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Was ich von Wacken sah und hörte

Sind das alles nur Komfortrebellen? Ein kleiner Rückblick auf das größte Rockmusikfestival im Land

  • Von Frank Schäfer
  • Lesedauer: 4 Min.

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Festivalteilnehmerin des WOA (Wacken Open Air) feiern vor den Bühnen. Das dreißigste, nach Veranstalterangaben größte Metal-Festival, ist zu Ende.
Festivalteilnehmerin des WOA (Wacken Open Air) feiern vor den Bühnen. Das dreißigste, nach Veranstalterangaben größte Metal-Festival, ist zu Ende.

Wer in der Metal-Szene verlauten lässt, er wolle dem W:O:A mal wieder einen Besuch abstatten, muss mit rollenden Augen rechnen. »Metal Disneyland« hat Ozzy Osbourne das Festival genannt, dessen 30. Ausgabe am Wochenende in Wacken zu Ende ging, aber natürlich trotzdem nicht gezögert, dort zu spielen und immer wieder die einzige Frage zu stellen, die ihm noch einfällt: »Can you hear me? Can you fuckin’ hear me?«

Auf einem dieser Metal-Kanäle bei Youtube hieß es neulich: »Alle hassen Wacken.« Aber warum gehen trotzdem immer noch 75 000 Menschen hin? Und 75 000 ist ja auch nur die offizielle Zahl fürs Finanzamt Itzehoe. Ich hab’s mal durchgezählt, es sind weit mehr. Bei 81 666 musste ich aufhören, da fingen nämlich Hellhammer an mit feinstem Nostalgiekrach. Vor langer Zeit haben wir uns kaputtgelacht über diese gesungene Sterbehilfe aus der Schweiz, heute feiert man den Hellhammer-Chef Tom Gabriel als Blackthrashdeath-Visionär und richtigen Künstler. Er muss dann auch die ganze Zeit grinsen bei seinen schwyzer-englischen Ansagen. Ich verstehe das sehr gut.

Die Frage, warum so viele Leute kommen, ist damit aber immer noch nicht beantwortet. »Alles Komfortrebellen«, versucht mein daheimgebliebener Soziologenfreund eine Erklärung. »Spießer im Freiheitstaumel«, redet er sich in Rage, »Eventfittis, Ginkenner, wimps and posers.« Zu ihnen darf sich auch jener Wetterbeauftragte zählen, der das Festival gleich zweimal unterbrechen zu müssen meinte, weil die Wolken einen leichten Graustich bekamen, und, Gottchen ja, es donnerte und blitzte etwas. Na und? »Wetterleuchten«, sagte mein Vater dazu früher auf unseren Wanderungen durch die Mark Niedersachsen. »Da hinten wird es schon wieder hell!«

Dass es vielleicht doch ernster war, als es aussah, lernte ich schließlich von einer blonden, salzwassergegerbten Seebärin, die in den Himmel schaute und kopfschüttelnd einen dicken Schwall Kautabak ausspuckte. »Möwen über Land?«, raunte sie erstaunt. »Das gibt Sturm.« Gab es dann aber doch nicht, jedenfalls nicht sehr. Man traf sich also nach einer Stunde wieder auf dem Gelände, um bei Kaufland seine Monatseinkäufe zu tätigen und anschließend bei der Jobbörse nachzufragen, ob Polizei oder Bundeswehr trotz arschlangem Haar und Gesichtstattoo Verwendung für einen hätten. Der ganze profane Scheißdreck, vor dem man eigentlich flüchten wollte, nach und nach findet er sich auch in Wacken ein. Im nächsten Jahr kann man sogar seinen Führerschein hier machen. Für Panzer.

Aber ich beobachte eben auch Szenen, die mich fast zu Tränen rühren und vielleicht so etwas wie eine Erklärung liefern für die trotz seiner grotesken Ausmaße immer noch andauernde Beliebtheit dieses Festivals. Ein arg versehrter Mann schleppt sich auf zwei schwarz eloxierten, mit Bockshörnern verzierten Krücken über den Platz. Er schnaubt höllisch, es kostet ihn Kraft, hier zu sein. Also nimmt er sich eine kurze Auszeit, grabbelt seine Zichten aus der Brusttasche, wird dann aber angeruckelt, und die Packung landet im Dreck. Ein paar Zigaretten sind herausgefallen. Vor Schmerz heult er kurz auf, denn mit seinem Handicap kommt er da heute nicht mehr ran. Obwohl gerade die Band Testament herumholzt, hört ein Besoffener den gequälten Schrei und dreht sich überrascht um. Ein Blick in dessen tote Augen offenbart sofort: Der findet heute nicht mehr zurück ins Zelt. Obwohl man also nicht mehr viel, nein, eigentlich nichts mehr von diesem Menschen erwarten kann, erkennt er sofort das Problem, bückt sich schwankend, klaubt die Schachtel auf, stopft die losen Fluppen inklusive einer gehörigen Portion Dreck und Gras mit Elan hinein und steckt dann alles dem Hinkebein zurück in die Brusttasche. »Das bringt dich noch um«, sagt er sanft und beinahe eloquent. Aber dann bekommt er ganz große Augen, dreht sich um die eigene Achse und wirft, Hörner zeigend, beide Hände in die Luft! »You’ve got a lot to learn, the bridge you burned, it’s gonna take its toll!«, grölt er die alte Testament-Waise mit. »Pay the burnt bridge toll! So practice what you preach.« Recht hat er.

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