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Die Löwin von der Oranienstraße

Die Betreiberin des Spätkaufs »Ora 35« verliert ihren Kampf gegen die Zwangsräumung

  • Von Claudia Krieg
  • Lesedauer: 4 Min.

Da können auch Ton Steine Scherben und ihr »Rauchhaussong« nicht mehr helfen: Alle Hoffnung für den Spätkauf Oranienstraße 35 ist dahin, als am Mittwochmorgen um neun Uhr die Kreuzberger Hymne bei der Kundgebung abgespielt wird, die die Grünen-Abgeordnete Canan Bayram anlässlich der Zwangsräumung der »Ora 35« angemeldet hat. Über 100 Menschen sind gekommen, um den bisherigen Betreibern Zekiye und Sakir Tunç ihre Unterstützung zu zeigen und ihren Protest gegen Zwangsräumungen allgemein zum Ausdruck zu bringen.

Kurz zuvor, um 8.30 Uhr, hatte der Anwalt der Familie Tunç, die den Spätkauf über 20 Jahre geführt hatte, den Schlüssel für den Laden an den Gerichtsvollzieher übergeben. Dieser wird, als er wieder auf die Straße tritt, von den versammelten Menschen mit Schimpf und Schande bedacht und verlässt schnell das Terrain. Zekiye Tunç und ihr Ehemann Sakir sind an diesem Morgen nicht selbst vor Ort. Zu schwer wiegt der Verlust ihres Geschäfts. »Die Familie«, erklärt Markus Kammermeier, »ist psychisch und gesundheitlich angegriffen.«

Kammermeier spricht für die Initiative Bizim Kiez. Er ist sichtlich bewegt, als er sagt, man nehme der Familie Tunç, vor allem Zekiye, der »Löwin von der Oranienstraße«, nicht nur den alltäglichen Erwerb, sondern auch »ihre Identität«. Wie könne es sein, so Kammermeier, dass eine Immobilienfirma in Hamburg die Aussage treffe, dass es »auf einen Späti mehr oder weniger« nicht ankommt? Man werde sich, sagt der Kreuzberger, weiter für einen lebenswerten Kiez einsetzen.

Zweieinhalb Jahre haben die Familie, Anwohner*innen und Politiker*innen um den Erhalt des Spätkaufs »Ora 35« in der Kreuzberger Oranienstraße gekämpft. Die Immobilienfirma Bauwerk-Immobilien GmbH hatte das Gebäude 2017 gekauft und wollte die doppelte Miete statt der bisherigen 1350 Euro - indem die nicht nutzbaren Kellerräume in die vermietete Ladenfläche mit einberechnet werden sollten: ein Mietpreis von faktisch über 40 Euro pro Quadratmeter. Als Zekiye Tunç die neue Miete verweigerte, drohte Bauwerk-Immobilien mit der ersten Räumung des Kiez-Spätis.

Die Betreiber schalteten daraufhin einen Anwalt ein, der einen Gegenvorschlag erarbeitete und ihn an die Geschäftsführerin der Firma, Anke Polster, übergab. Die Bezirksverordnetenversammlung Friedrichshain-Kreuzberg verabschiedet parallel eine Resolution zum Verbleib des Ladens, Bundestagsabgeordnete von LINKE, Grüne und SPD verfassen Briefe, über 3500 Menschen unterschreiben Postkarten gegen die Verdrängung des Oranien-Spätis. Geholfen hat das alles nicht, »mit Schweigen und Gesten der Einschüchterung hat man die Gesprächsversuche seitens der Familie beantwortet«, schreibt die Initiative Bizim Kiez.

Canan Bayram hat Zekiye Tunç in dieser Zeit im Kampf um ihre Existenz begleitet. Bayram schildert gegenüber »nd«, wie sie zuletzt am Dienstag versucht hat, Anke Polster in einem Telefongespräch zu einer anderen Entscheidung zu bewegen. »Sie war sehr hart am Telefon und sagte, sie wolle mit der Familie nichts zu tun haben«, erzählt Bayram. Da habe auch die kämpferische Zekiye Tunç verstanden, dass es vorbei sei mit ihrem Laden. Dann habe die Familie das Geschäft ausgeräumt. Eine Blockade bei der Zwangsräumung habe sie nicht gewollt, auch um von zukünftigen Vermietern nicht nachteilig beurteilt zu werden.

»Das hat nichts mehr mit unterschiedlichen Interessen zu tun, was hier in Berlin stattfindet«, sagt die Grünen-Politikerin, »das ist nur noch einseitige Gier und eine völlig kranke Spirale.« Es mache sie wütend und traurig zugleich, wie das Kiezleben in Kreuzberg nachhaltig zerstört werde.

Das Land Berlin setzt sich unterdessen für eine bundesweite Mietpreisbremse für Gewerberäume ein. Der rot-rot-grüne Senat beschloss am Dienstag eine entsprechende Initiative. Der Bund soll den Ländern ermöglichen, Gebiete mit angespannten Märkten für Geschäftsräume zu bestimmen, in denen die Mietpreisbremse dann gilt - für Neuvermietungen. Stark steigende Gewerbemieten verdrängten vielfach inhabergeführte kleine Geschäfte aus den Innenstädten, erklärt dazu Berlins Justizsenator Dirk Behrendt (Grüne). Das gelte auch für soziale Einrichtungen wie Kindergärten. Zwischen 2009 bis 2018 seien Preissteigerungen um mehr als 40 Prozent bei Gewerbemieten in Berlin keine Seltenheit, in bestimmten Lagen hätten sie um bis zu 266 Prozent zugelegt.

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