Theodor W. Adorno

Kritik und Jargon

Zum 50. Todestag Theodor W. Adornos – eine Notiz.

Von Velten Schäfer

Wenn eines »großen Denkers« zu gedenken ist, gehört eine Wendung zum Standard - »so aktuell wie nie!« Bezüglich Theodor W. Adornos, der dieser Tage vor 50 Jahren verstarb, liegt diese Aktualisierung nun sogar in Buchform vor: Der Historiker Volker Weiß hat für den Suhrkamp-Verlag eine unveröffentlichte Vorlesung Adornos zu den »Aspekten des neuen Rechtsradikalismus« rekonstruiert. Und tatsächlich hat sich die Mühe gelohnt. Wer heute liest, was Adorno 1967 angesichts einer erstarkenden NPD Wiener Studierenden zu sagen hatte, dem steht sofort die AfD vor Augen.

Das rechtsradikale Denk- und Fühlpaket, so Adorno, basiert auf einem unbewussten Sehnen nach Unheil, das zugleich bekämpft und beschworen wird und dem rechten Subjekt eine perverse Genugtuung verschafft. Was damals die Angst vor Sozialismus, Anarchismus und allgemeinem Sittenverfall war, sind heute »Islamisierung«, die »linksgrün versiffte Meinungsdiktatur« und deren vermeintliches Projekt des »großen Austauschs«.

Damals wie heute arbeitet der Rechtsradikalismus auch mit Ängsten vor ökonomischer Deklassierung, richtet sich aber nie auf »die Apparatur, die das bewirkt«. Er sucht sich verletzlichere Ziele, darunter diejenigen, die an jenem Apparat Kritik üben. Die nationalistische Überlegenheitsfantasie, auch das gilt damals wie heute, bricht sich Bahn in einer behaupteten Demütigung. Die autoritäre »Lösung« besteht in dem brutalen Versprechen, aufzuräumen, die Massen toben zu lassen, wodurch die Macht geschützt bleibt. Adorno sieht Rechtsradikalismus als Krisenphänomen einer Demokratie, die »ihrem eigenen Begriff nicht ganz gerecht« wird - gesteht dem Wahnhaften also durchaus eine Grundlage in realen Ausschlusserfahrungen zu.

Das Bändchen ist nun nicht nur in der Hinsicht ein Phänomen, dass es nach 50 Jahren so gegenwärtig klingt und somit zeigt, wie wenig Neues an der »Neuen Rechten« ist. Erstaunlicher - und bedenklicher - ist aber seine Karriere als Ware: Der posthume Adorno ist ein Renner. Dieser Tage erst musste der Verlag erneut die Druckerpresse anwerfen. Und das kann man alarmierend finden: Wie hilflos ist denn eine Öffentlichkeit, die ein drängendes Gegenwartsproblem historische Manuskripte wälzen lässt? Und nachdenken lässt sich auch über ein Zweites: Was könnte diese späte Dosis Adorno mit jener Öffentlichkeit machen?

Die Antwort hierauf ist zwiespältig. In dieser Vorlesung, deren Veröffentlichung nach Aufzeichnungen er abgelehnt hätte, unterstreicht Adorno, dass der Rechtsradikalismus der bürgerlichen Gesellschaft nicht von außen droht. Er sagt das nicht so pointiert wie Max Horkheimer - »wer vom Kapitalismus nicht reden will, soll vom Faschismus schweigen« -, aber in einer Deutlichkeit, die der liberalen Debatte gut täte, wenn diese daraus Folgerungen zöge. Man mag hoffen, dass einige jener Bildungsbürger, die nun zu diesem Büchlein greifen, sich etwas eingehender mit Kritischer Theorie in ihrem Vor-Habermas-Format befassen. Dem Mainstream kann das gewiss nicht schaden.

Was die intellektuell-aktivistische Linke angeht, gilt indessen das Gegenteil. Hier ist zu fürchten, dass der Erfolg des Bändchens zu einem Steht-alles-schon-bei-Teddy-Reflex führt, der eine der politisch regressivsten Strömungen der vergangenen zwei Jahrzehnte aufs Neue befeuern könnte; den »Adornismus«. Was darunter zu verstehen ist, hat der Philosoph Meinhardt Creydt vor gut 15 Jahren in zwei leider recht unbekannten Texten erklärt: im Kern eine Verwechslung von theoretischem Reduktionismus und politischer Radikalität.

Während der individualistische Liberalismus sich mit der Vorstellung einer Einheit namens »Gesellschaft« überhaupt schwer tut, neigt der Adornismus zur Verabsolutierung gesellschaftlicher Kohärenz. Er liegt ziemlich sicher immer dann vor, wenn jemand belehrend von »gesellschaftlicher Totalität«, »der Wertvergesellschaftung« oder davon spricht, es fehle anderen an »einem Begriff vom Kapitalismus«. Die Betonung liegt hier auf dem Wort »einem«: Die Tendenz, »Gesellschaft mit einem Prinzip« charakterisieren zu wollen, gehört bereits zu Adornos offenkundigen Schwächen. Und der Adornismus, schreibt Creydt, verdichtet diese Tendenz zu einem Jargon der Depolitisierung. Ist nämlich Gesellschaft »total« von diesem einen Prinzip geprägt, kann dasselbe nicht angegriffen werden, weil außerhalb seiner kein Standpunkt existiert: »Bei vielen Anhängern Adornoschen Denkens«, so Creydt, »wird man den Eindruck nicht los, Adorno komme gerade recht als Souffleur für eine Verabschiedung von jeder eingehenderen Befassung mit Gesellschaft.«

Verhängnisvoll praktisch wurde diese Haltung etwa in der Finanzkrise nach 2007. Hiesigen akademisch-bewegten Linken fiel dazu kaum mehr ein als ein besorgter Hinweis: Wer nun Banker dämonisiere, verliere die »Totalität« aus dem Blick. Und hinsichtlich des Rechtsradikalismus, dessen aktueller Aufstieg ja mit diesen Jahren zu tun hat, setzte der Adornismus eine Position durch, die der liberalen Doxa vom quasi außergesellschaftlichen Phänomen schon wieder nahekommt: alles nur »Wahn«, »irrational«, politischer Bearbeitung also enthoben.

Adornismus, so Creydt, ist eine Haltung, die »Adorno zugleich zur Kenntlichkeit vereindeutigt und zur Unkenntlichkeit verzerrt«. Und das ist ein Punkt, den das neue Bändchen unterstreicht. Denn darin beantwortet Adorno die Gretchenfrage des heutigen Antinazismus anders als seine tonangebenden Adepten: Mit Rechten reden? Ja natürlich, wenn auch nicht mit Kadern.

So ist die nun neu aufgetauchte Adorno-Vorlesung nicht nur den Liberalen zu verordnen, sondern auch den Radikalen. Letztere aber sollten zudem die Adornismus-Texte Creydts zur Kenntnis nehmen - die auch ein schönes kleines Bändchen abgäben.

Theodor W. Adorno: Aspekte des neuen Rechtsradikalismus, Suhrkamp 2019, 86 S., brosch., 10 € (mit Nachwort von Volker Weiß).

Meinhard Creydt: Adornismus. Motive eines Übergangs, in: Utopie kreativ 156 (Oktober 2003), S. 949-961.