Erst großes Erbsenzählen, dann wird angerichtet.

Prozente, Sitze, Punkte?

Ohne Mathematik läuft bei Wahlen so gut wie gar nichts

Von Mike Mlynar

Wahlen sind nicht nur Politik, sondern auch Mathematik. Letztere liefert die IT-Modelle für Prognosen und Hochrechnungen. Und auch die ziemlich verzwickten Verfahren, nach denen die Stimmanteile der Parteien (Prozentsätze) gemäß dem Verhältnis- und Personenwahlrecht letztendlich in Parlamentssitze umgerechnet werden. Nach dem Erbsenzählen wird also angerichtet.

Das klingt einfach, doch der Teufel steckt im Detail. Nicht zuletzt deshalb sind in Deutschland noch drei verschiedene Verfahren üblich - ob mehr aus mathematischen oder mehr aus politischen Gründen, sei dahingestellt. So werden im Land Brandenburg die Sitze nach dem Hare-Niemeyer-Verfahren berechnet, in Sachsen nach der D’Hondt-Methode und bei Bundestagswahlen zum Beispiel nach der von Sainte-Laguë/Schepers.

Ausgeschlossen werden sollen Fälle wie nach der Landtagswahl 2005 in Schleswig-Holstein. Da erreichte eine Dreier-Regierungskoalition zwar 48,3 Prozent der Stimmen und laut Berechnung 34 Sitze, für die Opposition aber wurden bei 46,9 Prozent der Stimmen mit der gleichen Methode 35 Sitze errechnet. Doch auch bei weniger krassen Fällen geht es um jeden Sitz, denn jeder Sitz beeinflusst den Machtindex der jeweiligen Partei. Besonders bei den jetzigen Landtagswahlen könnte es in der Nachwahlzeit noch etliche wahltechnische Querelen mit machtpolitischem Hintergrund geben. Möglicherweise bis hin zu den Landesverfassungsgerichten.

Mathematik kann nach Wahlen öffentlich aber auch irritieren und zu falschen Schlüssen führen. Ein Beispiel dafür liefern häufig die Begriffe »Prozent« und »Prozentpunkt«. »Prozentpunkt« bezeichnet den absoluten Unterschied zwischen zwei relativen Angaben. Die Zunahme um 3 Prozentpunkte bedeutet, dass eine Partei, die zum Beispiel bei der vorherigen Wahl 20 Prozent der Stimmen erreichte, nun 23 Prozent erhielt.

Nehmen wir an, 2014 hatte die X-Partei bei Landtagswahlen gegenüber 2009 eine Zunahme um 10 Prozentpunkte zu verzeichnen. 2019 musste nun allerdings eine Abnahme um 6 Prozentpunkte festgestellt werden. Insgesamt jedoch hat die X-Partei ihren Stimmenanteil innerhalb dieser 10 Jahre um 10 Prozent vergrößert. Wie viel Prozent der Stimmen hat sie dann bei der Landtagswahl 2019 erhalten? Mike Mlynar