Nicht preußischer Sand allein

Bücher zum Fontanejahr

Von Mario Pschera

Man könnte geneigt sein, den alten Herrn mit dem markanten Schnauzbart für einen totgerittenen Gaul zu halten, der durch die ewige Streusandbüchse kraucht. Zu viele Jubiläen hat Fontane, der 1898 in Berlin starb, über sich ergehen lassen müssen. Und dass er quasi als preußischer Nationaldichter herhalten musste, macht die Sache nicht besser.

Dabei war Fontane so ziemlich das Gegenteil eines pflicht- und ordnungsversessenen Eitel-Egberts: abgebrochener Gewerbeschüler, glückloser Apotheker, Barrikadenkämpfer, armer Poet. Die ständigen Geldsorgen trieben ihn schließlich als Korrespondenten und preußischen Einflussagenten nach London, nach der Geburt des ersten Sohnes in die Redaktion der stockreaktionären »Neuen Preußischen Kreuzzeitung«. Erst 1876 traute er sich wieder, allein als freier Schriftsteller zu arbeiten. Ohne seine Frau Emilie an seiner Seite - am 14. November 1824 als uneheliches Kind in Dresden geboren - wäre Fontane nicht der geworden, der er war. Sie teilte mit ihm die prekäre Existenz, schrieb seine Manuskripte ins Reine, hatte teil an seinen Projekten und Ideen. Die Briefe, die beide einander schrieben, füllen an die drei Bände. Eine Auswahl hat der Fontane-Forscher Gotthard Erler besorgt: »Die Zuneigung ist etwas Rätselhaftes. Eine Ehe in Briefen«, und es ist in der Tat erstaunlich, welche Höhen und Tiefen die beiden durchschritten, ohne voneinander zu lassen. Ein Verdienst dieser Sammlung ist es, Emilie aus dem Schatten ihres Mannes zu holen und die materielle Kultur des 19. Jahrhunderts anhand einer Künstlerehe zu veranschaulichen. Damit wird Fontane im besten Sinne vom Denkmalsockel geholt.

Einen anderen Ansatz, Fontane vom märkischen Sandstaub zu befreien, verfolgt Iwan-Michelangelo D’Angelo mit »Fontane. Ein Jahrhundert in Bewegung«. Das 19. Jahrhundert raste: Dampf- und Elektrizitätsmaschinen beschleunigten Ökonomie und Kommunikation, Eisenbahn; Telegraf und Dampfschiff ließen Entfernungen schrumpfen, und Metternichs Balance der Feudalmächte geriet ins Rutschen. Als Journalist war Fontane mittendrin im Geschehen, neugierig und experimentierfreudig, reiselustig und allem Neuen gegenüber aufgeschlossen. Er verstand sich auf rasantes Schreiben und entwickelte sich zu einem der modernsten Autoren seiner Zeit.

An Schreiblust mangelt es auch Robert Rauh nicht. Der Lehrer und Historiker macht sich auf in die Archive und an Fontane-Orte, plaudernd schildert er Begegnungen mit Fontane-Fans und -Verächtern, gräbt Geschichten aus; und es ist unglaublich, was er alles zutage fördert, ohne dass es redundant würde. In »Fontanes fünf Schlösser. Alte und neue Geschichten aus der Mark Brandenburg« besucht er die einstigen Adelssitze Hoppenrade, Liebenberg, Plaue, Quitzöbel und Dreilinden, in »Fontanes Ruppiner Land. Neue Wanderungen durch die Mark Brandenburg« geht es von Wustrau bis Gransee und Meseberg. Er fragt nach dem historischen Gehalt der Romane, dem Nachkriegsschicksal der Junkerklitschen, nach dem Dritten Reich und natürlich den Entwicklungen in den letzten 30 Jahren. Er sucht Augenzeugen bzw. deren Nachkommen und entwickelt geradezu kriminalistischen Ehrgeiz. Beide Bände lesen sich wie ein einziger Episodenroman, den man nicht mehr aus der Hand legen möchte.

Aus Rauhs Feder stammt auch »Fontanes Frauen. Fünf Orte - fünf Schicksale - fünf Geschichten«. Er spürt so akribisch wie unterhaltsam den Vorbildern für Fontanes Romane nach. Besonders gefallen hat mir die Geschichte der Grete Minde, die als ein weiblicher Kohlhaas um ihre Anerkennung kämpft und 1619 als angebliche Brandstifterin von Tangermünde der Justiz zum Opfer fällt.

»Fontanes Heimat. Einst und jetzt« hingegen ist eine Art Bild-Reiseführer, in dem historische Ortsansichten dem heutigen Weichbild gegenübergestellt werden. Eine schöne Idee. Dazu gibt es Historisches aus der Ortsgeschichte, in Beziehung gesetzt zur Gegenwart.

Wer es etwas eiliger hat und nicht die Muße findet, sich intensiver mit dem alten Herrn zu befassen, der greift gleich dem modernen Kaffeeschnelltrinker zu »Fontane to go«. »So zweifelsohne ist niemand, dass man ihm nicht seine Dämlichkeit auf irgendetwas beweisen könnte.« Wer wollte ihm da widersprechen.

Fontane und die Frauen sind ein ganz eigenes Kapitel. Auch wenn er im Duktus seiner Zeit den einen oder anderen flotten Spruch entäußert - respektlos war er nie. Im Gegenteil, er war ein »Frauenversteher«, ein guter Beobachter, der Konflikte erkannte, »… und gerade dadurch sind sie mir lieb, ich verliebe mich in sie, nicht um ihrer Tugenden, sondern um ihrer Menschlichkeiten, das heißt um ihrer Schwächen und Sünden willen«.

Fontane-Verfilmungen gibt es reichlich, das DDR-Fernsehen hatte sich allerdings seiner Frauenfiguren mit dem Ziel angenommen, ihren emanzipatorischen Gehalt herauszuarbeiten. Gelungen, wie ich finde, weil mit hochkarätigen Schauspielerinnen besetzt, die reichlich Erfahrung in Charakterdarstellungen mitbrachten.

Die DVD-Reihe »Frauenbilder« beginnt mit »Mathilde Möhring«, dargestellt von Renate Krößner, die wie in ihrem berühmtesten Film, »Solo Sunny«, eine durchsetzungsstarke Frau spielt, die ihren Traum von dem ihr angemessenen Leben verwirklichen will. Hier ist es der Aufstieg aus ärmlichen Verhältnissen, den sie mit Hilfe des verträumten Jurastudenten Hugo erreichen will und den sie zur Karriere treibt. »Stine«, gespielt von der immer etwas rätselhaft wirkenden Simone Frost, könnte durch eine Ehe mit einem Grafen der kleinbürgerlichen Enge entkommen, doch die Standesschranken scheinen unüberwindlich.

Als erster großer Frauenroman gilt die Vorlage zu »Melanie von der Straaten«, eine unerhörte Geschichte von einer Frau, die sich von ihrem viel älteren Mann trennt, mit ihrem neuen Partner eine neue Familie gründet und von ihrem Ex-Mann erpresst wird. Großartig Kurt Böwe als peinlicher, weil wurschtiger Berliner Geschäftsmann, ein Typus, der heute noch anzutreffen ist. In »Schach von Wuthenow« hingegen hält ein Offizier dem Spott seiner Kameraden nicht stand, als er sich in die von den Blattern gezeichnete Victoire verliebt und diese heiratet.

Jeder Film mit der großen Brecht-Diseuse Gisela May ist ein Muss, aber die Rolle der »Frau Jenny Treibel« ist ihr wie auf den Leib geschneidert: eine gnadenlose Fabrikantengattin, die ihren luschigen Sohn, gespielt von dem sehr jungen Henry Hübchen, standesgemäß verheiraten will. Nur hat der Sohn schon ein Kind mit dem Dienstmädchen …

»Effi Briest« ist die Geschichte einer Liaison, die eine junge, mit einem älteren Mann verheiratete Frau eher aus Kleinstadtlangeweile heraus beginnt. Jahre später fallen dem betrogenen Ehemann ihre Briefe in die Hand, und nur um der Ehre willen duelliert er sich mit dem Nebenbuhler und lässt sich scheiden. Effi aber verfällt der gesellschaftlichen Ächtung und wird selbst von ihren Eltern verstoßen. Bereits in diesem Film von 1970 zeigt Angelica Domröse ihre Fähigkeit, Frauen zwischen Leichtigkeit und größter Tragik zu spielen, die sie in der »Legende von Paul und Paula«, drei Jahre später gedreht, berühmt machen sollte.

»Die Poggenpuhls« sind ältester und ärmster märkischer Adel, das Jahr 1888 verbringen sie in der Mietskaserne. Die Majorswitwe von Poggenpuhl versucht mühsam den Schein aufrechtzuerhalten, ihre drei Töchter verdienen mit Gelegenheitsarbeiten dazu. Der Sohn soll beim Militär Karriere machen, sie alle aber tragen sich mit Heiratsplänen, um der Armut zu entkommen. Fontane hat den Roman als eine soziologische Charakterstudie einer Klasse im Untergang angelegt, und die Verfilmung hält ordentlich mit. Neben Simone Frost, Ulrich Mühe und Jenny Gröllmann verleiht besonders die Theaterschauspielerin Margit Bendokat als standesbewusste Tochter diesem Kammerspiel eine durchaus intendierte Tragikomik.

Wem das nicht Fontane-Verfilmung genug ist, der greife zur Sammelbox mit »Der Stechlin« in zwei Teilen, »Vor dem Sturm« in sechs Teilen und den »Wanderungen durch die Mark Brandenburg«, sämtlich bundesdeutsche Fernsehinszenierungen mit einem guten Gespür für Details und Stimmung.

»Vor dem Sturm« ist die Geschichte einer Ménage-à-trois vor dem Hintergrund der antinapoleonischen Kriege. Die Familie der Stechlins gerät in Wirren, die der zweifach verliebte Junior verursacht. Die »Wanderungen« sind liebevoll und komödiantisch in Szene gesetzt. mps