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  • Chemnitz - Ein Jahr danach

Wenn ein Neonazi den MDR lobt

Sender führt seine umstrittene Diskussion zu einer Dokumentation über die Ausschreitungen von Chemnitz mit einem geänderten Konzept durch

  • Von Johannes Süßmann
  • Lesedauer: 3 Min.

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Hass und Hetze: Rechte Gruppen marschierten 2018 durch Chemnitz. Der MDR hat dazu eine Dokumentation gedreht.
Hass und Hetze: Rechte Gruppen marschierten 2018 durch Chemnitz. Der MDR hat dazu eine Dokumentation gedreht.

Chemnitz. Am Ende waren doch fast alle gekommen: Margarete Rödel von der Grünen Jugend, Professorin Olfa Kanoun von der TU Chemnitz und auch AfD-Mitglied und »Pro Chemnitz«-Ordner Arthur Österle. Sie alle saßen bei der Vorpremiere der MDR-Dokumentation »Chemnitz - Ein Jahr danach« am Donnerstagabend im Saal eines Chemnitzer Kinos und debattierten im Anschluss miteinander.

Auf dem Podium aber saßen sie, anders als ursprünglich geplant, nicht. Dessen Zusammensetzung - auch die Chemnitzer Oberbürgermeisterin Barbara Ludwig (SPD) war geladen - war nach der ersten Ankündigung des MDR vor allem wegen AfD-Mann Oesterle auf derart harsche Kritik gestoßen, dass nach Rödel auch Ludwig ihre Teilnahme abgesagt hatte. Der MDR blies die Debatte daraufhin ab. Stattdessen stellten sich nun drei Verantwortliche des MDR den Fragen des Publikums. Und als erster meldet sich: Oesterle.

Der wettert aber nicht etwa über einseitige Berichterstattung oder »Lügenpresse«. Oesterle sagt, er wolle dem Team des MDR seinen Respekt entgegenbringen für den Film. Dieser sei seit Jahren der erste Versuch, einen Dialog zwischen verschiedenen Gruppen anzustoßen. »Mit dem Ergebnis bin ich sehr zufrieden«, sagt Österle: »Wir sind auf einem guten Weg.«

Das kommt nicht gut an. Der erste Gegenredner kritisiert, er finde es nicht richtig, »solchen Leuten so viel Spielraum in den Medien zu geben«: Kurze Unruhe im Saal, doch die MDR-Verantwortlichen auf dem Podium wehren sich. Der Film sei nun mal ein Spiegel der Realität, sagt Redakteurin Anja Riediger: »Wir finden, man muss es einfach zeigen.«

MDR-Programmdirektor Wolf-Dieter Jacobi ergänzt, es sei wichtig, die Lebenswirklichkeit abzubilden. Im Übrigen sei die Frage, ob denn nun mit Rechten zu reden sei oder nicht, noch nicht ausdiskutiert und so leicht auch nicht zu beantworten. Dies führe zu Problemen und Konflikten, »und denen müssen wir uns auch stellen«.

Der Zündstoff ist damit erst mal dahin. Es folgen Redner, die den Film nicht rundum loben, sondern nüchtern-sachlich kritisieren. Manchen kam der Auslöser der Ausschreitungen vor einem Jahr, der gewaltsame Tod des Chemnitzers Daniel H. am 26. August 2018, zu kurz. Andere kritisieren das Fehlen von Positionen der »bürgerlichen Mitte« oder von Hintergründen zu rechtsextremen Strukturen in der Region und der rasanten Mobilisierung der Szene in den Tagen nach der Tat.

Andere halten dem Film zugute, ein Schritt hin zu mehr Dialog in der Stadt zu sein, der verschiedene Stimmen und Sichtweisen wiedergebe und bedanken sich für die differenzierte Darstellung. Einer sagt, die Stadt sei im Wandel begriffen, und zwar zum Positiven. So dass MDR-Redakteur Jörg Wildermuth schon zur Halbzeit resümiert, ihm gefalle die Bereitschaft zum Dialog, die aus den Beiträgen hervorgehe: »Das Aufeinanderzugehen finde ich aus diesem Abend eine gute Erkenntnis.«

Doch immer wieder gibt es auch Redner, die auf die festgefahrene Lage in der Stadt hinweisen, auf die Spaltung, die die gewaltsamen Ausschreitungen vor einem Jahr ausgelöst haben. Gegen Ende fasst sich Professorin Kanoun ein Herz. Die gebürtige Tunesierin lebt seit mehr als zehn Jahren in Chemnitz. Sie habe festgestellt, sagt Kanoun, »dass wir immer noch über dasselbe reden und vergessen, was Chemnitz ist«. Es gebe so viele wunderbare und offene Menschen in der Stadt. Doch zum Diskutieren gehöre auch, »die andere Perspektive aufzunehmen und nicht abzulehnen«. Und mit Blick auf Zugewanderte betont die Professorin: »Wir müssen die Leute integrieren und nicht sagen, die müssen sich integrieren.« Dafür erntet sie Applaus. epd/nd

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