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  • Kultur
  • Rezension: "Die letzten Tage von Neu-Paris"

Köstlicher Leichnam, leicht angebrannt

China Miévilles Novelle über die postsurrealistische Apokalypse ist kein ungetrübtes Vergnügen

  • Von Jasper Nicolaisen¶
  • Lesedauer: 4 Min.

China Miéville muss man dem deutschen Publikum immer noch vorstellen, obwohl er im englischsprachigen Raum seit bald 20 Jahren als Erneuerer und großer Punkrocker der phantastischen Literatur bekannt ist, der mit seinen wild wuchernden, Genregrenzen sprengenden Romanen zahlreiche Preise dieser Gattung abgeräumt hat.

Gerade das erklärt wohl, warum Miéville auf dem kleineren und, was die Phantastik angeht, etwas piefigeren deutschen Markt nicht reüssieren konnte - wer hierzulande Derartiges sucht, greift ohnehin meist zum englischsprachigen Original. Mit Miévilles Großwerk, einer Trilogie um Klassenkampf und Revolution in der von Hybridwesen aus Tier, Maschine und Magie bevölkerten Metropole Bas-Lag, tat sich das Publikum in Deutschland trotz hervorragender Übersetzung und großem Verlag etwas schwer.

So verwundert es nicht, dass Miévilles jüngere, nicht weniger ambitionierte Bücher in Kleinverlagen unterkommen müssen, was freilich der Qualität der Ausgaben keinen Abbruch tut, im Gegenteil. »Die letzten Tage von Neu-Paris« bringt nun der feine Golkonda-Verlag aus Berlin in gewohnt schöner Aufmachung und gediegener Übersetzung.

Das Buch, das sei gleich gesagt, zählt nicht zu Miévilles stärksten, was aber bei einem Autor dieser Klasse nicht bedeutet, dass die Lektüre nicht lohnt. Wie immer bei Miéville bildet auch hier ein greller Einfall den Kern der Geschichte: 1941 wird im besetzten Paris eine Bombe aus künstlerischer Energie gezündet, die die gesamte Stadt derart magisch-artifiziell verstrahlt, dass sich surrealistische Kunstwerke als lebendige Wesen manifestieren und auch die Architektur der Stadt entsprechend verzerrt wird.

Inmitten dieser gegen die Außenwelt abgeriegelten Landschaft aus »köstlichen Leichnamen« bekämpfen sich Künstlerpartisanen und Nazis weit über das Kriegsende in der realen Welt hinaus, wobei die Nazis gegen die lebendigen Kunstwerke dämonische Verbündete aus der Hölle aufbieten und verzweifelt versuchen, eigene Manifestationen etwa aus Arno-Breker-Statuen und den Jugendwerken des Führers zu erschaffen.

Die Fabel dreht sich nun einerseits um die rätselhaften Ursprünge der »S-Bombe« aus Kunst und Okkultismus, zum anderen um die Abenteuer eines jungen Kunstpartisanen und einer geheimnisvollen Fotografin auf der Jagd nach spektakulären Bildern von lebendigen Werken. Beide Handlungsstränge laufen in einer genüsslich pulpig gestalteten Nazi-Zeremonie zur Erschaffung der ultimativen Waffe zusammen, wie man sie als Handlungsklimax aus vielen phantastischen Aneignungen der Nazizeit kennt.

Miéville nutzt seine Szenerie mit Lust und einiger Sachkenntnis, um ein Panorama surrealistischer Künstler und Künstlerinnen sowie ihrer Werke unter den politischen Bedingungen der Nazi-Okkupation Frankreichs vorzustellen. Unaufdringlich wird so die wilde Story immer wieder um Überlegungen zu den politischen Möglichkeiten, Aufgaben und Gefahren von Kunst aus antifaschistischer Perspektive ergänzt. Dabei ist es Miéville hoch anzurechnen, dass er den sattsam bekannten Kanon weißer Männer überschreitet und im besonderen Maße oft unterschlagene Surrealistinnen aus der kolonialen Peripherie mit einbezieht. Auch die jüdische Erfahrung spielt eine wichtige Rolle, wiewohl Miéville abseits seiner Werke wie so viele englische Linke eine scharf israelfeindliche Haltung vertritt, die im unreflektierten Feiern der palästinensischen »Freiheitsbewegung« befremdlich wirkt.

Die große Stärke der Novelle ist denn auch, dass sie Lust macht auf eine private Neuentdeckung der surrealistischen Kunst, die hier frisch und aufregend wirkt, zumal sie auch als explizit politische und in Teilen antifaschistische Bewegung lebendig wird. Der große Monstermaler Miéville brilliert auch in diesem Buch mit herrlichen Mischwesen in Breitwandaction, wobei der Kampf eines Nazi-Panzer-Zombie-Zentauren mit einem surrealistischen Kunstwerk wohl den Höhepunkt darstellt.

So ganz zündet, wie bereits angedeutet, die Geschichte aber nicht, was vor allem daran liegt, dass die komplexe Alternativwelt auf Novellenlänge allzu skizzenhaft bleibt, während es Miéville andererseits nicht gelingt, wirklich fesselnde Figuren zu entwerfen, die seiner Abenteuerhandung den nötigen Drive geben. Das Ganze mäandert etwas unentschlossen zwischen Zeitporträt, Kunstessay, Monsterfetisch und Pulp-Action, sodass am Ende das Gefühl zurückbleibt, Miéville hätte vielleicht besser daran getan, seine Idee entweder zu einer konzentrierten, kürzeren Erzählung zu verarbeiten oder der exzentrischen Grundidee einen längeren und sorgfältiger ausgearbeiteten Roman zu gönnen. Dennoch tragen die vielen schaurig-schönen Einfälle und gelungenen Bilder durch die Handlung, und der Kitzel, sich auch die unbekannteren Surrealistinnen noch einmal genauer anzusehen, reicht über die letzte Seite hinaus. Grund genug also, an der Hand eines köstlichen Leichnams einen Spaziergang durch Neu-Paris zu wagen.

China Miéville: Die letzten Tage von Neu-Paris. A. d. Engl. v. Andreas Fliedner, Golkonda Verlag, br., 280 S., 18 €.

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