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Anfang vom Ende der Atomwaffen

Es ist Zeit, die verharmlosende Erzählung über Atomwaffen zu beenden, findet Florian Eblenkamp . Sie sollten auf eine Stufe mit biologischen und chemischen Waffen gestellt und geächtet werden.

  • Von Florian Eblenkamp
  • Lesedauer: 3 Min.

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Als am 6. August 1945 eine US-amerikanische Atombombe über ihrer Heimatstadt Hiroshima abgeworfen wurde, überlebte die 13-jährige Setsuko Thurlow durch Zufall, weil sie ohnmächtig von Suchtruppen gefunden und gerettet wurde. Heute berichtet sie über die Zeit des Angriffs und gibt einen Einblick in das unvorstellbare Leid, das sie durchmachen musste. Wie auf einmal alles dunkel war, wie Häuser einstürzten und regelrecht zu Staub zerfielen, wie sie selbst in der Hitze nach Atem rang. Sie merkte noch, wie ihre Haut auf den Knochen zu schmelzen begann, dann verlor sie das Bewusstsein.

Auch nach der Rettung waren Thurlows Leiden nicht vorbei. Die Hibakusha, wie die Überlebenden in Japan genannt werden, erfahren soziale Stigmatisierung wegen ihrer völlig entstellten Körper. Sie fanden kaum gesellschaftlichen Anschluss, an einen Job war für viele erst gar nicht zu denken.

Es ist angebracht, sich am Jahrestag des Abwurfs diese Grausamkeiten zu verdeutlichen. Dadurch wird das Ausmaß menschlichen Leidens klar, das von Atomwaffen ausgeht. Atomwaffen sind und bleiben Massenvernichtungswaffen. Schon die Bombe von damals tötete 135 000 Menschen; die heutigen modernisierten Arsenale sind um das Hundertfache zerstörerischer.

Biologische und chemische Waffen, Landminen und Streumunition sind genau aus diesem Grund geächtet: Sie nehmen zivile Opfer ganz bewusst in Kauf und verursachen unermessliches Leid, das weit über die politisch-militärischen Zwecke von herkömmlichen Waffen hinausgeht. Warum also gelten Atomwaffen noch als legitim?

Von Seiten der Nuklearstaaten werden Atomwaffen oft einfach zum Teil der Abschreckungsstrategie erklärt und somit als verteidigungspolitisches Druckmittel verharmlost. Dabei töten sie nicht erst dann Menschen, wenn sie, wie vor 74 Jahren in Hiroshima, als Ultima Ratio zur Entscheidung eines Krieges benutzt werden, sondern schon weit vorher. Neben den Hibakusha können auch Bewohner aus den Testgebieten im Pazifik, in der algerischen Wüste oder dem US-Bundesstaat New Mexico von langfristigen Gesundheitsproblemen, Krebserkrankungen und lebensnotwenigen, aber verstrahlten Ressourcen berichten. Es ist Zeit, dieses verharmlosende Narrativ über Atomwaffen zu beenden und diese auf eine Stufe mit biologischen und chemischen Waffen zu stellen.

Die aktuelle rechtliche Situation ist im Nichtverbreitungsvertrag (NVV) von 1970 festgelegt. Dieser erlaubt es den USA, Russland, China, Frankreich und dem Vereinigten Königreich, Atomwaffen zu besitzen. Derzeit existieren weltweit etwa 15 000 nukleare Sprengköpfe, wovon einige US-amerikanische mit ausdrücklicher Zustimmung der Bundesregierung in Rheinland-Pfalz auf ihren Einsatz warten. In dem Vertrag bekennen sich die Staaten dazu, perspektivisch auf die Abschaffung der Waffen hinzuarbeiten. Ein Versprechen, das schon Ende der 1990er Jahre im Sand versickerte. Das geltende internationale Recht manifestiert also eine globale Zweiklassengesellschaft.

Um die Waffen zu entpolitisieren und um die humanitären Katastrophen in den Vordergrund zu stellen, ist ein neuer Impuls notwendig. Der im Juli 2017 von den Vereinten Nationen mit überwältigender Mehrheit beschlossene Atomwaffenverbotsvertrag ist genau dafür gemacht. Er verbietet Einsatz, Besitz, Entwicklung, Modernisierung, Stationierung und selbst Drohung zum Gebrauch von Atomwaffen und erklärt diese somit für illegal.

Sobald 50 Staaten den Vertrag ratifizieren, tritt er in Kraft. Dann sind neben biologischen und chemischen Waffen auch nukleare Waffen international geächtet. Aktuell ist der Vertrag von über 70 Staaten unterschrieben und bereits von 24 ratifiziert. Damit ist es eigentlich nur noch eine Frage der Zeit, bis auch Atomwaffen ins Gruselkabinett der internationalen Sicherheitspolitik verbannt werden.

Als die Internationale Kampagne zur Abschaffung von Atomwaffen für ihre Verdienste um den Verbotsvertrag 2017 mit dem Friedensnobelpreis geehrt wurde, hielt Setsuko Thurlow eine der Festreden. Ihre Botschaft war eindeutig: Lasst uns den Atomwaffenverbotsvertrag zum Anfang vom Ende der Atomwaffen machen. Es bleibt zu hoffen, dass die Staatengemeinschaft das ebenfalls so sieht.

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