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Bücher für das Klima

Aktivist*innen von »Extinction Rebellion« errichten in Berlin eine Blockade und rufen zu weiteren Protesten auf

  • Von Katharina Schwirkus
  • Lesedauer: 4 Min.

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Klimaaktivisten der Bewegung
Klimaaktivisten der Bewegung "Extinction Rebellion" blockieren nach einer Pressekonferenz die Warschauer Straße und verteilen ihr Buch "Wann wenn nicht wir".

»Wenn ich darüber rede, wie ich zu «Extinction Rebellion» gekommen bin, treibt es mich jedes Mal zu Tränen«, sagt Timo Lindner zu »nd«. Der Klimaschutzaktivist steht mit etwa 50 anderen Aktivist*innen auf der Warschauer Straße in Berlin, kurz vor der Warschauer Brücke. Sie blockieren die zweispurige, viel befahrene Straße, um auf die Klimakrise aufmerksam zu machen.

»Seit Ende letzten Jahres habe ich eine Nichte und habe selber seit fast 20 Jahren einen Kinderwunsch. Seitdem meine Nichte auf der Welt ist, habe ich sehr große Sorge um ihre Zukunft«, holt Lindner aus. Seinen Aktivismus für den Klimaschutz begründet er mit den Worten: »Ich schäme mich fast dafür, dass ich in meinem vergangenen Leben nicht dafür gesorgt habe, dass meine Nichte ihre Zukunft nicht so verleben kann, wie ich meine Vergangenheit bisher gelebt habe.«

Seit 15:30 Uhr blockieren die Aktivist*innen von »Extinction Rebellion«, (zu Deutsch: »Rebellion gegen das Aussterben«, kurz »XR«) die Warschauer Straße. Zuvor haben einige von ihnen eine Pressekonferenz abgehalten, bei welcher das Buch mit dem Titel: »Wann wenn nicht wir* - Ein Extinction Rebellion Handbuch« vorgestellt wurde. Lindner hat dort die Moderation übernommen, mit heller Hose und Jackett war er für einen Aktivisten ungewöhnlich bieder und gepflegt aufgetreten, aber auf seinem Rücken war das Symbol von XR, die als Kreuz dargestellte, ablaufende Sanduhr, in weißer Farbe aufgemalt. Neben der Vorstellung des Buches will die Bewegung auch zu einer Aktion zivilen Ungehorsams am 7. Oktober in Berlin aufrufen. An diesem Tag wollen die Aktivist*innen dafür sorgen, dass Berlin »still steht«.

Hannah Elshorst ist für den heutigen Tag extra aus Frankfurt angereist, wo sie sich in der Gruppe »selbstorganisiertes System« einsetzt. Die junge Frau sagt gegenüber »nd«, dass sie »XR« zunächst »belächelt« habe. »Doch als ich dann hörte, dass die in London die fünf größten Brücken blockiert haben, dachte ich mir: Geil, das muss auch in Deutschland passieren« berichtet Elshorst. Kurzer Hand entschied sie, ihr Studium der Politikwissenschaften und Kunst abzubrechen. »Seither ist es mein Leben«, sagt sie stolz. Sie lebt von Ersparnissen und »Solidaritätsstrukturen«.

Blockade mit Büchern = »Book-Kade«

Ursprünglich war den Journalist*innen angekündigt worden, dass das Buch auf der Pressekonferenz ausgeteilt werden würde. Doch es kam anders: Gegen Ende der Konferenz kamen zwei Aktivist*innen, aufgeregt und völlig außer Puste und berichteten, dass sie die Bücher nicht bis zum Ort der Konferenz hätten bringen können.

»Da ist eine Book-kade« sagte einer der Aktivist*innen. Sie forderten die Journalist*innen auf, ihnen zu folgen und geleiteten sie zu der in etwa ein Kilometer entfernt gelegenen Warschauer Straße. Dort hatten »XR«-Aktivist*innen bereits eine Blockade errichtet. Etwa 500 Autos wurden aufgehalten, zunächst waren nur 20 Polizeibeamte vor Ort.

Während auf der Straße die pinkfarbenen Bücher verteilt werden, hupten die Autofahrer*innen. Florian Schreiber, in junger Mann in Cabriolet, sagt zum »nd«: »Ich finde solche Blockaden nicht gut, denn man sollte mit Argumenten überzeugen und nicht mit solchen Aktionen.« Schreiber führte aus, dass man Menschen den Weg blockiere, die wichtige Termine hätten, wenngleich er »Verständnis für die Interessen der Demonstranten« habe. Ein anderer Autofahrer, der nicht namentlich erwähnt werden möchte, sagt, dass ihn die Blockade nicht störe, »aber das Gehupe von den anderen Autofahrern«.

Mit voranschreitender Zeit kommen immer mehr Polizeiwannen, gegen 16:00 Uhr sind bereits doppelt so viele Polizist*innen wie Aktivist*innen vor Ort. Der Einsatzleiter bittet die Demonstrant*innen drei Mal, die Blockade freiwillig zu räumen. Derweil wird der Verkehr umgeleitet, die Autofahrer*innen müssen umdrehen, und andere Wege fahren.

Gegen 16:30 Uhr sprechen einzelne Polizeibeamte die Aktivist*innen persönlich an, bitten Sie die Straße zu räumen und weisen sie auf strafrechtliche Konsequenzen hin. Viele stehen auf und gehen auf den nahe gelegenen Bürgersteig, etwa 10 Aktivist*innen bleiben jedoch vehement sitzen. »Wenn Sie jetzt nicht aufstehen, begehen Sie eine Straftat. Das ist genauso, wie wenn sie jemanden schlagen«, sagt ein Polizeibeamter zu einem Aktivisten. Doch er und ein weiterer Mann bleiben sitzen.

Es riecht nach Popcorn

Die beiden Männer werden von der Polizei weggetragen, einer von ihnen muss mit der Polizei mitfahren, der andere wird einfach auf dem Bürgersteig abgesetzt. Dort feiert »XR« die Aktion mit Popcorn. Sie lesen sich gegenseitig aus dem pinken Buch vor, singen Lieder und schwenken ihre bunten, mit dem Kreuz bemalten, Fahnen. Einige Passant*innen haben sich zu ihnen gesellt und befragen sie eifrig, was sie hier machen, wer sie sind und wozu das Ganze ist. »Wie heißt das hier? Ich will das auf Instagram posten«, fragt ein junger Mann und tippt kurz darauf in sein Smartphone: »Extinction Rebellion«.

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