Wenn die Doppelmoral marschiert

Wolffs Müllabfuhr nimmt sich diese Woche den Chefredakteur der »Welt am Sonntag«, Johannes Boie, vor

  • Von Tim Wolff
  • Lesedauer: 3 Min.

Seit die Realität sich vulgärmarxistisch verhält und die Klimakatastrophe die Widersprüche und Widerwärtigkeiten des Kapitalismus aufflammen lässt, stehen sogar in der »Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung« unter der Überschrift »Der Wald brennt auch unseretwegen« solche Sätze: »Überall auf der Welt beuten arme Länder ihre Rohstoffe aus, um reich zu werden. Und reiche, um noch reicher zu werden ... Auch der Westen verdankt seinen Wohlstand nicht der Hand Gottes, sondern rücksichtslosem Fortschritt.« Und wenn die Zeitung für Deutschland so etwas schreibt, treibt das, nach herrschender Logik, der Alternative für Deutschland die Wähler zu. Denn rückt man so weit nach links, Offensichtliches der Ausbeutung von Natur und Mensch zu Gunsten des »Westens« zu benennen, kann das kein echter Deutscher akzeptieren; ist er doch seit je her, nicht zuletzt von »FAZ« und Co., dazu angeregt, sich als Zahlmeister, als Opfer der Welt zu erachten.

Zum Glück gibt es aber noch die »Welt am Sonntag«, wo Chefredakteur Johannes Boie genau diese blöde Behauptung, die Unsensibilitäten einer vermeintlichen Linken verursachten Rechtsextremismus, mal wieder aufführt. Zum bekannten Zweck: Nazis das Gefühl zu geben, sie seien keine. »Vor weniger als einem Jahr hat Renate Künast«, hebt er an - und weil der Name wohl noch nicht genügend Wut in seinem Publikum auslöst, setzt er noch geschickt ein »(Grüne)« hinten dran -, »hat Renate Künast (Grüne) Menschen zu Recht juristisch belangt, die ihr in sozialen Medien wie Twitter und Facebook ein gefälschtes Zitat untergeschoben hatten.« Das gönnerhafte »zu Recht« lenkt vom autoritären Charakter Boies ab, der glaubt, eine beliebige Politikerin könne Menschen juristisch belangen. Aber er erzählt das ohnehin nur, weil er will, dass ihr so etwas geschieht. »Am Donnerstag nun polterte die ehemalige Verbraucherschutzministerin selbst auf Twitter zu einem Bild von Boris Johnson und Emmanuel Macron: ›Wer ist der unhöfliche Mann auf der rechten Seite des Bildes?‹« Ja, diese grüne Kuh, poltert mit Worten wie »unhöflich«! Statt wie Menschen nur falsche Zitate unterzuschieben. Das ist, na klar, »Doppelmoral« - also circa zweimal mehr, als ein Wams-Chef ertragen kann.

»Der britische Premierminister hatte ... mit seinem rechten Fuß kurz einen Schemel berührt. Wie sich herausstellte, hatte Macron ihn zu der Bewegung quasi herausgefordert, die beiden hatten wohl über das Möbel und seine Eignung als Fußablage gescherzt ... Künast wurde sofort darauf hingewiesen, ihr Tweet steht aber bis heute unkorrigiert im Netz«, heult Boie. Das ist aber nicht so beliebig, wie es scheint, denn: »Doppelmoral regierte auch am Samstag bei der Demo ›Unteilbar‹ in Dresden.« Weil dort Deutschlandfahnen unerwünscht waren, was »geschichtsvergessen« sei. Spätestens hier ist klar: Boie gehört zu denen, die berechtigte Vorwürfe gegen neue Nazis einfach auf ihre Gegner ummünzen, um den sogar von der »FAZ« Verlassenen zu schmeicheln.

»Wer genau lauscht, kann vielleicht sächsische AfD-Sympathisanten beim Blick auf die Demo murmeln hören: ›Warum werde ich in die rechte Ecke gestellt - und da unten marschiert die SPD mit der linksradikalen Antifa in einem Zug, in dem Deutschlandfahnen unerwünscht sind?‹« Auch das »marschiert« ist Projektion. Und weder murmeln AfD-Sympathisanten noch stelzen sie so wie Burschen, die fürs Schreiben zu hoch bezahlt werden - aber sie verstehen, was gemeint ist: nämlich die Aufforderung, es allen Linksradikalen von Künast bis zur SPD zu zeigen. »In einer Woche wird der Riss bei den Wahlen in Sachsen wieder greifbar werden. Die ›Unteilbar‹-Teilnehmer sollten ihre Empörung über den Erfolg der AfD dann am besten auf Twitter teilen. Wie Renate Künast zeigt, kann man sich dort Reflexion und Selbstkritik sparen.« Weswegen Boie und die Seinen das einmal werden einprügeln müssen.

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