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Alles über Menschen wissen, die nicht wir sind

Tim Wolff erklärt die Jagd der »Bild«-Zeitung auf den gambischen Fußballer Bakery Jatta

  • Von Tim Wolff
  • Lesedauer: 3 Min.

Sport, allem voran Fußball, ist ein hochidentifikatorisches Geschäft, an dessen Grundfesten zu rütteln sich von selbst verbietet. Die offensichtliche Korruption, der allgegenwärtige Betrug bei der Vergabe seiner größten Verkaufsveranstaltungen, die bewusste Nachlässigkeit in Sachen Doping, die kriminellen Verstrickungen nicht weniger Protagonisten des vermeintlichen Vereinswesens, das so gemeinnützig wie der gigantische Summen bewegende DFB ist, das allgegenwärtige Gemauschel, mit dem Steuergeld ins lächerlich teure Spiel geschleust wird - all das interessiert kaum, schon gar nicht Sportjournalisten, die von den gleichen Verbrechen leben und sehr wohl wissen, dass sie eine PR-Abteilung darstellen. Doch wissen sie auch um die gesellschaftliche Wirkung ihres Gegenstands und nutzen ihre Macht über vermeintliche Fan- bis nationale Interessen, um mittels Marginalien und Lügen Skandale zu inszenieren und einzelne Spieler zu vernichten. Man hat ja sonst nix Interessanteres zu tun, als ständig Phrasen neu zu mischen.

Besonders dreist präsentiert das gerade die »Bild«-Zeitung mit der Verfolgung eines Spielers des Hamburger SV. »Auf den ersten Blick sieht es aus wie eine neue Schmunzel-Episode des Hamburger SV, des Fußballvereins mit den lustigen Geschichten. Da kickt offenbar ein Profi unter falschem Namen und mit falschem Alter mit. Und keiner merkt›s.« Außer der ach so investigativen »Sport- Bild« und ihrem Mutterblatt unter dem Sportchef Walter M. Straten, der hier so staatstragend kommentiert. Denn es geht ihm nicht nur darum, dass da eventuell noch einer im Massenbetrugsgeschäft Fußball mit einer Lüge durchgekommen ist, es geht um Deutschlands Sicherheit. »Auf den zweiten Blick ist der Fall Jatta sehr viel ernster. Falls sich der Verdacht bestätigt, heißt das: Nicht einmal auf der größten Bühne Deutschlands wissen wir sicher, wer mitspielt. Notfalls kann man sogar in der Bundesliga abtauchen - vor den Augen der Fans im Stadion und Millionen TV-Zuschauern.« Ja, Bakery Jatta, den die »Bild«-Zeitung mit dem »Märchen«, zwinkerzwinker, »Vom Flüchtling zum Bundesliga-Star« erst zur öffentlichen Figur aufgebaut hatte, ist nicht nur einfach ein Fußballspieler, er ist qua Herkunft und Erzählung eine Gefahr. Er taucht ab, wie ein Terrorist, vor unser aller Augen - dabei hat ein jeder Deutscher das Recht, alles über Menschen zu wissen, die nicht wir sind.

Weil Straten weiß, was er da gerade hingeschrieben hat, relativiert er gleich in einer bemerkenswert niederträchtigen Sentenz, für die, sagen wir, sogar ein Schalke-Aufsichtsratvorsitzender sich womöglich ernsthaft schämen würde: »Das einzig Positive: Jatta (oder wie immer er nun wirklich heißt) ist keiner, der uns als Mensch Angst macht. Kein Islamist, Terrorist, Schwerkrimineller. Er will einfach nur Fußball spielen.« Wie großzügig Herrenmenschen doch sein können! Was aber an der Konsequenz wenig ändert: »Die Ahnungslosigkeit und/oder Sorglosigkeit der Behörden macht sprachlos. Aber mit falscher Identität darf das nicht gehen!«

»Bild« will nichts anderes, als einen Gambier aus dem Land zu jagen; denn wenn das bei einem Profifußballer gelingt, ist es bei allen anderen dieser fiesen Flüchtlinge gleich noch einfacher. Es verwundert da nicht, dass Stratens »Kommentar« noch diese Richtigstellung auf der Website angehängt ist: »In einer früheren Artikelversion haben wir versehentlich ein Foto verwendet, welches Jattas HSV-Kollegen Gideon Jung zeigt. ›Bild‹ entschuldigt sich für diesen Fehler und hat diesen mittlerweile korrigiert.« So etwas passiert Rassisten nun einmal, selbst wenn sie sich noch so sehr für die »Identität« eines dunkelhäutigen Mannes interessieren.

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