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Bedingt abgehängt

Nicht alle Menschen in strukturell schwachen Regionen fühlen sich abgehängt.

  • Von Marion Bergermann
  • Lesedauer: 3 Min.

Wie gut oder schlecht Einwohner*innen die Lebensbedingungen in ihrem Wohnort empfinden, hat mit ihrem Gefühl zu tun, ob es aufwärts oder abwärts geht in ihrer Region. Zudem lässt sich nicht so einfach in abgehängtes Land und prosperierende Städte unterscheiden.

Das sind Ergebnisse einer Studie des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung sowie der Wüstenrot Stiftung, die beide am Donnerstag gemeinsam in Berlin vorstellten. Im von ihnen herausgegebenen »Teilhabeatlas« geht es um die Lebensverhältnisse der Menschen in Deutschland und wie sie diese selbst wahrnehmen.

Um über Teilhabe zu sprechen, muss man diese erst definieren. Der Direktor des Berlin-Instituts, Reiner Klingholz, bestimmte gesellschaftliche Teilhabe als »Zugang der Menschen zum sozialen Gemeinwesen und dessen Errungenschaften«, also wie die Chancen sind, etwa einen Job zu finden, Ärzt*innen oder Schwimmbäder in der Nähe zu haben und wie hoch die durchschnittliche Lebenserwartung ist. Am besten sieht es laut Studienergebnissen für die Menschen in Baden-Württemberg, Teilen Bayerns und im südlichen Hessen aus. Die wenigen Regionen, die nördlich davon sehr gute Teilhabechancen bieten, liegen mit Ausnahme des brandenburgischen Dahme-Spreewald-Kreises alle im Westen Deutschlands.

Vor allem zeigt die Studie, dass Einwohner*innen diese Zugänge und eigenen Perspektiven auch an der Wahrnehmung von Ab- oder Aufschwung ihrer Region oder Stadt festmachen. Wenn sich etwas im direkten Umfeld ändert, eine Schule oder Laden schließt, erfahren Menschen das als Abstieg, auch wenn sich die Region insgesamt positiv entwickelt. »Wenn Perspektiven fehlen und der Niedergang als chronisch erlebt wird, entsteht das Gefühl, abgehängt zu sein«, schreiben die Autor*innen. Das war etwa in Cottbus oder in Mansfeld-Südharz der Fall. Umgekehrt, wenn Leute das Gefühl haben, es gebe einen Aufwärtstrend in ihrer Region, schätzen sie ihre eigenen Möglichkeiten optimistisch ein.

»Es gibt manche Regionen, da jammern einige auf hohem Niveau«, sagte Klingholz. Er sprach zudem von einer »Zufriedenheit der Genügsamen«, denen ein guter Gemeinsinn wichtiger sei. Das fanden die Wissenschaftler*innen heraus, indem sie statistische Daten der 401 Landkreise und Städte in Deutschland verglichen und Interviews mit Einwohner*innen in 15 Regionen führten.

Die Befragung ist zwar nicht repräsentativ, es kamen 300 Menschen zu Wort, repräsentativ wird es ab 1000 Befragten. Aber sie zeigt, dass die Menschen ihre Teilhabechancen weitgehend realistisch einschätzten im Vergleich zu den statistischen Daten über Quoten von Sozialleistungsempfänger*innen, Einkommenshöhe, die Erreichbarkeit von Ärzten, Verfügung schnellen Internets.

»Es gibt insgesamt bessere Versorgungs- oder Teilhabemöglichkeiten in den Städten«, sagte Klingholz. Das gilt für Ost und West. Was aber die durchschnittlichen Haushaltseinkommen angeht, lässt sich auf der Deutschlandkarte im Teilhabeatlas die ehemalige Grenze nachziehen. Für LINKE-Fraktionsvorsitzender Dietmar Bartsch zeugt das »von dramatischem Politikversagen«.

Klingholz appellierte an die Bundesregierung, die im Juli bekanntgab, dass gleichwertige Lebensverhältnisse »zur Richtschnur für alle künftigen Vorhaben« werden sollten, die unterschiedlichen Lebensbedingungen zu akzeptieren. Die Politik müsse nach Lösungen suchen, »die sich an den jeweiligen regionalen Möglichkeiten und Bedürfnissen orientieren.« Die Studienautor*innen plädieren dafür, Kommunen mehr Entscheidungsbefugnis zukommen zu lassen und ihnen unkomplizierter Fördermittel zur Verfügung zu stellen.

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