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»Nichts fürchtet der Mensch mehr ….

Kathrin Gerlof über eine sinnlose Arbeitsbeschaffungsmaßnahme der AfD-Fraktion für die Bundesregierung

  • Von Kathrin Gerlof
  • Lesedauer: 4 Min.

… als die Berührung durch Unbekanntes … Es ist die Masse allein, in der der Mensch von seiner Berührungsfurcht erlöst werden kann.« Elias Canetti hat gewusst, was diese Berührungsfurcht aus uns machen kann. In einer schönen oder schön gedachten Welt neugierige Menschen, die aufeinander zugehen. In der Welt, mit der wir es gerade zu tun haben, möglicherweise Rassisten und/oder rechte Populisten.

Wir neigen dazu, so lange wie möglich, die Bösen der Dummheit zu bezichtigen, nur um nicht sagen zu müssen, dass wir wirklich, wirklich in der Scheiße sitzen. Denn wären sie alle dumm, mal ehrlich, hätten wir doch kein Problem. Der schlechte Durchschnitts-IQ des Straßenmobs sagt nicht allzu viel über die Spitze des Eisbergs aus. Das ist das Ding mit der Kuh, die im Teich ersäuft, obwohl der im Durchschnitt nur einen Meter tief ist.

Seit Wochen fährt die AfD-Fraktion im Deutschen Bundestag eine Fragekampagne, die auf den ersten Blick wirkt, als hätte jemand seinen Verstand am Tresen abgegeben und gegen zwei Kurze und zwei Halbe getauscht. Mit den sogenannten Korrekturbitten-Anfragen will die Fraktion von Ministerien, Behörden, Instituten (bis hin zum Sortenamt, weiß der Teufel warum) wissen, wie häufig und in welchen Zeiträumen Medien (also in Lesart der AfD Lügenmedien) um die Korrektur falscher Berichte gebeten wurden. Die Frage ist immer die gleiche, die abgefragten Zeiträume variieren. Es gab Tage, da dotzte ein einziger AfD-Abgeordneter 60 solcher Kleinen Anfragen raus. Inzwischen müssen es rund 300 sein, denn man befindet sich bereits in der zweiten Runde, da sich die Bundesregierung der detaillierten Beantwortung entziehe. Sagt die AfD.

Das Grundrecht der demokratisch in den Bundestag gewählten Partei, für die deren Wählerinnen und Wähler die Verantwortung tragen, parlamentarische Anfragen zu stellen, steht nicht in Frage. Ob das Fragerecht dazu gebraucht wird (man kann es eigentlich nicht missbrauchen, es sei denn, der Fragesteller möchte von der Bundesregierung wissen, warum auf seinem Konto gerade Ebbe herrscht), die Medien und vor allem deren Macherinnen und Macher einzuschüchtern, liegt in der Verantwortung der Abgeordneten (dieser hier heißt übrigens Thomas Seitz, kommt aus Baden-Württemberg und gehört zum Höcke-Flügel).

Richtig ist wohl, was der FDP-Mann Kubicki sagt, nämlich dass hier der Versuch unternommen werde, demokratische Institutionen verächtlich zu machen. Okay, die AfD sucht also nach Fake News, was in etwa dem Schwanke »Haltet den Dieb!« gleichkommt, da sie selbst die meisten Fake News aller Zeiten produziert. Oder es ist sogar ein richtiger Coup. Also erst klauen, dann »Haltet den Dieb!« brüllen; erst lügen, dann auflisten lassen, wer sich möglicherweise gegen Lügen gewehrt hat. Clever, könnte man sagen.

Eine Frage stellt sich trotzdem: Unklar ist, warum unsere öffentlich-rechtlichen Medien, beispielsweise am 30. Juli die ARD-Tagesthemen, einen AfD-Heini vor laufender Kamera lügen lassen, ohne wenigstens nachzufragen oder sonst etwas zu tun. Zum Beispiel Fakten anzubieten. Gottfried Curio erklärte uns an jenem Abend, nachdem ein psychisch kranker Mann einen achtjährigen Jungen getötet hatte, das Grundproblem für den Werteverfall hierzulande sei der massenhafte Import archaisch geprägt Männer. Schnitt, nächstes Thema.

Was reitet unsere Öffentlichen da eigentlich? Was machen die? Warum einigen sie sich nicht darauf, auch fürderhin der demokratisch gewählten AfD und deren Vertretern die Möglichkeit zu geben, sich zur Sache zu äußern und eine Meinung zu sagen, denen aber auch zu erklären, dass sie Fake News nicht senden und rassistische Scheiße ebenfalls nicht? Man stelle sich mal vor, da verlangt einer aus dem »massenhaften Import« die Richtigstellung der Verächtlichmachung und später fragt olle Thomas Seitz von der AfD die Korrekturbitten ab und schreit: »Hurra, da haben wir es: Die Medien lügen.« Wenn das der AfD Plan ist, dann sind sie wirklich clever und unser aller Rundfunk, für den wir gern bezahlen, hat ein Problem.

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