Mutterwerden oder nicht

In dem neuen Werk von Sheila Heti geht es um die eine Frage, die alle Frauen im Laufe ihres Lebens beschäftigt

  • Von Lilian-Astrid Geese
  • Lesedauer: 3 Min.

Ein Buch über Mutterschaft? Über den Kinderwunsch? Warum sollte mich das interessieren? Ich habe eine Tochter, die wiederum zwei Töchter hat. Ich habe mich entschieden. Brauche ich einen Ratgeber? Will ich Zeugin der Selbstbespiegelung, verzweifelter Versuche der Selbstoptimierung, Perfektionierung einer Frau sein, die schon alles hat und nicht weiß, ob sie noch mehr will? Nein, und nein.

Doch »Mutterschaft«, von der kanadischen Journalistin und Erfolgsautorin Sheila Heti ist ein Romanessay, das zwischen Fiktion und autobiografischer Pose changiert. Eine Geschichte, die eine eminent wichtige und gleichzeitig unglaublich banal-wahre Botschaft in die Welt ruft: Sich zwischen zwei Zukunftsoptionen entscheiden zu müssen, ist unglaublich schwer. Hetis Protagonistin denkt laut nach. Ein Kind? Jetzt? Bislang hat sie das nie gewollt. Nun doch? Weil sie viel erreicht hat und dennoch nicht weiß, ob sie zufrieden ist? Was will Miles, ihr Lebenspartner? Erwählt hat die Heldin der Geschichte ihn, gerade weil er - in dieser Beziehung - kinderlos bleiben wollte. Aus einer früheren Ehe hat er eine Tochter. Die Ich-Erzählerin schwankt. Seitenweise Fragen, Reflexion, Zweifel. Das strengt beim Lesen hier und da etwas an, gleichzeitig vermittelt das Frage-Antwort-Spiel als stilistisches Mittel eine große Intensität. Ähnlich wie die Träume, von denen »ich« tagebuchartig berichtet. Sie bringen die Leserin in die leicht unangenehm berührende Position der Voyeurin - oder Psychoanalytikerin? Sie generieren jedoch zugleich die emotionale Nähe, die in einer rein intellektuellen Auseinandersetzung mit der Frage »Mutterschaft - ja oder nein?« nie spürbar würde.

»Wenn du ein Kind willst, können wir eins bekommen«, sagt Miles. Die Freundinnen - Anfang vierzig, wie die Autorin - bekommen Kinder. Nach der beruflichen Erfüllung das Familienleben. Sie verändern sich, beschreibt Heti. Ihr Leben findet ein neues Zentrum.

Für die neuen »MUTTs«, die das »Kursbuch« Nummer 76 mit Blick auf eine frühere Generation einst thematisierte, scheint Vollkommenheit erreichbar. Doch realisieren sie, dass es beim Kinderkriegen auch darum geht, etwas zu tun, nicht nur, etwas zu haben? Hetis Heldin grübelt. Selbstkritisch und sehr prägnant heutige Trends nachzeichnend: »Will ich Kinder, weil ich möchte, dass man mich als die bewundernswerte Frau bewundert, die Kinder hat?«

Die soziale Dimension blendet Heti gleichwohl ebenso wenig aus wie die Widersprüchlichkeit des gesellschaftlichen Anspruchs auf Mütter und Mütterlichkeit: »Die Welt ist voll von verzweifelten, einsamen, gebrochenen Menschen, Menschen ohne Lösungen, Menschen in Not, mit stinkenden Schuhen und stinkenden, löchrigen Socken. Menschen, die wollen, dass du ihre Vitaminpillen sortierst, die permanent deinen Rat brauchen, oder die einfach nur reden wollen, etwas mit dir trinken wollen, dich verführen wollen, sie zu bemuttern.« Zweifel und Selbstzweifel begleiten die Leserin viele Seiten lang. Manchmal ermüdend, manchmal inspirierend. Ein Buch ganz nah am Leben also. Am Frauenleben jedenfalls.

Sheila Heti: Mutterschaft. A. d. Engl. v. Thomas Überhoff. Rowohlt, 320 S., geb. 22 €.

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