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Die Kunst des Tragens

Bunte Tücher oder ganze Stützsysteme machen dem Kinderwagen Konkurrenz

  • Von Ulrike Henning
  • Lesedauer: 5 Min.

Ein besorgter nd-Leser machte sich kürzlich Gedanken, ob es eigentlich gesund sein könne, sehr kleine Kinder quasi im Sitzen zu tragen. Und dann auch noch mit Tüchern an den Körper von Mutter oder Vater geknotet. Die meist bunten Tücher oder auch ganze Tragesysteme mit dem allerjüngsten Nachwuchs darin, von Müttern und immer häufiger auch von Vätern am Körper getragen, sind vor allem in Großstädten ein schon alltägliches Bild. Aber nicht nur dort: Kleine Kinder werden bis heute, vor allem in agrarischen Gesellschaften, in Tragetüchern transportiert und auf diese Weise auch zur Feldarbeit oder auf den Markt mitgenommen. In Europa ist es nicht einmal zwei Jahrhunderte her, dass der Kinderwagen - zunächst als »wetterfester Stubenwagen« - Tücher zu ersetzen begann.

Menschenkinder wurden in der langen Entwicklungsgeschichte unserer Art also fast immer getragen. Die Nachwirkungen der nomadischen Lebensweise zeigen sich noch heute: wenn Säuglinge unwillkürlich die Beinchen anziehen, wenn sie hochgehoben werden. Sie bereiten auf diese Weise »aktiv das Anhocken der Beinchen im Hüftsitz« vor, schlussfolgerte unter anderem der Kinderarzt und Autor Herbert Renz-Polster. Diese reflexartige Haltung des Babys wird durch ein gutes Tragesystem gefördert und zwar durch einen breiten Steg. Dabei sind die Oberschenkel im rechten Winkel gespreizt, die Beine auf Nabelhöhe angezogen. Die Haltung mit angezogenen Beinen ist wichtig für die Entwicklung von Wirbelsäule und Hüfte.

Der Mediziner Renz-Polster weist in seinen Veröffentlichungen auch auf Studien hin, wonach das Tragen eine niederschwellige Kommunikation zwischen Mutter und Kind ermöglicht. Wurden im Rahmen der Studie Mütter zum Tragen angehalten, schrien ihre Babys insgesamt deutlich weniger. Das habe auch positive Auswirkungen auf die Eltern, deren Selbstvertrauen in der neuen Rolle gestärkt werde, wenn sie ihren Säugling effektiv trösten können.

Mittlerweile ist das Tragen in die westliche, städtisch geprägte Gesellschaft zurückgekehrt. Für die Hebamme Manuela Rauer-Sell aus Berlin ist eine Beratung dazu ein ganz normales Thema bei der Betreuung von Wöchnerinnen. Als ihre eigene Tochter 1987 geboren wurde, tauschten die Mütter zumindest in der DDR noch Schnittmuster für ein Tragesystem aus. »Vermutlich war unser Modell nach heutigen Maßstäben nicht so gut, zum Beispiel bei der Polsterung.« Auch ihre eigenen Verwandten fanden die Transportmethode zunächst merkwürdig: »Die Kinder würden doch verwöhnt, hieß es, sie könnten keine Luft bekommen und vielleicht auch Haltungsschäden.«

Geht es um die Vorteile des Tragens, weisen sowohl Anbieter von Tüchern als auch Ärzte und Hebammen darauf hin, dass es eine intuitive Kommunikation zwischen den Generationen möglich macht. Unruhe wird auch bei leisen Geräuschen des Kindes sofort bemerkt, eine enge Bindung zum Nachwuchs kann hergestellt werden. Weitere in Studien nachgewiesene Vorteile des Tragens sind etwa, dass das Stillen besser klappt und die motorische Entwicklung angeregt wird.

Als beratende Hebamme mit einer Teilzeitstelle beim Deutschen Hebammenverband betreut Rauer-Sell, die seit 1998 im Beruf ist, freiberuflich weiterhin Schwangere und Wöchnerinnen. Sie beobachtet, dass die Tragesysteme weiterentwickelt wurden. »Es gibt verschiedenste Modelle und Materialien, etwa dünnere Tücher für den Sommer. Die Systeme sind heute aufwendiger und besser gepolstert, haben zum Beispiel viele Schnallen zum Verstellen, etwa zum Anpassen an die Körpergröße des jeweiligen Elternteils. Bei meinen Besuchen staune ich selbst, was da manchmal aus dem Schrank geholt wird.«

Fehler im Umgang mit den Tüchern und Gestellen kommen trotzdem vor, berichtet die Hebamme: »Tücher sind entweder zu lose oder zu fest geknotet. Es braucht immer etwas Spiel, ein, zwei Finger breit. Das Gesicht des Kindes sollte frei sein.« Die Eltern trauten sich oft nicht, die Tücher fester zu ziehen: »Dann hängt das Baby zu weit unten und fühlt sich nicht wohl, es hat keinen Kontakt. Für den Rücken der Eltern ist das auch nicht gut.«

Regelrechte Trageschulungen gibt es inzwischen sowohl im realen Leben als auch online. Das Tuch oder die Tragehilfe, so heißt es etwa auf Ratgeberseiten, muss gut auf der Hüfte des Trägers sitzen (im Falle von älteren Kindern ab 6 Monaten), es darf nicht rutschen und muss richtig gebunden sein. Halt braucht auch der kleine Tragling, sein Kopf muss gestützt und geschützt sein. Als Material wird Baumwolle empfohlen, sie sollte weich, elastisch und waschbar sein. Das System sollte den Rücken stützen, aber auch einen runden Rücken zulassen, wenn das Baby schläft.

Einige Unglücksfälle mit Tragetüchern in Großbritannien und Australien führten dazu, dass hier bestimmte Grundregeln besonders kommuniziert werden. Demnach sollte das Tuch so eng wie möglich am Körper getragen werden, damit das Baby nicht in sich zusammensacken kann, es soll aufrecht gestützt werden. Die Tragenden können das Kind die ganze Zeit sehen, und sie sollten es relativ, aber nicht zu nah unter dem Kinn tragen, und zwar so, dass sie das Kind jederzeit küssen können, wenn sie den Kopf leicht beugen. Es muss frei atmen können, unter seinem Kinn sollte mindestens eine Fingerbreite Platz sein. Bei all diesen und weiteren Hinweisen zeigt sich, dass es auch bei einer alten Kulturtechnik darauf ankommt, sie richtig anzuwenden.

Auch Neugeborene können schon mit den verschiedenen Hilfsmitteln getragen werden, wenn das jeweilige System keine Grenzen wie Mindestgewicht oder Mindestgröße setzt. Ein Tuch lässt sich besser anpassen als ein anderes System. Wie lange der Säugling getragen wird, hängt nach Rauer-Sell vom Gewicht und von der Aktivität des Kindes ab. »Manche Eltern hören nach drei Monaten wieder auf. Das hängt auch vom Komfort des Tragesystems ab.«

»Vor einigen Jahren, war das Tragen zeitweilig sogar eine richtige Ideologie«, so Rauer-Sell, »nur das getragene Kind kann glücklich werden, hieß es da.« Heute sei der Umgang pragmatischer. Sie empfiehlt das Tragen, überredet aber niemanden dazu. »Manche bleiben halt beim Kinderwagen.« Aber auch bei diesen Eltern könne es Situationen geben, in denen sie wieder offen für Ratschläge sind. »Etwa, wenn das Baby unruhig ist. Wird es dann mit einem Tuch getragen, kann man doch noch ein paar Handgriffe machen, und auch kürzere Gänge sind möglich.«

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