Manchmal haben Eltern keine Wahl

Schulen in privater Trägerschaft erleben einen Boom / Warnungen vor einem Trend zur Zwei-Klassen-Bildung

  • Von Yuriko Wahl-Immel
  • Lesedauer: 3 Min.

Knapp eine Million Schüler lernen inzwischen laut Verband Deutscher Privatschulverbände (VDP) an einer Einrichtung in privater Trägerschaft - jder elfte Schüler. Binnen 25 Jahren hat sich die Zahl der privaten Schulen von rund 3200 auf knapp 5850 nahezu verdoppelt, auf einen Anteil von 14 Prozent. Das Wachstum kommt stark aus Ostdeutschland, wo es vor der Wende praktisch keine Privatschulen gab, erläutert Bildungsforscherin Nele McElvany von der Uni Dortmund.

»Wir sehen ein kontinuierliches Wachstum und eine steigende Beliebtheit«, schildert VDP-Sprecherin Beate Bahr. Privatpersonen, Stiftungen oder kirchliche Organisationen - alle können eine Privatschule gründen. Unter mehreren Bedingungen: Sie müssen dem VDP zufolge gemeinnützig und für jeden zugänglich sein, Kriterien und Auflagen erfüllen und staatlich genehmigt werden.

Wer lernt an Privatschulen? In hohem Maße eine »sozial privilegierte Schülerschaft«, berichtet McElvany. VDP-Sprecherin Bahr betont dazu, das Schulgeld werde gestaffelt nach Elterneinkommen erhoben. Die Schülerschaft sei heterogen. »Privatschüler sind keine selektive, elitäre Gruppe.« Tendenziell nutzten »Familien mit Bildungsinteresse« das Angebot stärker. Privatschulen sollten nicht für soziale Spaltung verantwortlich gemacht werden, findet Bahr.

Bedenken in diese Richtung gibt es schon länger, die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) wird deutlich: Die Existenz privater Schulen wirke »sozial selektiv«, kritisiert NRW-Landeschefin Maike Finnern. Für zusätzliche Aufregung sorgt Unionsfraktionsvize Carsten Linnemann, der sich zu mangelnder Sprachkompetenz vor der Einschulung geäußert und angeregt hatte, eine Einschulung notfalls zurückzustellen. Dabei sagte er der »Rheinischen Post« auch: »Bis tief hinein in die Mittelschicht erlebe ich Eltern, die ihre Kinder auf Privatschulen schicken, weil das Niveau an staatlichen Schulen sinkt.«

Was also sind die Beweggründe der Eltern? Für viele gebe das pädagogische Konzept den Ausschlag, erläutert der Bundeselternrat (BER). Einige Privatschulen seien offenbar finanziell besser ausgestattet. Womöglich zeigten Lehrer an Privatschulen - wo sie tendenziell mehr Gestaltungsfreiraum haben - manchmal ein ganz besonderes Engagement, glaubt der BER-Vorsitzende Stephan Wassmuth. Vielfalt sei begrüßenswert, meint der Elternrat: »Aber wir dürfen den Privatschulen nicht das Feld überlassen.« Zentral über allem stehe das Ziel: »Wir brauchen ein durchweg hohes qualitatives Niveau für unsere Kinder.« Dafür müsse deutlich mehr in Bildung investiert werden. Ausreißer beim Schulgeld seien nicht akzeptabel, betont Wassmuth: Es gebe Privatschulen, die 50 Euro pro Monat verlangten, aber manchmal eben auch extrem hohe Summen.

Expertin McElvany sagt: »Es gibt Schulen, da geht es um Elite.« Häufiger seien aber eine alternative Pädagogik oder ein christlich-sozialer Hintergrund wesentliche Merkmale. Besondere Ausrichtungen etwa im sportlichen oder kreativen Bereich könnten attraktiv wirken. Einige wollten das eigene Kind nicht an Brennpunktschulen schicken. »Manchmal haben Eltern auch tatsächlich keine Wahl.« Wenn auf dem Land auch die letzte öffentliche Grundschule schließe, sei die private Schule alternativlos. dpa/nd

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