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Deutsche Arbeitsfront

Für uns und nicht für die: Die neue Werbekampagne der »Bild«-Zeitung

  • Von Stefan Gärtner
  • Lesedauer: 4 Min.

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Die »Bild«-Zeitung hat eine Reklamekampagne gestartet, die heißt »Für Euch« und ist für die Leser und Leserinnen, genauer: »Für alle, die jeden Cent hart erarbeiten. Die den ganzen Laden am Laufen halten und für die kein Weg zu weit ist«, zu sehen: »Reinhold, Lkw-Fahrer«. Oder: »Für alle, die Verantwortung übernehmen und immer da sind. Die sich immer kümmern, aber niemals fordern.« (Lore, Oma) Und: »Für alle, die für uns den Kopf hinhalten und dafür oft viel zu wenig Dank bekommen.« (Mehtap, Polizistin) Bzw.: »Für alle, die unseren Kindern die Welt erklären, damit sie die Welt erobern können.« (Niklas, Lehrer)

Der Axel-Springer-Verlag legt Wert auf die Feststellung, dass es sich bei denen, für die »Bild« so öffentlichkeitswirksam da ist, nicht um Fotomodelle, sondern um Realpersonen handelt, »Helden des täglichen Lebens«, die für wenig Geld und noch weniger Dank hart arbeiten, keine Forderungen stellen und unseren Kindern die Welteroberung ermöglichen. Für Leute, die nicht arbeiten, ist die »Bild«-Zeitung folgerichtig nicht da, auch nicht für die, die von anderer Leute harter Arbeit besser leben als die, die die harte Arbeit verrichten. Die Leute, die nicht arbeiten, sind die Leute mit den Forderungen, die Leute, die im Zweifel kneifen und denen noch der Weg zur Arbeitsagentur zu weit ist. Diese parasitären, an der Eroberung der Welt durch harter Hände Arbeit nicht interessierten Existenzen haben Schlagzeilen verdient wie »Hat dieser Arbeitslose drei Frauen vergewaltigt?«, aber nicht den Einsatz von »Bild«.

Die Leute, die von anderer Leute schlecht bezahlter Arbeit gut oder sogar in Saus und Braus leben, sind natürlich doch die, für die »Bild« da ist, aber damit die anderen, die für 1500 netto im Lkw oder auf dem Bau oder im Krankenhaus den Rücken krumm machen, nicht auf falsche, nämlich richtige Gedanken kommen, holt sie »Bild« ins Kollektiv der hart arbeitenden, sich kümmernden, nicht auf sogenannte Besitzstände bestehenden kleinen Leute, denn erstens ist es im Kollektiv schön warm, und zweitens brauchen der Argwohn und der Hass ihr Objekt, und zwar das richtige. Das Objekt sind die, die nicht hart arbeiten und immer bloß Forderungen stellen, wobei der deutsche Unternehmer, obwohl kein »Bild«-Leser, natürlich auch hart arbeitet, sonst hätte Reinhold ja keinen Lkw, nicht wahr.

Wer nicht arbeitet, also arbeitslos oder anderweitig faul ist, der mag einen Grund für seine Verweigerung haben, aber sicher keinen triftigen, nicht verwerflichen. »Für alle, die auf uns aufpassen. Die nicht nur Spaß, sondern auch Pflicht kennen.« (Helena, Rettungsschwimmerin) Denn Pflicht bedeutet, die Dinge um ihrer selbst willen zu tun und nicht etwa für die Miete oder den vollen Kühlschrank. Wer Dinge nur für Geld tut, muss uns suspekt sein, denn wir tun die Dinge ja für wenig oder gar kein Geld, und wir tun sie gern für wenig oder gar kein Geld, denn es darf doch nicht immer nur ums Geld gehen, denn wenn es immer nur ums Geld geht, dann hat man Kapitalismus oder USA und nicht Volksgemeinschaft. Wir aber, die »redlich Arbeitenden« (Adolf Hitler, »Mein Kampf«, S. 486), tun unsere Pflicht und fragen nicht und wollen auch nicht fragen müssen, warum andere Leute so viel mehr Geld haben als wir, und wenn wir das doch einmal fragen, dann sollen wir auf keinen Fall die richtige Antwort erfahren, sondern eine, die mit raffendem, nicht schaffendem Kapital zu tun hat. Uns genüge zu wissen, dass harte Arbeit für wenig Geld nicht schändet, jedenfalls viel weniger als leichte Arbeit für viel Geld oder Almosen fürs Rumhängen, und wenn wir Trump nicht wählen, dann darum, weil wir ihn hierzulande nicht wählen können, Gauland höchstens, immerhin. Denn wir sind das Volk.

Faschismus, wusste Walter Benjamin, verhilft den Massen zu ihrem Ausdruck, nicht zu ihrem Recht, und wer Faschismus nicht will, muss Springer enteignen. Das ist es, was die Kampagne uns mitteilt, und also sind wir glatt dafür.

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