Werbung

Lästerlustiger Wortakrobat

Altonaer Museum widmet dem Dichter Peter Rühmkorf zum 90. Geburtstag eine Ausstellung

  • Von Volker Stahl, Hamburg
  • Lesedauer: 4 Min.

Bei uns droht die ABOkalypse!

Wir brauchen zahlende Digitalleser/innen.

Unterstütze uns und überlasse die Informationsflanke nicht den Rechten!

Mach mit! Dein freiwilliger, regelmäßiger Beitrag:

Was soll das sein

Wir setzen ab sofort noch stärker auf die Einsicht der Leser*innen, dass linker Journalismus auch im Internet nicht gratis zu haben ist – mit unserer »sanften« nd-Zahlschranke.

Wir blenden einen Banner über jedem Artikel ein, verbunden mit der Aufforderung sich doch an der Finanzierung und Sicherstellung von unabhängigem linkem Journalismus zu beteiligen. Ein geeigneter Weg besonders für nd-Online-User, die kein Abo abschließen möchten, die Existenz des »nd« aber unterstützen wollen.

Sie können den zu zahlenden Betrag und die Laufzeit frei wählen - damit sichern Sie auch weiterhin linken Journalismus.

Aber: Für die Nutzung von ndPlus und E-Paper benötigen Sie ein reguläres Digitalabo.

»Hundert Jahre / und noch alle Haare / grenzt das nicht / ans Wunderbare!?« Diese Zeilen widmete der Lästerlyriker Peter Rühmkorf dem Dichterkollegen Ernst Jünger zu dessen 100. Geburtstag. Ein typisches Bonmot von Rühmkorf, der zeitlebens zwischen Hoch- und Subkultur changierte. Am 25. Oktober wäre der Dichter 90 Jahre alt geworden. Das Altonaer Museum widmet ihm die Ausstellung »Lass leuchten!«

Im gleichlautenden Titel eines Rühmkorf-Gedichts klingt der aufklärerische Impetus an, der das Werk des Wortakrobaten begleitet. Rühmkorf hat sich stets positioniert: Gegen die Wiederaufrüstung, für die SPD. Gegen den Springer-Konzern, für das freie, kritische Wort. »Rühmkorf konnte nicht trennen zwischen Kunst und Politik«, so Susanne Fischer, die die Schau mitkonzipiert hat.

Bei einer kleinen Plauderei in seiner Dachkammer mit Elbblick in Hamburg-Oevelgönne sah Rühmkorf zehn Jahre vor seinem Tod mit gemischten Gefühlen auf seine Jugend zurück. Schon als Kind hatte es der in Dortmund Geborene nicht leicht. Er ist der Abkömmling eines höchst gegensätzlichen Elternpaares. Sein »kreuzprotestantisches Mütterchen« Elisabeth Rühmkorf war die Tochter des Superintendenten von Otterndorf an der Elbe; sein Vater war ein reisender Puppenspieler, der sich »ohne Angabe von Gründen« vor Peters Geburt verflüchtigt hatte. Für dörfliche Verhältnisse war die kurze, aber folgenreiche Liaison zwischen der Pastorentochter und dem Hallodri ein spektakulärer Sündenfall. Die wackelige Stellung des kleinen Peter wurde durch das »enthüllungsgeile Gefrage« nach dem Verbleiben des Erzeugers und durch Neckereien (»Kaspar, Kaspar«) immer wieder erschüttert. Später wusste sich der große Peter mit intellektuellem Spott zu wehren: »Die Menschheit ist ja nicht gut und die Landbevölkerung auch nicht viel besser, und unter Umständen kann sie sogar biestig werden.«

Rühmkorfs frühe Jahre in Warstade und in Stade, wo er die »Paukanstalt« Athenaeum besuchte, sind im Ausstellungsraum, der sich seinen Lebensthemen widmet, dokumentiert. Im Zentrum steht jedoch der »Raum der Gedichte«, in dem zehn lyrische Texte Rühmkorfs in Großprojektionen inszeniert und von Prominenten auf Knopfdruck erklärt werden. Zwei weitere Räume beschäftigen sich mit »Jazz und Lyrik« und dem Theater. »Wir wollten keine Bücher hinter Glasvitrinen zeigen«, sagt Anja Dauschek, Direktorin des Altonaer Museums. »diese Ausstellung ist anders - ein Tauchgang in sein Werk und sein Leben.« Und der macht Spaß, denn man hat kaum Zeit Luft zu holen, so facettenreich war Rühmkorfs Leben. Er liebte die Lyrik, die Damen (»Mein Verhältnis zu Frauen war positiv«), den Alkohol. Er war auch ein Kiffer, der den Stoff auf seinem Landsitz im schleswig-holsteinischen Roseburg selbst anbaute. So ist die Zigarettendose »Kim« aus Rühmkorfs Besitz zu bestaunen, die auf der Schautafel als »Markenartikel für Hanfaufbewahrung« erklärt wird.

Ja, Rühmkorf war ein Provokateur, dem es ein himmlisches Vergnügen bereitete, nicht nur Liebesgedichte über »Tittenpuddinge« zu schreiben, sondern auch konservative Politiker wie Adenauer und Strauß durch den Kakao zu ziehen. Die kamen auch in seiner Kinderreim-Sammlung zur Sprache, die er 1967 unter dem Titel »Über das Volksvermögen« publizierte - und damit Kleingeister, Kapitalisten und Klerus verschreckte. Die Reime sind - wegen ihres teilweise obszönen Inhalts - an einer Flüsterwand zu hören. Kostprobe gefällig? »Langsam zieht durch Mamas Bauch / Papas lange Gurke / Und schon nach neun Monaten/Kommt ein kleiner Schurke.«

Zu Rühmkorfs Tragik gehört, dass das in 14 Auflagen erschienene »Volksvermögen« neben seiner 90 000 mal verkauften Monografie über den Dichterkollegen Wolfgang Borchert zu seinen erfolgreichsten Büchern gehört. Seine Lyrik war stets einem speziellen Publikum vorbehalten, denn Mainstream war der Mann nie. Und so ist zu hoffen, dass der Wunsch des Mäzens Philipp Reemtsma, der sich beim Rundgang über die »wunderschönen Abdrucke der Rotweinflaschen« auf dem Schreibtisch von Rühmkorf freute, in Erfüllung geht: »Ich hoffe, dass diese Ausstellung die Besucher dazu bringt, die Bücher des Autors aufzuschlagen.«

LASS LEUCHTEN! Peter Rühmkorf zum Neunzigsten. Eine Ausstellung der Arno-Schmidt-Stiftung im Altonaer Museum in Hamburg, bis 20. Juli 2020, Mo 10-17 Uhr, Mi-Fr 10-17 Uhr, Sa+So 10-18 Uhr

ndPlus

Ein kleiner aber feiner Teil unseres Angebots steht nur Abonnenten in voller Länge zur Verfügung. Mit Ihrem Abo haben Sie Vollzugriff auf sämtliche Artikel seit 1990 und helfen mit, das Online-Angebot des nd mit so vielen frei verfügbaren Artikeln wie möglich finanziell zu sichern.

Testzugang sichern!