Erst die Expansion, dann die Kundensicherheit

Nach dem Höhenflug von Finanz-Start-ups wachsen die Beschwerden - einige Unternehmen geloben Besserung

  • Von Alexander Sturm
  • Lesedauer: 4 Min.

Sie traten an, um die Bankenwelt aufzumischen: Finanz-Start-ups, die mit intuitiver Technik im Netz Überweisungen, Sparen, Kredite oder Versicherungen für Verbraucher schneller und bequemer machen wollen. Rasch wurden die forschen Jungunternehmer als Konkurrenten gehandelt, die traditionellen Geldhäusern das Leben schwermachen würden. Manch einer sah Banken schon abgehängt.

Wenige Jahre später hat sich die Spreu vom Weizen getrennt. Viele der »Fintechs« sind verschwunden oder haben sich in Kooperationen mit Banken geflüchtet. Nach der Gründungseuphorie haben Start-ups reihenweiseaufgegeben, so die Beratungsgesellschaft PwC. Sie verzeichnet 233 Pleiten seit 2011 und allein 34 in den ersten fünf Monaten 2019. Viele Start-ups hätten die Kosten der Kundenakquise unterschätzt, sagt PwC-Partner Sascha Demgensky. »Ihnen ging finanziell die Luft aus.«

Auf der anderen Seite stehen junge Firmen, die den Durchbruch geschafft haben, wie Vergleichsportale für Tagesgeld, Direktbanken oder Anbieter von Roboter-Geldanlagen. Die Smartphone-Bank N26 und der Einlagenvermittler Raisin sammelten dreistellige Millionenbeträge von Investoren ein und wollen damit auch in die USA expandieren.

Doch nun erschüttert Kritik die Branche - etwa am schon etablierten Zahlungsabwickler Wirecard, der inmitten seines Aufstiegs in den DAX mit Unregelmäßigkeiten bei Buchungen für Aufsehen sorgte. Und der Direktbank N26 bescheinigte die Finanzaufsicht Bafin Mängel bei Maßnahmen gegen Geldwäsche und Terrorfinanzierung. Das Start-up mit 3,5 Millionen Kunden müsse einige Bestandskunden neu identifizieren, mehr Arbeitsabläufe schriftlich festhalten und Rückstände bei der Kontrolle verdächtiger Transaktionen aufarbeiten, so die Bafin. N26 zeigte sich einsichtig: Man werde die Vorgaben zügig umsetzen.

Vor allem an Onlinebanken reißt die Kritik nicht ab. »Wir verzeichnen einen deutlichen Anstieg der Kundenbeschwerden«, sagte Bafin-Präsident Felix Hufeld der »FAZ«. Dabei gehe es meist um die Nichterreichbarkeit der Geldhäuser.

Einzelne Genossenschaftsbanken ergreifen schon Abwehrmaßnahmen. So stellte die Volksbank Freiburg im Onlinebanking den Zahlungsverkehr etwa mit N26, Fidor, Revolut und bunq temporär ein. Begründung: »eine Zunahme an Betrugsfällen«. Vermeintliche Betrüger würden die Banken wegen einfacher Identifikationsverfahren etwa per Foto als Zielkonto für vermeintliche Straftaten nutzen.

Ein Einfallstor für Angriffe auf Kundenkonten war das mobileTAN-Verfahren. Dabei wird die für Überweisungen nötige TAN per SMS auf eine hinterlegte Handynummer geschickt. Kriminelle greifen Zugangsdaten für das Onlinebanking ab - etwa über Phishing-Mails. An die TANs kommen sie über Ersatz-SIM-Karten, die sie beim Mobilfunkanbieter erschleichen. Volksbank-Chef Henry Rauner vermutet Versäumnisse bei den »Fintechs«: »Die Identitätspflichten werden vielleicht nicht so streng gehandhabt, und auch im Geldwäschebereich sind vielleicht die Systeme nicht auf dem Stand, den auch die Aufsicht sich wünscht.«

Müssen Kunden nun bei Onlinebanken um ihr Geld fürchten? »Man darf ›Fintechs‹ nicht über einen Kamm scheren«, sagt Matthias Hübner, Branchenexperte bei der Beratungsfirma Oliver Wyman. Bisher gehe es um Einzelfälle. Die Schlagzeilen zeigten, dass die Branche gewachsen sei. Hübner meint aber auch: »Die Sicherheitsvorkehrungen der Start-ups müssen steigen. Einige haben sich auf die Expansion konzentriert und wurden vom Wachstum überrannt.« Die wiederholte Kritik sei ein Risiko: »Die Gefahr ist, dass Verbraucher nicht mehr unterscheiden und die ganze Branche in Sippenhaft nehmen.«

»Fintechs« betonen, für die Kundensicherheit zu sorgen. N26 etwa teilte mit, man setze, wie alle anderen Banken auch, »Maßnahmen zur Geldwäscheprävention« um. »Sobald wir erfahren, dass andere Banken einzelne Transaktionen an N26 anhalten, treten wir so schnell wie möglich mit der betreffenden Bank in Kontakt, um Probleme zu lösen.«

Auch andere wehren sich: »Jeder, der ein Konto bei der Fidor Bank eröffnet, durchläuft das fälschungssichere Video-Ident-Verfahren«, sagte ein Firmensprecher. Es sei daher wenig wahrscheinlich, dass Betrüger Inhaber solcher Konten sind und gestohlenes Geld dorthin überweisen lassen, wo man sie leicht identifizieren könnte.

Mit IT-Problemen stehen Finanz-Start-ups ohnehin nicht allein da. So hatten Kunden der Deutschen Kreditbank jüngst über Stunden keinen Onlinezugang zu ihren Konten. Und bei der Commerzbank kam es wiederholt zu IT-Pannen. Technische Probleme bei Banken sind eben keineswegs neu.

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