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Ingo fast ganz oben angekommen

CDU-Spitzenkandidat beendete seine Wahlkampftour durch Brandenburg auf der Heidehöhe

  • Von Andreas Fritsche
  • Lesedauer: 6 Min.

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Ingo Senftleben radelte, wanderte und paddelte durchs Land.
Ingo Senftleben radelte, wanderte und paddelte durchs Land.

Ob er hier den Arbeiterführer geben wolle, wird Ingo Senftleben gefragt, als er am Freitag vor dem Gelände des Triebwerksherstellers Rolls Royce in Dahlewitz ankommt. Der Spitzenkandidat der CDU für die Brandenburger Landtagswahl am 1. September zögert irritiert. Sein Gesicht drückt aus, dass er überlegt, ob er veralbert werden soll oder ob die Frage auch ernst gemeint sein könnte. Unsicher erkundigt er sich vorsichtshalber, ob seine Biografie bekannt sei.

Auch wenn die Vorstellung bei einem CDU-Politiker befremdlich erscheinen mag - Ingo Senftleben ist Arbeiter, genauer gesagt Bauarbeiter. Er legt Wert auf die Feststellung: »Ich habe Maurer gelernt. Das kann mir keiner mehr nehmen. Ich war nicht Maurer, ich bin es.« Erst auf dem zweiten Bildungsweg ist ein Hochbautechniker aus ihm geworden, per Fernstudium. Senftleben versichert, er habe die derben Sprüche aus dem Baucontainer noch drauf, wisse aber, wo es sich nicht gehört, so zu reden.

Während die alte Arbeiterpartei SPD mit dem Agraringenieur Dietmar Woidke an der Spitze in den Landtagswahlkampf zieht und die ebenfalls in der Arbeiterbewegung wurzelnde LINKE mit der Lehrerin Kathrin Dannenberg, hat die bürgerliche CDU also einen Arbeiter nominiert, der sich noch als Maurergeselle für den damaligen Bundesarbeitsminister Norbert Blüm (CDU) begeisterte und deswegen in die CDU eintrat. Damals habe die Partei noch mehr Stimmen aus der Arbeiterklasse erhalten und sie könnte in dieser Schicht wieder Boden gutmachen, findet Senftleben.

Leider kommen die Arbeiter von Rolls Royce nicht. Robert Trebus, ein Manager des japanischen Panasonic-Konzerns, der hier im Wahlkreis als CDU-Direktkandidat antritt, hatte sich das schön überlegt. Er postierte sich mit Parteifreunden und viel Infomaterial an einem Radweg, den viele Arbeiter zum Schichtwechsel als Abkürzung nehmen. Doch heute kommt hier nur eine einzige junge Frau nach Feierabend entlang.

Ingo Senftleben und Robert Trebus schwingen sich wie geplant aufs Rad und versuchen es woanders, im Tross drei Journalisten und das aus drei Studenten bestehende »Team Ingo«. Begleitautos fahren auf anderen Wegen voraus. An einigen Stationen wird schnell ein Tisch aufgestellt und das »Team Ingo« schwärmt aus. Doch es läuft so, wie gegenwärtig bei den anderen Parteien auch. Bei Verteilaktionen griff früher rund die Hälfte der Passanten zu. Inzwischen winken 90 Prozent ab. Am Bahnhof Blankenfelde, wo gerade der Regionalzug nach Elsterwerda gehalten hat, nimmt von den zahlreichen Ausgestiegenen nur ein Mädchen den Kugelschreiber und den Flyer der CDU mit und ein Mann pöbelt wüst.

Dagegen ist das Interesse der Medien an der Landtagswahl so groß wie nie. So kann es vorkommen, dass zwei oder drei Kamerateams gleichzeitig einen Spitzenkandidaten filmen, während die Bürger eine großen Bogen machen. Mit Senftleben radeln am Freitag Mitarbeiter der Nachrichtenmagazine »Stern« und »Spiegel«. Es wirkt ein bisschen so, als gehe es dabei weniger um Senftleben als um die AfD. Denn die Leser im Westen möchten begreifen, wie es möglich ist, dass diese Partei am 1. September die Landtagswahlen in Sachsen und Brandenburg gewinnen könnte.

CDU-Kandidat Trebus, der vor 24 Jahren aus Westberlin nach Groß Kienitz rausgezogen ist, kann die Situation anschaulich schildern. Die Umfragewerte der AfD seien nicht mit sozialer Not zu erklären. Mehr als einmal erlebte Trebus nach Diskussionen mit AfD-Anhängern, dass diese mit teuren Autos weggefahren sind. Die Sorgen eines Handwerksmeisters, der keine Lehrlinge mehr findet, sich abrackert und von der Bürokratie genervt ist, kann Trebus sogar gut verstehen. »Es ist für mich schwer, schlecht über die AfD zu reden, denn ein Drittel von deren Mitgliedern kommt von uns«, gesteht er. Das ist seine Schätzung. Belastbare Zahlen liegen nicht vor.

Allerdings kennt Trebus die Leute ja. Er kennt auch lange und gut Daniel Freiherr von Lützow - den Kandidaten der AfD im Wahlkreis, den er einfach Daniel nennt. Dieser Daniel, mache sich Hoffnungen, dass Trebus etwas deichselt, damit sich die CDU nach der Landtagswahl mit der AfD einlässt. Doch da hat sich der Daniel geschnitten. Denn Trebus glaubt zwar, dass die AfD theoretisch eine normale konservative Partei werden könnte, wenn sie sich in einem Selbstreinigungsprozess von ihren radikalen Kräften trennt. »Aber ich weiß nicht, ob die das überhaupt wollen.« Im Moment disqualifiziere sich die AfD für eine Regierungszusammenarbeit, da man nie wissen könne, ob AfD-Anhänger Politiker eines Koalitionspartners bedrohen würden, wenn es nicht nach ihrer Nase läuft. Die AfD sei »extrem« und »unberechenbar«.

Nächste Tourstation ist das Seebad Rangsdorf. Nebenan im Seehotel stellte die AfD zu Jahresbeginn ihre Liste für die Landtagswahl auf, setzte dabei Daniel Freiherr von Lützow auf Platz drei.

Ingo Senftleben lässt sich am Rangsdorfer See Probleme mit dem sinkenden Wasserspiegel schildern.
Ingo Senftleben lässt sich am Rangsdorfer See Probleme mit dem sinkenden Wasserspiegel schildern.

Im Seebad trifft sich Senftleben mit den Damen und Herren von der hiesigen Senioren-Union. Ihr Vorsitzender Jürgen Muschinsky bedeutet dem Spitzenkandidaten unmissverständlich: »Eine Koalition mit den LINKEN halte ich für nicht möglich.« Eine der Damen am Tisch ruft: »Ich auch nicht.« Das ist eindeutig. Immerhin würde sich Muschinsky damit abfinden, wenn eine CDU-geführte Minderheitsregierung von der Linkspartei toleriert wird. Das allerdings kommt für Ingo Senftleben wohl nicht in Frage. Er möchte Ministerpräsident einer stabilen Koalition sein und nicht mit wechselnden Mehrheiten im Parlament kämpfen müssen. Viele Möglichkeiten bleiben ihm nicht. Denn Senftleben verprellte die SPD schon mit der Ansage, dass für ihn eine Zusammenarbeit mit Ministerpräsident Dietmar Woidke nicht infrage komme. Die Grünen würden zwar mit sich reden lassen. Aber das reicht nicht. Die FDP würde sicher mitmachen, aber die ist viel zu schwach, scheitert womöglich an der Fünf-Prozent-Hürde.

Die Lage ist für Senftleben beinahe tragisch. Erstmals hat die CDU eine echte Chance, an der SPD vorbeizuziehen. Sie könnte aber von der AfD überflügelt werden. Der Sieg über die SPD wäre überdies wertlos, wenn Senftleben keine Koalitionspartner findet. Just am Freitag kamen die Ergebnisse einer neuen Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Forsa. Demnach führt die AfD mit 21 Prozent - CDU 18 Prozent, SPD 17, Grüne 16, LINKE 14, FDP fünf. Glaubt Senftleben denn selbst noch an seinen Sieg? Er zögert wieder einen Moment. Erst dann sagt er: »Ja.« Senftleben ist bodenständig, ein Familienmensch, der stolz von seinen drei Töchtern erzählt. Privat lebt er konservativ, ist aber keiner von der Sorte, die anderen ein solches Leben zwanghaft vorschreiben möchten. Er hat immer fest zu Kanzlerin Angela Merkel gehalten und seine Parteifreunde ermuntert, über den eigenen Schatten zu springen und die Homoehe zuzulassen. Eine soziale Ader hat er auch, die er geschickt mit dem Leistungsgedanken einer Wirtschaftspartei verknüpft. Er sagt: »Anstrengen ist wichtig und richtig, aber wir müssen auch denen helfen, die mal in einem Tal sind.«

Senftleben kämpft um jede Stimme, setzt sich am S-Bahnhof Mahlow leutselig zu zwei Frauen auf eine Bank und verwickelt sie in ein Gespräch. Doch dabei kommt für ihn nichts Zählbares heraus, denn es sind Berlinerinnen, die einen Ausflug machen und ihn gar nicht ankreuzen können.

Am Sonnabend beendete Senftleben seine neuartige Wahlkampf-Tour »Bock auf Brandenburg« mit einer Wanderung auf die Heidehöhe tief im Süden Brandenburgs. Innerhalb von fünf Wochen ist er gut 700 Kilometer durchs Bundesland gelaufen, geradelt und gepaddelt. Der Gipfel der Heidehöhe liegt bereits drüben in Sachsen. Doch die Tour stoppte extra ein paar Meter vorher, damit der Abschluss an Senftlebens 45. Geburtstag auch wirklich in Brandenburg gefeiert wurde. Geografisch war Senftleben so auf dem höchsten Punkt Brandenburgs angekommen. Politisch ist er dem höchsten Amt im Bundesland so nah wie noch kein CDU-Politiker vor ihm - und doch so fern.

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