütze von El Paso verfasste vor dem Morden »Manifest« gegen Einwanderer - Trump bemüht Gott

  • Von René Heilig
  • Lesedauer: 4 Min.

»Texas trauert heute mit den Menschen in El Paso«, sagte Gouverneur Greg Abbott. Er ist Republikaner - wie Donald Trump. Der US-Präsident nannte die »hasserfüllte Tat« tragisch und einen »Akt der Feigheit«. Es gebe keine Rechtfertigung dafür, unschuldige Menschen zu töten, schrieb Trump auf Twitter und sagte den Texanern seine volle Unterstützung zu: »Gott sei mit Euch allen!«.

Der erste Notruf sei am Samstag um 10.39 Uhr Ortszeit (18.39 Uhr MESZ) eingegangen, bilanziert die Polizei von El Paso. Sechs Minuten später seien Beamte an dem »schrecklichen« Ort gewesen. Dort habe ein Schütze 20 Menschen getötet und mindestens 26 zum Teil schwer verletzt.

Die meisten Opfer, darunter auch Kinder, habe man in dem Walmart-Komplex angetroffen. Der Supermarkt sei zum Zeitpunkt des Angriffs voll gewesen - zwischen 1000 und 3000 Menschen hielten sich dort auf. Auf Videos von Überwachungskameras ist zu sehen, wie ein junger weißer Mann mit Sturmgewehr das Areal betritt. Er trägt eine Brille, ein Khakihose und ein dunkles T-Shirt. Dazu Kopfhörer oder einen Gehörschutz.

Der Mann schoss offenbar nicht nur im Supermarkt auf Kunden und Angestellte, sondern auch auf dem Parkplatz davor. Im lokalen Fernsehen spricht ein Augenzeuge über die einsetzende Panik: »Ich habe eine ganze Gruppe von Kindern gesehen, die ohne Eltern da standen. Ich habe so viele geschnappt wie ich konnte und bin losgerannt. Das war alles, was ich für die Kinder tun konnte.«

Die Ermittler hielten sich zunächst mit Angaben über den Verdächtigen zurück. Es soll sich um den 21-jährigen Patrick Crusius aus Allen handeln. der Ort liegt rund 40 Kilometer nördlich von Dallas, der drittgrößten Stadt im Bundesstaat. Der Tatort erklärt sich offenbar durch die Nähe der Stadt zur Grenze nach Mexiko. Auch die Auswahl der Opfer deuteten auf ein rassistisches Motiv. Die Vermutung wird gestützt durch ein entsprechendes, gegen Einwanderer gerichtetes »Manifest« im Internet, das der Täter verfasst haben soll. Darin warnt er vor weiterem Zuzug von Latinos in die USA, die weiße Bürger verdrängen würden. Er warnt vor einem »race mixing« - also einer »Durchmischung« der Bevölkerung. Sie zerstöre die Nation. Der Autor hat Sorgen, dass die Demokratische Partei - die sich gegen Trumps Mauerbau an der Grenze zu Mexiko und andere rassistische Aktivitäten des Präsidenten wehrt - bei den kommenden Wahlen in Texas mehr Zuspruch als die Republikaner erhalten könnte. Zugleich gibt sich der Mann als Bewunderer des Attentäters von Christchurch aus, der bei einem Anschlag auf Moscheen Mitte März in Neuseeland 51 Menschen getötet hatte.

Während Menschen in aller Welt noch fassungslos die Berichte aus El Paso verfolgten, kam eine zweite Schreckensnachricht. Diesmal aus Dayton im US-Bundesstaat Ohio. Dort brachte ein Schütze um ein Uhr Ortszeit neun Menschen um und verletzte 16 weitere. Dann tötete er sich selbst. Warum der Mann um sich schoss? Angeblich, weil man ihm den Zugang zu einer Bar verweigerte.

Am Dienstag vergangener Woche waren in einem Supermarkt im Bundesstaat Mississippi zwei Menschen durch Schüsse umgebracht worden. Am Sonntag vor acht Tagen hatte ein 19-Jähriger im kalifornischen Gilroy bei einem Amoklauf drei Menschen auf einem Festival getötet. Unter den Toten waren ein sechsjähriger Junge und ein 13-jähriges Mädchen.

Solche Meldungen gehören in den USA zum Alltag. Mal sind Einkaufsmärkte Tatort, mal Schulen, Kinos oder Parks. Bemühungen, die äußerst liberalen Waffengesetze in den USA zu verschärfen, fruchten kaum. Die mächtige Waffenlobbyorganisation NRA attackiert jeden, der Waffenbesitz und -erwerb stärker kontrollieren will. Statt dessen hat man die Jugendarbeit intensiviert, um mehr Jugendliche für Schießsport zu interessieren. Auch Präsident Trump ist gegen eine Einschränkung des in der US-Verfassung verankerten Rechts auf Waffenbesitz.

Nach einem Massaker an einer Schule in Parkland (Florida) im Februar 2018, bei dem ein früherer Schüler 17 Menschen erschossen hatte, formierten sich US-weite Schülerproteste. In Washington versammelten sich Tausende vor dem Weißen Haus. »Wir marschieren um unser Leben!«, »Wir werden die Veränderung sein!« oder »Wenn Waffen nicht sterben, sterben Kinder« hieß es auf vielen Plakaten. Doch die so hoffnungsvoll begonnene »Revolution« versiegte angesichts der mächtigen Gegenwehr weitgehend.

Die Statistik spricht für weitere Massaker: 30 Prozent aller US-Bürger besitzen mindestens eine Schusswaffe, 40 Prozent leben in einem Haushalt, in dem es Schusswaffen gibt. Rund die Hälfte der weißen Männer besitzt eine Waffe. Bei Frauen und nicht-weißen Männern ist es ein Viertel. Auf dem Land hat jeder zweite Erwachsene, egal welcher Herkunft oder Hautfarbe, eine Waffe. In der Stadt sind es knapp ein Viertel. Wenn die Eltern Waffen haben, schießen Jungen durchschnittlich mit 12 Jahren zum ersten Mal selbst, Mädchen mit 17.

Das geradezu emotionale Verhältnis von US-Bürgern - und damit Wählern - zu Waffen begründet sich zum Gutteil aus der Geschichte. Drei Viertel der Besitzer sagen: Waffen sind wichtig für die persönliche Freiheit. Das nichtstaatliche »Pew Research Center« kommt in einer Studie zu der Erkenntnis: »Für Waffenbesitzer ist das Recht auf Waffen genauso wichtig wie Redefreiheit oder andere Freiheiten, die Menschen haben.«

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