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Rechtslastiger Grenzgänger

Mit Politperformance »Lebendige Brücke« bringt sich einstiger Maueraktivist in Erinnerung

  • Von Peter Nowak
  • Lesedauer: 4 Min.

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"Lebendige Brücke" nannte Carl-Wolfgang Holzapfel vor genau 30 Jahren seine Aktion auf dem Grenzstreifen am Checkpoint Charlie.

»Braucht der Mann einen Arzt?«, fragt erschrocken ein junger Mann am Checkpoint Charlie. Direkt auf der ehemaligen Grenzelinie zwischen Westberlin und der DDR-Hauptstadt liegt ein älterer Mann auf der Straße. Doch eine Frau beruhigt den Touristen. »Dem Mann geht es gut. Es handelt sich um eine politische Aktion. Sie können gerne ein Foto machen.«

Es war der 75-jährige Carl-Heinz Holzapfel, der sich selbst als Aktionskünstler versteht. Mit einer Deutschlandfahne bedeckt, hatte er sich am Montag von 11 bis 12 Uhr auf die Kreuzung von Friedrich- und Zimmerstraße gelegt. Wohl in Sorge über die Spaltung Deutschlands, jedenfalls sagte er in einer kurzen Ansprache vor Beginn seiner Aktion: »Lasst uns gemeinsam gegen die unsägliche Belebung überwunden geglaubter Gegensätze aus einem geteilten Land antreten. Wir sollten das ›Wir‹ an die Stelle oft hasserfüllter ›Die-da-drüben-Sätze‹ oder der Begriffe Ossis und Wessis stellen.«

Holzapfel stellte eine Aktion nach, mit der er 30 Jahre zuvor an genau dieser Stelle bekannt geworden war. Am 13. August 1989 hatte er sich unter völlig anderen historischen Vorzeichen und unter den Augen höchst alarmierter DDR-Grenzer über die »Weiße Grenzlinie« am US-Checkpoint Charlie gelegt. Drei Stunden währte die Ein-Mann-Demonstration. So lange dauerte es, bis sich die damaligen Vertreter der USA und der Sowjetunion über die Zuständigkeiten verständigt hatten. Schließlich beendete die Westberliner Polizei im Auftrag der US-Verantwortlichen die Aktion. Holzapfel wurde in die nächste Polizeiwache gebracht und kam nach wenigen Stunden frei. Die Aktion ging durch die Weltpresse. Holzapfel hat seitdem einen kleinen Kreis von Anhängern, die am Montag auch vor Ort waren und ihr Idol in den höchsten Tönen lobten.

»Er hat damals mit seiner Aktion geholfen, die Mauer zu öffnen«, sagte Alfred Regnet. Der in Bayern geborene Lyriker kennt Holzapfel seit 30 Jahren. Jetzt unterstützte er ihn durch das Verteilen von Flyern. Bald kam er auch auf seine Lyrik zu sprechen und bekundete, Grünen-Wähler zu sein. Doch damit dürfte er im Freundeskreis von Holzapfel eher die Ausnahme sein. Andere Unterstützer trugen gut sichtbar die rechten Wochenzeitungen »Junge Freiheit« und »Preußische Allgemeine Zeitung« in ihren Jackentaschen.

Auch Holzapfel war beim Kampf gegen die ihm verhasste DDR nach rechts weit offen und hat sich mit provokativen Aktionen mit klarer politischer Stoßrichtung in die Diskussion gebracht. So sprühte er schon im Winter 1963/1964 die Parole »Trotz Mauer - ein Volk« sowie auf die DDR bezogen »KZ« an die Mauer an der Bernauer Straße. Bei einer Demonstration für die Freilassung von Gefangenen am 18. Oktober 1965 betrat Holzapfel am Checkpoint Charlie DDR-Gebiet, wurde festgenommen und zu acht Jahren Haft verurteilt. Einige Monate später durch die Bundesregierung freigekauft, genoss er später in rechten Westberliner Kreisen Märtyrerstatus. Auch nach dem Mauerfall sorgte der umtriebige Holzapfel mit seinen Ein-Mann-Aktionen immer wieder für Aufsehen. So wollte er 2009 eine Woche in einer Zelle im einstigen Stasi-Knast Hohenschönhausen verbringen, um die Unmenschlichkeit der Haftbedingungen in der DDR zu demonstrieren.

Zunehmend aber gab es Kritik an Holzapfel. Vor allem wegen seiner Nähe zur politischen Rechten gingen auch langjährige Gefährten des gemeinsamen Kampfes gegen die DDR auf Distanz. So war Holzapfel Mitglied der rechtsextremen »Republikaner«, war für diese Partei für mehrere Monate Fraktionschef im Kreistag der bayerischen Gemeinde Fürstenfeldbruck. Später lobte er die rechte Bewegung »Pro Deutschland«, der er zubilligte, sich gegen Extremisten ausgesprochen zu haben. Zudem war Holzapfel jahrelang Mitglied des extrem rechten Witikobundes, einer von Altnazis gegründeten Vereinigung aus dem Spektrum der Vertriebenen.

Von alldem war am Montag am Checkpoint Charlie keine Rede. Nur einmal wurde die politische Stoßrichtung deutlich: Als eine Passantin mit italienischem Akzent eine der Holzapfel-Unterstützerinnen fragte, ob es bei der Aktion auch um das Schicksal von Geflüchteten im Mittelmeer gehe. »Nein, heute geht es um die Sache von Herrn Holzapfel, der macht sich Sorgen um Deutschland«, lautete die Antwort.

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