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»Es fehlt Ihnen an Härte«

Egon Krenz über das letzte Jahr der DDR sowie die Deutschen und die Russen

  • Von Siegfried Prokop
  • Lesedauer: 5 Min.

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Bruderkuss – Egon Krenz und Michail Gorbatschow am 1. November 1989 in Moskau
Bruderkuss – Egon Krenz und Michail Gorbatschow am 1. November 1989 in Moskau

Noch liegt keine umfassende marxistische Analyse über den weltpolitischen Umbruch 1989 bis 1991 vor. Egon Krenz führt dies darauf zurück, dass »manche linke Partei« mit gebeugtem Rücken den Geßlerhut grüßt, statt selbstbewusst und durchaus selbstkritisch mit diesem Erbe als ihrem eigenen umzugehen. Wichtig für ihn sei dagegen die Suche nach Antworten, wie man es besser, klüger und erfolgreicher machen könnte als in der DDR geschehen.

Der letzte SED-Generalsekretär, der die teils auch heftigen Auseinandersetzungen zwischen den Führungen der UdSSR und der DDR über Jahre in der ersten Reihe miterlebt hat, teilt dem Leser durchaus viele aufschlussreiche Details mit. Jedoch vermeidet er es, einzelne Politiker mit dem kollektiven Wollen der Sowjetunion zu verwechseln. Bedenklich findet er es, dass die heute in Deutschland Regierenden dabei sind, das zu DDR-Zeiten errungene freundschaftliche Verhältnis zu den Russen aufs Spiel zu setzen.

Beeindruckend ist seine Schilderung der dramatischen Konfrontation zwischen DDR und Sowjetunion im Sommer 1984. Im Juni fand in Moskau eine Tagung der Mitgliedsstaaten des RGW in Moskau statt, zu der Erich Honecker ihn mitgenommen hatte. Beim Betreten des Georgij-Saales fiel Krenz die steife Atmosphäre der Veranstaltung auf. Einige Delegationen saßen frühzeitig auf ihren Plätzen, eine lockere gegenseitige Begrüßung wie sonst üblich bei derartigen Begegnungen fand nicht statt. Um 11.30 Uhr öffneten sich die großen Flügeltüren des Saales und das Politbüro der KPdSU marschierte ein, in der Mitte der altersschwache Generalsekretär Konstantin Tschernenko, gestützt vom wesentlich jüngeren Michail Gorbatschow und dem Ministerratsvorsitzenden Nikolai Tichonow. Erich Honecker meinte: »Peinlich, nicht wahr?« Krenz stimmte zu. »Du musst unbedingt aufpassen«, mahnte Honecker noch, »dass uns das niemals passiert.«

In der Pause lud Verteidigungsminister Dmitri Ustinow, zugleich Mitglied des Politbüros der KPdSU, Krenz zu einem Glas Tee ein. Ustinow stellte die Frage: »Meinen Sie nicht, dass die Zeit Ihres Generalsekretärs abgelaufen ist? Wollen Sie dies nicht in Ihrem Politbüro besprechen?« Krenz, den die Frage überraschte, antwortete diplomatisch. Honecker stand im Zenit seiner politischen Laufbahn. An einen Sturz war 1984 nicht zu denken. Anschließend erfuhr Krenz von Honecker, dass Tschernenko ihm mitgeteilt habe, die Sowjetunion würde ihre Rohstofflieferungen an die DDR bis 1990 auf dem bisherigen Niveau fortsetzen. Diese Zusicherung sei jedoch an eine Zusage der DDR gebunden, keine »ungerechtfertigten Zugeständnisse« an die Bundesrepublik zu machen.

Am 27. Juli 1984 erschien in der »Prawda« ein Artikel, der die revanchistische Politik der BRD attackierte. Geübte Zeitungsleser fanden schnell heraus, dass der Angriff sich in Wirklichkeit an die Adresse der DDR richtete. Ein zweiter, noch schärferer Artikel der »Prawda« folgte. Moskau gefiel nicht, dass die DDR auf die Stationierung von Pershing- Raketen und von Cruise Missiles in der Bundesrepublik mit einer Politik der »Schadensbegrenzung« reagierte. Schlimmer noch: Zur Raketenstationierung in beiden deutschen Staaten erklärte Honecker: »Weg mit dem Teufelszeug!« Moskaus Politik in Bezug auf den Westen war damals jedoch auf eine »Eiszeit« ausgerichtet.

Honecker blieb hart. Er bestand auf einer Klärung der Positionen. Am 17. August 1984 kam es zu einem erneuten, diesmal geheimen Treffen zwischen Tschernenko und Honecker in Moskau. Honecker forderte zu einem »Uhrenvergleich« auf. Also war Gorbatschow, wie Krenz betont, nicht der Erste, der mahnte, die Zeichen der Zeit richtig zu deuten. Marschall Ustinow, der an der Beratung teilnahm, ging den SED-Generalsekretär direkt an: »Es fehlt Ihnen an Härte in den Beziehungen mit der BRD.« Und Gorbatschow, von dem sich Honecker Unterstützung erhofft hatte, entpuppte sich als Wortführer der Kritiker. Er warf Honecker vor, einen Besuch in Bonn vorzubereiten und westdeutsche Kredite anzunehmen. Das habe, resümiert Krenz, zum Vertrauensbruch zwischen beiden geführt, den Honecker nicht verwinden sollte. Er erklärte zwar abschließend, es sei Sache der SED, über einen Staatsbesuch in der Bundesrepublik zu entscheiden, die geplante Reise wurde nach der Konfrontation vom 17. August ›84 dennoch abgesagt.

Gestützt auf sein Privatarchiv und ein exorbitantes Erinnerungsvermögen, berichtet Krenz über das letzte Kapitel der DDR-Geschichte und die Rolle der Russen in diesem. Wichtige Dokumente werden als Faksimile abgedruckt. Hingewiesen sei hier auf den Befehl vom 3. November 1989 unter der Ägide von Krenz: »Keine Gewalt, die Anwendung der Schusswaffe ist verboten.« Der Autor polemisiert gegen »Verfälschungen« der Dialogpolitik am 8. Oktober 1989 in Leipzig durch solche westdeutsche Politiker wie den späteren Bundespräsidenten Horst Köhler. Aber auch selbstkritische Bemerkungen findet man in diesem Buch, was bei Veröffentlichungen von Zeitzeugen, die in maßgeblichen Funktionen agierten, eher selten ist.

Einige Irrtümer seien hier korrigiert. Der Hohe Kommissar Wladimir Semjonow nahm nicht von 1949 bis 1954 (an anderer Stelle bis 1955) an den Politbürositzungen der SED teil, sondern lediglich an den wichtigsten zwischen Juni und Juli 1953. Der Strauß-Kredit 1983 wurde doch abgerufen. Die USA hoben ihren Kreditboykott gegenüber der DDR zunächst nicht auf. Vom zweiten Strauß-Kredit, einem Drei-Milliarden-Kredit von 1984, brauchte nur noch die erste Rate abgerufen werden, weil die Kreditfähigkeit der DDR inzwischen im westlichen Ausland anerkannt wurde. Honecker sprach in seinen »Moabiter Notizen« davon, 1987 (und nicht 1986) aus dem »Weißen Haus« in Washington Kunde über westliche Pläne zur Liquidierung der DDR erhalten zu haben.

Anzumerken ist auch, dass nicht jeder - wie hier zu lesen - von DDR-Bürgern mit der Bundesbahn gefahrene Kilometer in Valuta bezahlt werden musste. Es ging damals um die Differenz zwischen den von Bundesbürgern mit der Deutschen Reichsbahn und den von DDR-Bürgern mit der Bundesbahn gefahrenen Kilometern. Da wesentlich mehr DDR-Bürger in die Bundesrepublik fuhren als umgekehrt und diese territorial größer war, machte diese Differenz 1988 immerhin 100 Millionen Valutamark aus, die die DDR an die Bundesrepublik zu zahlen hatte. Trotzdem: ein interessantes Buch.

Egon Krenz: Wir und die Russen. Die Beziehungen zwischen Berlin und Moskau im Herbst ‹89. Edition Ost, 304 S., geb., 16,99 €.

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