Carsten Linnemann

Alles nur ein Missverständnis

Stephan Anpalagan nimmt sich die islamophobe Hetze in der CDU und der »Welt« vor

Von Stephan Anpalagan

Nachdem sich halb (Twitter-)Deutschland tagelang über die Forderung nach einem Grundschulverbot echauffiert hat, stellt sich nun heraus: Der CDU-Politiker Carsten Linnemann hat nie ein Grundschulverbot für Einwandererkinder gefordert. Er hat gar nichts gegen Einwanderer und Muslime. Wir alle haben ihn als einen vermeintlich Rechten vorgeführt. Da liegt wohl ein Missverständnis vor. Das jedenfalls meint Ulf Poschardt.

Nun ist Poschardt nicht irgendwer, sondern Chefredakteur der WeltN24-Gruppe, einem der größten Medienportale in Deutschland. In einem Text auf welt.de berichtet Poschardt über den »gehemmt freundlichen Herrn Linnemann«, der eine »harmlose« Wahrheit ausgesprochen habe. Leider hat Poschardt die einfachste aller »Recherche«-Methoden unterlassen (fünf Minuten googlen), um nachzuschauen, ob Linnemann nicht doch dem rechten Rand nähersteht als der politischen Mitte. Denn, soweit es sich nicht um einen Doppelgänger handelt, existiert in der CDU ein Carsten Linnemann, der ein Buch mit dem Titel »Der politische Islam gehört nicht zu Deutschland« herausgegeben hat. Und es gibt Forderungen Linnemanns, die sich anhören, als wären sie aus dem AfD-Parteiprogramm abgeschrieben:

Der Appell, Bürger mit Migrationshintergrund sollten sich bitte an Gesetze halten (was beinhaltet, dass sich Bürger mit Migrationshintergrund nicht daran halten).

Ein Sanktionssystem für Flüchtlinge, die Integrationskurse abbrechen (die Realität: Integrationskurse sind völlig überlaufen).

Ein Kopftuchverbot für Mädchen unter 14 Jahren (eine Forderung, die wohl verfassungswidrig sein dürfte).

Ob Poschardt die Texte liest, für die er als Chefredakteur verantwortlich ist, ist nicht überliefert. Täte er es, hätte er fast alle oben erwähnten Punkte auch auf welt.de finden können. Ebenso einen Artikel, der mit dem Titel »Die robusten Ruhestörer in der Union« überschrieben ist und in dem Linnemann wegen seiner Aussagen zum »politischen Islam« eine nicht unwesentliche Rolle spielt.

Poschardts eigener Text ist ein Meisterwerk der Mystik. So beklagt er ein »absurdes Klima der Spaltung und Vergiftung«, nur um im letzten Absatz eine Verurteilung durch »Moral-Eliten« und »Twitter-Gerichtshof« zu beklagen. Dass »Twitter-Gerichtshof« an »NS-Volksgerichtshof« erinnert, geschenkt. Dass die Rede von »Moral-Eliten« tief in die AfD eingebrannt ist, geschenkt. Dass Poschardt in seinem Text, in dem er sich über ein missverstandenes »Grundschulverbot« aufregt, ein Video verlinkt, das den Titel »Ohne Deutschkenntnisse keine Grundschule« trägt, versteht man dann überhaupt nicht mehr.

Poschardts Nicht-Recherche hat entsprechend auch nicht zutage gefördert, dass Linnemanns Echauffage über »16 Prozent der künftigen Erstklässler« in Duisburg, die »gar kein Deutsch können«, Humbug ist. Auch, dass es irgendwie seltsam ist, wenn ein »nüchterner Wirtschaftsexperte« ohne jegliche Kompetenz in Innen- oder Einwanderungspolitik, irgendwelche islam- und ausländerfeindlichen Thesen in die Mikrofone blökt, ist ihm nicht aufgefallen. Im Gegensatz zu seinen Kollegen vom »Spiegel«, die Linnemann in einem Interview auf seine »Fixierung auf den Islam« angesprochen haben.

Vielleicht ist alles tatsächlich ein Missverständnis. Von Linnemann, der trotz seiner Ressentiments kein Rechter ist. Und von Poschardt, der nicht herausbekommen hat, dass der CDU-Mann ein Rechter ist.

Es gibt übrigens eine Partei, deren Markenzeichen es ist, rassistische Dinge zu sagen und sich anschließend mit dem Verweis auf ein »Missverständnis« herauszureden. Und nun raten Sie mal, wer das ist und wo man das nachlesen kann. Genau, auf www.welt.de.